Linkskatholisch

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Sanduhr

Lk 1,39–56, Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August)

#Predigt #Heilige #Lk

I

O Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht? »Die Welt ist tief, Und tiefer als der Tag gedacht. Tief ist ihr Weh –, Lust – tiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit –, will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil

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Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris

Lk 24,1-12, Osternacht C

#Predigt #Ostern #Lk

I

Aus dem Dachstuhl von Notre-Dame in Paris schlägt lichterloh das Feuer. Eine Zeitlang ist nicht klar, ob diese Kirche gerettet werden kann. Erschütterung bricht sich auch in ganz und gar weltlichen Beobachtern des Geschehens ihre Bahn: Beinahe, so heißt es, wären das »Herz und die Seele« einer Nation, ja ganz Europas, in Schutt und Asche gelegen. Schon ist von einer notwendigen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln die Rede, und sogar davon, dass die säkulare Kultur durch den Verlust des Glaubens diese Katastrophe irgendwie mit verschuldet hätte 1. Jetzt habe man es buchstäblich vor Augen, wie mit dem Glauben auch die eigene Identität verloren ginge.

Wenn das die Konsequenz aus dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame sein sollte, dann wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre ein Raub der Flammen geworden, so sehr es mir bitter leid getan hätte um dieses unersetzliche Zeugnis europäischer Geschichte und Kultur.

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Blick in eine Synagoge

Jes 6,1-2a.3-8

#Predigt #Jes

I

Plötzlich löst sich die Stimmenverwirrung und – ein feierlicher Schreck fährt durch die Glieder – einheitlich, klar und unmissverständlich hebt es an: qadosch qadosch qadosch elohim adonai zebaoth maleu haschamajim wahaarez kebodo (Heilig Heilig Heilig ist Gott, der Herr der Heerscharen! Himmel und Erde sind seiner Herrlichkeit voll). Ich habe das Sanctus Sanctus Sanctus von den Kardinälen in St. Peter und das Swiat Swiat Swiat in der Kathedrale des Kreml und das Hagios Hagios Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabendsten Worte, die je von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.

Rudolf Otto, Das Heilige 1, S. 13

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Zerfließende Zeit

Lk 1,1–4; 4,14–21, Dritter Sonntag im Jahreskreis C

#Predigt #Lk

I

Corona

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt:   wir sind Freunde. Wir schälen die Zeit aus den Nüssen   und lehren sie gehn: die Zeit kehrt zurück in die Schale.

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Eisenbahn-Tunnel

Ijob

#Predigt #Ijob

I

Ein vierundzwanzigjähriger [Student], fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige) nicht allzu nah an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen konnte, zu verstopfen, derart, dass er Zigarren rauchte … und über seiner Brille eine zweite trug, eine Sonnenbrille, und in den Ohren Wattebüschel: Dieser junge Mann, noch von seinen Eltern abhängig und mit nebulösen Studien auf der Universität beschäftigt, die in einer zweistündigen Bahnfahrt zu erreichen war, stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig, um anderentags ein Seminar zu besuchen, das zu schwänzen er schon entschlossen war.

Friedrich Dürrenmatt ​1

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Sternschnuppen

Joh 12,24–26, Heiliger Laurentius (10. August)

#Predigt #Heilige #Joh

I

Lange laue Sommernächte wie im Urlaub in südlichen Ländern konnten wir in den letzten Wochen genießen: draußen sitzen, die angenehme Abendluft spüren, miteinander plaudern und uns unter den Sternen am Himmel ganz leicht und frei fühlen. Nach einer kurzen Abkühlung könnte heute wieder so eine Nacht sein. Wer morgen nicht gleich früh aufstehen muss, kann sich ein Plätzchen mit freier Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Besonderes am nächtlichen Himmel beobachten: Sternschnuppen. Und weil es regelmäßig um genau die Zeit des Jahres herum, wo wir das Fest des heiligen Laurentius feiern, ungewöhnlich viele Sternschnuppen sind, nennt man dieses Phänomen seit alter Zeit auch die Laurentiustränen. Man bringt diese kleinen glühenden Spuren am Himmel in Verbindung mit dem Martyrium des Laurentius, der in der Glut zu Tode gekommen sein soll und so ein Zeugnis für seinen Glauben abgelegt hat.

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Indiana Jones

Num 21, 4–9, Dienstag der fünften Woche der Fastenzeit

#Predigt #Fastenzeit #Num

I

Indiana Jones, der verrückte Archäologie-Professor ist ein typischer Held von Kinder- und Jugendträumen. Die Abenteuer, die er erlebt, stehen dafür, dass selbst in einer modernen, technisch geprägten Welt das Unmögliche und Fantastische wahr werden kann. Indiana Jones macht sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral und geheimnisvollen indischen Kultgegenständen; selbst die Bundeslade findet er und rettet sie – eine Wunderwaffe – vor dem Zugriff der Nazis.

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Steuermann im Sturm

Mt 4,1–11, Erster Sonntag der Fastenzeit (A)

#Predigt #Fastenzeit #Mt

I

Ich stehe am Steuer meines Lebensschiffes. Die Gischt schäumt um den Bug, kühn schaue ich nach vorne, den Blick in die Ferne gewandt. Wie ein Held breche ich auf ins Unbekannte, um mir meine Zukunft zu holen, von der ich geträumt habe – ein Leben, das mir gehört und das ich nach meinem Willen gestalten kann, anders als Tradition und Herkunft es mir sagen. Alle kühnen Abenteurer sind auf diese Weise aufgebrochen, angefangen von den Sagengestalten der Antike bis zu den Eroberern der Neuen Welt und in fernen Jahrhunderten die Mannschaft der Enterprise.

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