Aufbrechen, wohin ich will

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Mt 17,1–9, 2. Fastensonntag A

#Predigt #Mt #Fastenzeit

I

Nie, sterblichen Meistern gleich Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden, Dass ich wüsste, mit Vorsicht Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, dass er kräftig genährt, danken für alles lern und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will. 1

II

Nicht des ebenen Pfads führen die Erzählungen der Evangelien Jesus und seine Jünger am Zweiten Fastensonntag2, sondern zunächst auf einen geheimnisvollen Berg und von dort ins Ungewisse. Wo diese Begebenheit stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht genau. Die spätere Überlieferung hat den Berg als den Tabor identifiziert, der schon lange vor Jesu Zeiten ein heiliger Ort war. Einsam und weithin sichtbar ragt der Tabor über den See Genezareth und das weite Land der Jesreʿel-Ebene auf. Ihn zu besteigen ist ein gemütlicher Spaziergang, und doch fühlt man sich auf dem Gipfel herausgehoben aus dem Alltag, abgeschirmt vom täglichen Trubel und beschützt.

Der Erzähler des Matthäus-Evangeliums hat diese Szene bewusst komponiert, als Zwischenetappe auf dem Weg Jesu nach Jerusalem. In der Rückschau wusste man, dass ihn dort sein Prozess und die Hinrichtung erwarten würden. Das Evangelium spricht davon in Andeutungen, die die Jünger nicht verstehen. Kurz vorher schon haben sie geradezu wütend reagiert, als Jesus sein Schicksal angedeutet hat (Mt 16,22-23).

Wir sind jetzt in den Wochen der Fastenzeit mit Jesus unterwegs. Wir gehen mit ihm auf den Karfreitag und auf Ostern zu. Vielleicht haben wir dieselben Fragen wie die Jünger damals: War es unausweichlich, dass Jesus auf den Tod zugeht? Hätte er nicht einfach auch Erfolg haben können mit seiner Botschaft eines bedingungslos liebenden und erbarmenden Gottes? So haben es sich seine Anhänger erträumt und in Jerusalem erwartet. Die bittere Enttäuschung darüber sollte noch Jahrzehnte nach Jesu Tod nachwirken, bis die ersten christlichen Gemeinden tastend zu Deutungen des Geschehens fanden.

Und Jesus selbst? Hat er diesen Tod gesucht? War er notwendig als Teil seiner Mission? Schon in den frühen Deutungsversuchen klingt das Motiv an: Jesus wäre gestorben wegen unserer Sünden oder für unsere Sünden. Später, in der mittelalterlichen Theologie3, wurde diese Deutung zugespitzt. Jesus wäre gestorben, um die Ehre eines durch die menschlichen Sünden beleidigten Gottes wiederherzustellen, und hätte durch seinen Tod Satisfaktion geleistet. Eine Genugtuung, die – weil es ja Gott war, der beleidigt wurde – nur durch Gott selbst geleistet werden konnte. So wurde die gesamte Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret unter das Zeichen eines vorprogrammierten Todes gestellt.

Diese Vorstellung hat unendlich viel Unheil angerichtet und unzählige Menschen von Gott und dem christlichen Glauben entfremdet. Nietzsche hat von einem »ehrsüchtigen Orientalen im Himmel« gesprochen4, der aus nichtigen Gründen ein grausames Opfer verlangt. Nimmt man zu diesem Bild von Gott ein Menschenbild hinzu, das den Menschen ausschließlich als unheilbaren Sünder sieht, dann ergibt sich daraus eine wahrhaft toxische Mischung. In den Händen der Mächtigen wurde sie zum Werkzeug, um Menschen moralisch unter Druck zu setzen: »Um deiner Sünden willen musste Jesus sterben, weil du so verdorben bist. Darum hast du all deinen natürlichen Lebensregungen zu misstrauen: deiner Sehnsucht nach Glück, deiner Freude am Genuss, deinem Verlangen nach Zuneigung und Liebe. Das alles ist böse und wird erst dann wieder gut, wenn Jesus am Kreuz dafür Sühne geleistet hat.«

Nicht ohne Grund haben Religionskritiker wie Nietzsche und Freud diesen Glauben als krankmachend eingeschätzt. »Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war«, schrieb der 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilman Moser5. Und ganz aktuell hat der Exeget Peter Trummer in einem Beitrag der Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« und weiter ausgearbeitet in einem Buch6 diese Form von Theologie attackiert und vorgeschlagen, wir sollten am besten gleich ganz auf den Gedanken eines Gottmenschen Jesus Christus verzichten, der für uns Menschen hätte leiden müssen. Jesus habe so etwas nie gewollt.

III

Ist es also eine Erfindung, dass der Evangelist die herrliche, lichterfüllte Begebenheit am Tabor unter den Schatten des bevorstehenden Todes Jesu stellt? Denn genau das meint der geheimnisvolle Schlusssatz, erst nach der Auferstehung und damit auch dem Kreuz, dürfe von alldem berichtet werden.

Jesus hat das Leben ganz sicher leidenschaftlich geliebt. Das zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Armen, Kranken, Notleidenden und Entrechteten. Das zeigt sich auch in Jesu Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Und an der Zärtlichkeit, mit der er die unscheinbarsten Dinge wertgeschätzt hat: die Lilien und die Spatzen auf den Feldern. Nirgendwo ist davon die Rede, dass der Gott, für den Jesus so unermüdlich Zeugnis abgelegt hat, für sein Erbarmen und seine Zuneigung eine Gegenleistung verlangen würde. Im Gegenteil: Der Gott Jesu Christi liebt bedingungslos und unterschiedslos.

