Geschmack des Lebens

Mt 5, 13–16, Fünfter Sonntag im Jahreskreis A
I
Der menschliche Geschmackssinn kann fünf grundlegende Geschmacksrichtungen wahrnehmen: süß und sauer, fleischig, bitter – und salzig. Den Geschmack von Salz kennen wir alle. Viele Speisen verfeinern wir mit Salz: Fleisch und Gemüse, Salate und Suppen und einiges mehr. Salz kann helfen, das Geschmackserlebnis eines guten Gerichts zu steigern.
Aber woher bekommt das Salz selbst seinen Geschmack? Und wie kann es passieren, dass es schal wird und diesen Geschmack verliert, wovon Jesus im Evangelium spricht?
Reines Kochsalz, Natriumchlorid, ist eine stabile chemische Verbindung und kann gar nicht geschmacklos werden. Es bleibt immer salzig. In der Antike aber, bis hinein in die Neuzeit, wurde Salz oft aus unreinen Quellen gewonnen, z. B. mit anderen Mineralien vermischtes Meersalz oder Salze aus bestimmten Salzseen, wie dem Toten Meer. Aus diesem Gemisch konnte bei Feuchtigkeit das Natriumchlorid herausgewaschen werden, sodass nur die geschmacklosen oder bitteren unlöslichen Verunreinigungen übrig blieben. Dieses »Rest-Salz« hatte dann seine Würzkraft verloren.
Dennoch kann Salz durchaus unterschiedlich schmecken, je nachdem, welche anderen Stoffe aus dem Meerwasser oder aus Gebirgskristallen noch beigemischt sind. Spitzenköche und Genießer wissen das. Es geht also beim Salz keineswegs um die Reinheit, im Gegenteil. Erst durch die Vermischung verschiedener Substanzen und erst durch die Reaktion mit den Geschmackszellen schmeckt das Salz. Denn der salzige Geschmack von Kochsalz beruht auf der Reaktion der Natrium-Ionen mit Rezeptoren auf unserer Zunge. Dadurch werden Neurotransmitter freigesetzt und Signale an das Gehirn gesendet, die wir als »salzig« interpretieren. Der salzige Geschmack ist für unseren Körper lebenswichtig, weil er uns hilft, Natrium aufzunehmen, das für die Regulierung des Wasserhaushalts, den Blutdruck und die Nerven- und Muskelfunktion unerlässlich ist.
II
Die Aufforderung Jesu an seine Jünger, Salz der Erde zu sein und ja nicht schal zu werden, kann uns leicht unter Druck setzen. Es könnte so scheinen, als würde es gewaltige Mühe kosten und wäre fast unmöglich, Jesu Botschaft möglichst rein und unverfälscht zu bewahren. Und als müssten wir uns mit ständiger Anstrengung um eine möglichst große Intensität des frommen Geschmackserlebnisses bemühen. Solche Forderungen lassen sich dann auch leicht instrumentalisieren von Gruppierungen oder von Kirchenoberen, die für sich das alleinige Wissen über die richtige Zubereitung der Elemente unseres Glaubens in Anspruch nehmen.
Nur wenn du die biblischen Texte wortwörtlich nimmst und nur wenn du an bestimmten Traditionen um keinen Preis etwas veränderst, bewahrst du das Salz des Glaubens unverfälscht – obwohl manche kirchliche Lehren und manche Traditionen vielleicht gar nicht auf Jesus zurückgehen, sondern sich über Jahrhunderte durch das Tun von Menschen entwickelt haben. Jeder Versuch, die Botschaft Jesu in die jeweilige Zeit und die jeweilige Gesellschaft hinein zu übersetzen, jeder Versuch, nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem eigentlichen Sinn zu fragen, wird dann als »Verunreinigung« des Glaubens gebrandmarkt. Wenn Christinnen und Christen, Männer und Frauen an Ämtern und Diensten der Kirche teilhaben wollen, wenn allen Menschen ohne Unterschied Gottes Zuneigung und Segen zugesprochen werden soll – dann, so heißt es, ist das Salz des Glaubens schal geworden. Aus so einem weichgespülten Glauben ist die Substanz ausgewaschen wie der Geschmack aus dem Salz. Er taugt zu nichts mehr, wird weggeworfen und zertreten.
