Spiritualität & Theologie

Die Texte auf dieser Seite und anderswo, ebenso mein gesprochenes Wort und meine Tätigkeit als Seelsorger stehen unter bestimmten Vorgaben. Dazu gehören meine Ausbildung als Philosoph und Theologe, mein Interesse an Literatur, Kunst und Musik und meine Freude an der Natur- und Vogelbeobachtung. Daraus erwächst das Bemühen um eine ganzheitliche Lebenseinstellung, die ich »Spiritualität« nennen möchte.

»Spiritualität« ist ein Modewort, das beinahe Beliebiges bedeutet kann. Recht verstanden hat der Begriff aber einen klar umrissenen Sinn. Für mich meint »Spiritualität« zunächst einfach das, was traditionell als »Frömmigkeit« bezeichnet wurde: das Verständnis des eigenen Lebens aus einer reflektierten religiösen Überzeugung und ein Handeln gemäß dieser Überzeugung.

Unter den Bedingungen der Moderne kann dies aber nicht mehr heißen, lediglich einer bestimmten von außen auferlegten Lehre zu folgen. Auch Spiritualität steht unter dem Vorzeichen der neuzeitlichen Wende zum Subjekt. Spirituelle Haltungen bilden sich nicht in erster Linie aus der Übernahme fremder Vorgaben, sondern auf der Grundlage meines eigenen Gewissens; sie müssen Bestand haben vor dem Forum der kritischen Vernunft und sich im Diskurs mit anderen bewähren.

Prägend für mein Verständnis von Spiritualität ist neben vielen anderen Quellen der von Dieter Henrich und Klaus Müller inspirierte Gedanke einer panentheistisch verstandenen Alleinheit, die Transzendenz und Immanenz, ich und Welt, Gott und Mensch umgreift.

Spiritualität ist für mich ein Erfahrungsweg. Eine spirituelle Lebenshaltung kann niemandem aufgedrängt oder angelernt werden. Sie besteht nicht in der Übernahme fertiger Formeln, sondern wächst aus der Integration umfassender und vielfältiger eigener Lebenserfahrung. Spiritualität setzt einerseits den Glauben mit dem Alltagsleben in Beziehung und hilft andererseits, den alltäglichen Erfahrungen aus der Glaubensüberzeugung heraus Tiefe und Sinn zu geben.

Spiritualität ist ebenso ein Weg kritischer Vergewisserung. Sie hat zu tun mit dem letzten Grund, der mich trägt. Das ernsthafte Mühen um eine spirituelle Lebenshaltung beinhaltet die kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen der eigenen Glaubensüberzeugung und fördert damit ebenso die Bildung des persönlichen Gewissens wie ein vertieftes Verständnis des Glaubens.

Für mich ist Spiritualität auch ein Weg der Einheit von Glauben und Leben. Sie dient dem Bemühen, das eigene Leben aus einer einheitlichen Perspektive begreifen zu können und Weltliches und Religiöses nicht als zwei voneinander getrennte Bereiche zu erfahren; gleichwohl dem Säkularen sein eigenes Recht zu geben. Gottesverhältnis und Weltverhältnis gehören untrennbar zusammen; eine spirituelle Lebenshaltung verbindet diese beiden Dimensionen zu einem einheitlichen Erfahrungsbereich. Sie ist nicht nur geprägt durch die persönliche Gottesbeziehung, sondern wirkt auch hinein in den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Bereich.

Nicht zuletzt ist Spiritualität ein Weg von innen nach außen. Weil sie alle Dimensionen des Lebens umfasst, hat Spiritualität so gut wie immer auch politische Wirkungen. Echte Spiritualität tritt mit konkretem gesellschaftlichem Engagement allem entgegen, was Leben hindert, verletzt oder begrenzt. Sie ist damit – als gelebte Form religiöser Überzeugung – geradezu prädestiniert, auch in die Diskurse einer säkularen Gesellschaft das Sinnpotential des Glaubens einzuspeisen.