Warum also geht der Abstieg vom Tabor in den Tod hinein? Es wäre ein allzu harmloses Bild von Jesus und seiner Botschaft, wenn wir ihn zu einem naiven Charismatiker machen würden, der das Schwere, das uns in unserem Leben begegnet, Schmerz und Krankheit, Hass und Gewalt, und vieles zweifellos Böse, was sich im Menschenherzen findet, einfach weglächeln würde. »Alles ist gut und Gott ist ganz ungeheuer nett.« Die so von Gott sprechen, hat der Grazer Philosoph Peter Strasser zurecht »Seligkeitsidioten«7 genannt.

Jesus war gekommen, um von dem liebenden Gott zu sprechen, aber auch, um dem Bösen, für das er einen sehr realistischen Blick hatte, etwas entgegenzusetzen. Jesus reiht sich ein in die Machtkritik der Propheten des Ersten Testaments. Er weiß um den Willen zur Macht eines Herodes, der alles totmachen möchte, was sich seiner Herrschaft entgegenstellt, er weiß um den Fanatismus derer, die – am liebsten mit ihm als Anführer – als Gotteskrieger die Römer vertreiben wollen, er weiß um die sozialen Gegensätze, die von der Spitze der Gesellschaft bis in den Alltag der kleinen Leute hineinwirken, er weiß um die Kaltherzigkeit, mit der gerade jene, die eigentlich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind, anderen das Leben neiden. Und er weiß um die Heuchelei der frommen Funktionäre, die damals wie heute mit vermeintlich göttlichen Geboten andere schikanieren.

Und ebensowenig, wie er sich davon abbringen lässt, von Gottes Güte zu sprechen, hält Jesus den Mund, wenn es darum geht, diese Missstände zu benennen. Jesus ist sich dessen klar bewusst, dass er damit sein Leben riskiert. Mit beidem, mit seiner Gottesrede und seiner Machtkritik, bringt er die Großen und die Frommen zur Raserei. Wenn nämlich gilt, was Jesus sagt, und wenn die Menschen ihm glauben, dann untergräbt das jede Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Weg Jesu nach Jerusalem hin zu Verurteilung und Tod war also kein blöder Zufall. Jesus hat seine Botschaft und sein Handeln bewusst auf die Spitze getrieben, weil er zeigen wollte, dass der Gott, dem er so bedingungslos vertraute, auch noch in der äußersten existenziellen Not an der Seite von uns Menschen ist. Weder Hass noch Tod noch Gewalten der Höhe oder Tiefe können uns von Gottes Liebe scheiden, wie es der Apostel Paulus später ausgedrückt hat (Röm 8,38). In der Tat hat Jesus, durch seine Bereitschaft, bis zur äußersten Konsequenz zu gehen, den Kräften des Todes die Macht genommen, weil er sie im Letzten als wirkungslos entlarvt hat.

IV

Jetzt verstehen wir vielleicht, warum die Evangelisten in ihren Erzählungen vom Weg Jesu nach Jerusalem die Episode auf dem Tabor vorgeschaltet haben. In dieser bildhaft geschilderten Gottesbegegnung wird deutlich, woher Jesus die Kraft für sein Handeln genommen hat: Weil er sich grundsätzlich, von Anfang an und auf seinem ganzen Weg mit den Menschen in dieses warme, bergende und tröstende Licht hineingestellt wusste. Jesus hat von Gott nicht nur geredet, er hat Gottes unbedingte Nähe von innen heraus, aus seinem eigenen Herzen, erfahren. »Du bist mein geliebter Sohn«, sagt die Stimme aus der Wolke auf dem Tabor, so wie sie das schon sagte, als Jesus sich im Jordan taufen ließ. Jesus nimmt die Jünger mit auf den Berg, damit sie das nicht nur hören, sondern auch selbst für sich spüren können. Gottes Zusage gilt jedem Menschen ganz persönlich: »Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.« Verständlich, dass die Jünger nicht mehr weg wollen von dem Ort dieser Erfahrung. Aber Jesus weiß: Es gilt, sie hineinzutragen in den widerständigen und oft dunklen Alltag, damit wirklich das ganze Menschenleben hell wird von Gottes Zuneigung und Nähe. Mit Gott im Rücken haben Jesus und jene, die ihm folgen, die »Freiheit, aufzubrechen wohin« sie wollen8, weil sie vor nichts und niemandem mehr Angst haben müssen. Warum sie das können, zeigt die Erfahrung des Tabor, die sich ebenfalls mit einem Wort Hölderlins auf den Punkt bringen lässt:

Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.9


1 Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung, 1800). 2 Im Lesejahr A lesen wir von diesen Ereignissen bei Matthäus (Mt 17,1-9), in den Lesejahren B und C bei Markus (Mk 9,2-10) und Lukas (Lk 9,28-36). 3 Z. B. bei Anselm von Canterbury (Cur deus homo), dessen Gedankengang noch zugespitzt und vergröbert wurde. 4 Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 135 »Herkunft der Sünde«. 5 Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (Erstauflage). 6 Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Freiburg: Herder, 2026 und: Ders.: Jesus ohne Opfer, CiG 8/2026, 3f. 7 Peter Strasser: Idioten des Absoluten: Über das Weltfremde in uns, Paderborn: Fink, 2017. 8 Vgl. Anm. 1 9 Friedrich Hölderlin, Patmos (1803).

Bild: Tabor, PikiWiki Israel 19217 Geography of Israel.

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Hier schreibt Hermann Josef Eckl, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.