III
Damit aber wird, so meine ich, missverstanden, was Jesus sagen wollte. Ein dermaßen auf Perfektion getrimmter Glaube ist in Wirklichkeit eine Geschmacklosigkeit. Jesus geht es nämlich nicht um eine vermeintliche »Reinheit« des Glaubens und auch nicht um Perfektion in der Wiedergabe irgendwelcher religiöser oder moralischer Lehren.
Jesus weiß um die Vielfalt des Lebens. Jesus weiß auch, dass die Lebenssituationen von Menschen so vielfältige Geschmacksvariationen haben wie das Salz: Steinsalz und Meersalz, Himalaysalz und Fleur de Sel aus der Camargue, Gewürzsalz und Rauchsalz.
Unser Glaube schmeckt gerade dann gut, wenn wir das Salz in seiner unreinen Mischung belassen. Freilich müssen wir sorgsam mit dem Salz umgehen, damit der Geschmacksstoff nicht ausgewaschen wird. Aber auch das vermeintliche »Unreine« gehört dazu, weil es erst dies die interessanten zusätzlichen Aromen ergibt. Und es ist auch vollkommen normal, dass der eine Mensch sich mehr von diesem, der andere mehr von jenem Aroma angesprochen fühlt.
Daher wäre es nicht gut, allen Menschen ohne Unterschied das gleiche Salz vorzusetzen. Vielmehr gilt es, das Salz der Glaubensbotschaft wie bei einem guten Gericht auf die jeweiligen Lebensumstände und Bedürfnisse der Menschen abzustimmen. Die stille Zurückgezogenheit im Gebet, die Anteilnahme am Gottesdienst oder der praktische Einsatz in Politik und Gesellschaft können gleichermaßen zum wohlschmeckenden Zeugnis für das Evangelium werden. Salz wirkt auch nur in der richtigen Konzentration. Im Übermaß genossen verdirbt es den Geschmack und bringt die Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht. Dann stellt sich ein Bluthochdruck ein, der ähnlich schädlich ist, wie ein ständiger überspannter Glaubenseifer.
Ein Letztes: Wir können das Salz gar nicht selbst salzig machen. Der Geschmack des Salzes entsteht erst auf unserer Zunge. Erst wenn das Salz auf einen lebendigen Menschen und sein Geschmacksempfinden trifft, wird es wirklich zum Salz. Glaube ist also immer auch ein Geschehen von Kommunikation und Dialog. So hat Jesus es gehalten: Er hat niemals sein Gegenüber überwältigt und überfordert. Und so sollen es auch wir als seine Jüngerinnen und Jünger halten.
Jesus gebraucht in seiner Rede ein doppeltes Bild: Er spricht vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Beide Bilder münden in die Schlusspointe, die zeigt, worauf es letztlich ankommt: auf die »guten Taten«. Nicht auf die vermeintliche Reinheit des Glaubens und die Strenge der Gebote, sondern darauf, dass meine Mitmenschen und ich zu einem gelungenen Leben finden. Das passt zum Kontext der Bergpredigt, in die diese Bildworte gestellt sind: Sie möchte zu eben jenem guten Leben hinführen. Und ich glaube, das haben wir auch schon alle oft genug erfahren: Solch ein gutes Leben schmeckt man dann einfach. Wie bei einem guten Gericht, weiß man, wann es passt. Lassen wir uns also das Leben schmecken, mit einer Prise Salz, aber nicht zu viel.
Bild © Ekaterina Shishina, unsplash
«linkskatholisch«
Hier schreibt Hermann Josef Eckl, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.