«linkskatholisch«?
Warum «linkskatholisch«?
Der Begriff «linkskatholisch« mag eigenartig klingen. Er steht aber in einer langen und gut begründeten theologischen Tradition. Zunächst weist er darauf hin, dass katholisches Denken keineswegs immer politisch konservativ oder reaktionär sein muss. So unterschiedliche Persönlichkeiten wie Carl Leonhard Reinhold, Johann Michael Sailer oder Karl Theodor von Dalberg versuchten eine produktive Auseinandersetzung mit dem Denken der Aufklärung, der Philosophie Kants und des Deutschen Idealismus.
Ab dem ausgehenden 19. bis weit in das 20. Jahrhundert gab es politische Strömungen innerhalb des Katholizismus, die sich im konservativen Zentrum nicht repräsentiert sahen und die als »Linkskatholizismus« oder »Herz-Jesu-Sozialismus« bezeichnet wurden. Im weiteren Sinne kann man alle theologischen und kirchenpolitischen Richtungen, die sich der sozialen Frage verpflichtet sehen und die theologisches Denken an den Vorgaben der Moderne und der autonomen Vernunft orientieren, als »linkskatholisch« verstehen 1.
Links ist auch der Ort, an dem das Herz bei allen Wirbeltieren schlägt. Davon ausgehend verbinde ich für mich persönlich einen politischen Linkskatholizismus mit theologischen und philosophischen Motiven. Manches an der traditionellen Herz-Jesu-Verehrung mag für uns Heutige antiquiert wirken, das Herz steht aber bei vielen Theologen für ein sehr unkonventionelles und der Moderne affines Denken. Karl Rahner sieht in Christus als dem fleischgewordenen λόγος das Herz aller Wirklichkeit und eröffnet damit einen Spielraum für den Gedanken der Alleinheit. In die Spur dieses Denkens reiht sich Papst Franziskus mit seiner Enzyklika »Dilexit nos« ein und möchte mit dem Rückgriff auf das »Herz-Wort« Impulse geben »für eine Philosophie und Theologie, die eine ganzheitliche Synthese anstreben.«
Das Logo von «linkskatholisch« greift diese verschiedenen historischen und systematischen Aspekte auf und verwandelt sie zugleich in etwas Neues. Ausgangspunkt ist die traditionelle Darstellung des »Herz Jesu« mit einem von einer Dornenkrone umflochtenen und mit einem Kreuz bekrönten Herzen, dem eine Flamme entspringt. Die Symbolik von «linkskatholisch« bewahrt die traditionellen Motive von Kerz, Flamme und Kreuz in stilisierter Form und verbindet sie besonders mit dem Alleinheitsgedanken: Die Dornenkrone wird zu einer liegenden Acht, dem Symbol für das »En Sof«, die absolute Wirklichkeit in der kabbalistischen Mystik. Ihr verdankt sich in der Tradition Isaak Lurias das panentheistische Konzept des »Tzimtzum«, in dem die Einheit von Absolutem und Endlichem so gedacht wird, dass das Absolute sich zurückgenommen hat, um dem Endlichem in ihm Raum zu geben. Später findet dieser Gedanke sich wieder in einem der Leitsätze der Philosophie Baruch de Spinozas: »Quicquid est, in Deo est, et nihil sine Deo esse neque concipi potest.« (Ethica, ordine geometrico demonstrata, Pars I, Propositio XV)
In der Gegenwart wurden diese Ansätze insbesondere in der Philosophie Dieter Henrichs und dem religionsphilosophischen Entwurf Klaus Müllers aufgegriffen.
Für den Entwurf des Logos von «linkskatholisch« danke ich ganz herzlich Daniel Frank, der es vorzüglich verstanden hat, die Ideen hinter dem Konzept von «linkskatholisch« sinnenfällig zu bündeln und in ein zeitgemäßes Gewand zu kleiden.
Wer ist für «linkskatholisch« verantwortlich?
Hinter «linkskatholisch« stehe ich, Hermann Josef Eckl. Ich wurde im niederbayerischen Straubing an der Donau geboren und bin dort aufgewachsen. Mein Studium der Germanistik, Philosophie und Theologie führte mich nach Regensburg, Freiburg im Breisgau und Münster. Zurückgekehrt nach Regensburg war ich beruflich lange Zeit in der kirchlichen Jugendarbeit und in der Hochschulseelsorge tätig. Seit Herbst 2024 bin ich Klinikseelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und seit Herbst 2025 Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie an der Universität Passau.
1 Keinesfalls geht es also um eine »radikale« oder »naiv-wörtliche« Glaubenspraxis, und schon gar nicht um ein »integrales Christentum«, eher um das glatte Gegenteil: einen Glauben, der Raum lässt für Diversität, Zweifel und Fragilität.