Zum Gedenken an Willi Räuschl
Willi Räuschl kam 1976 als Mesner nach Straubing St. Jakob. Seither hat er mein Leben und das meiner Familie begleitet. Über all die Jahre als Ministrant, Student, Seelsorger blieb meine Heimatgemeinde St. Jakob ein Bezugspunkt für mich – und Willi Räuschl war eine der wichtigsten Persönlichkeiten in dieser heimatlichen Welt. Ich bin ihm für sehr vieles zu großem Dank verpflichtet. So war es mir eine Ehre, für ihn das Requiem feiern und in der Ansprache seiner gedenken zu dürfen. R.I.P.
I
Wie anfangen bei jemandem, über den man so viele Geschichten erzählen könnte? Jeder und jede von uns, die heute gekommen sind, trägt wahrscheinlich seine, ihre persönliche Geschichte mit Willi Räuschl im Herzen. Wenn wir das zusammenlegen, was uns mit ihm verbindet, an Erinnerungen, Gesprächen, fröhlichen, aber auch tiefgehenden Erlebnissen, dann wird das ein dichter, bunt gewebter Teppich. Ein Teppich, an dem er selbst eifrig mitgeknüpft hat. Denn Geschichtenerzählen, das mochte Willi Räuschl. Im Laufe der Zeit waren in seinem Lebensmittelpunkt rund um die Basilika St. Jakob und das Mesnerhaus so viele Fäden zusammengelaufen, dass er zu ungeheuer vielen Dingen und Details, aber auch zu vielen Menschen eine Geschichte beitragen konnte.
Eines ist dabei entscheidend, und das verrät schon ganz viel über Willi Räuschl: Immer waren es gute Geschichten. Sie waren spannend, diese Geschichten, weil Willi so viel wusste. Er war ein geschichtlich und kunstgeschichtlich äußerst interessierter und auch gebildeter Mensch. Das Mesnerhaus mit seinem unvergleichlichen Charme war nicht nur eine Rumpelkammer mit Fronleichnamsältären, Lorbeerbüschen, Messgewändern und Ministrantenkleidern, Bügeleisen und allerlei Werkzeugen, sondern es hatte auch eine große Bibliothek mit Büchern über die Basilika und die Pfarrei, sowie die Kunst- und Kirchengeschichte der Region. Das allermeiste davon hatte er gelesen, denn neben dem stressigen Alltag als Mesner nahm Willi Räuschl sich dafür die Zeit. Viele Autoren dieser Schriften kannte er persönlich. Denn wenn jemand kam, um irgendetwas zu erforschen oder zu dokumentieren, dann wurde er natürlich vom Mesner begleitet — und befragt. So kam es, dass Willi Räuschl auch zu den unscheinbarsten Kleinigkeiten in der Basilika etwas Neues und Überraschendes sagen konnte. Alle durften an seinem Wissen teilhaben: die unzähligen Besucher, die in den Genuss einer Kirchenführung mit ihm kamen (darunter sogar der damalige Kardinal Ratzinger); und die Freunde, Weggefährten, Ministranten, Seelsorger, die oft staunten über wieder eine neue Geschichte, die sie von ihm hörten.
Die Geschichten rund um Willi Räuschl waren auch deswegen gute Geschichten, weil in ihnen nie ein böses Wort gefallen ist. Mesner Willi hatte Tag für Tag mit unterschiedlichsten Menschen zu tun: Diakonen und Priestern, vom Praktikanten über den Kaplan und den Stadtpfarrer bis hin zu vielen Ruhestandspriestern, dazu die vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrgemeinde. Wer da auch nur ein bisschen Ahnung hat, weiß: Das kann ziemlich anstrengend sein. Ebenso anstrengend wie bei manchem Kirchenbesucher die Geduld zu bewahren. Da gab es jene, die regelmäßig und treu zu den Gottesdiensten kamen, aber auch die neugierigen Touristen, von Willi liebevoll »Gaff und Guck« genannt. Willi Räuschl kannte seine Leute gut, ihre Eigenheiten, ihre Tugenden und Untugenden, er wusste von manchen Schicksalen, denn zwischen Sakristeitür und Opferlichtständer wurden auch tiefe Gespräche geführt. Aus den treffenden Charakterisierungen in Willis Geschichten — häufig mit der Bemerkung »ja no, hab i g'sagt« eingeleitet — blitzte immer ein gehöriger Schalk auf, eine gelassene Heiterkeit und vor allem eine tiefe Menschenfreundlichkeit, an der mancher professionelle Seelsorger sich eine Scheibe abschneiden könnte. Auch den schwierigen Zeitgenossen begegnete er mit Geduld und Freundlichkeit.
II
Willi Räuschls eigene Geschichte ist äußerlich unspektakulär und schnell erzählt. 1941 in Geiselhöring geboren, begann er nach der Schule eine Ausbildung zum Glaser. Das handwerkliche Geschick kam ihm später zugute und das Interesse an der Kunst war durch die Beschäftigung mit Kirchenfenstern und Bleiverglasung grundgelegt. Während dieser Zeit half er auch schon ehrenamtlich in seiner Heimatpfarrei in Geiselhöring mit, kam immer wieder mal nach Straubing St. Jakob und merkte: Der Mesnerberuf, das wär was für mich. 1976 ergab sich die Chance, und er wurde Stadtpfarrmesner. Fast ein halbes Jahrhundert sollte das dann sein Leben prägen. 2001 setzte eine schwere Erkrankung einen heftigen Einschnitt, seine Angehörigen und Freunde bangten um sein Leben. Aber Willi rappelte sich auf und kehrte ins Mesnerhaus zurück. Jetzt im Ruhestand und nebenamtlich tätig, aber im Grunde mit dem gleichen Engagement wie bisher. Bis 2020 war er jeden Tag in »seiner« Kirche, bis es die Gesundheit nicht mehr erlaubte und er nach Geiselhöring zu seiner Schwester und seiner Nichte zurückkehrte. Dort wurde er liebevoll betreut und später, als die gesundheitlichen Einschränkungen immer größer wurden und er zunehmend ans Bett gefesselt war, auch gepflegt. Nach einer letzten Krise um die Jahreswende merkte man ihm die Schwäche an, aber auch, dass er bereit war, in Frieden Abschied zu nehmen für die große Reise in die ewige Wohnung bei Gott. Vor knapp einer Woche ist er im Krankenhaus Mallersdorf verstorben.
III
Vielleicht aber ist das für ihn auch nur ein kleiner Umzug, denn im Hause des Vaters, in der Kirche und im Glauben, war Willi Räuschl immer zuhause. Nicht nur der Mesnerberuf, nicht nur die vielen interessanten Tätigkeiten, nicht nur die sozialen Kontakte waren ihm wichtig, sondern auch sein Glaube. Wie tief das bei ihm ging, merkte man an vielen äußeren Zeichen, so etwa seiner genauen Kenntnis der Liturgie. Auch damit hat er sich intensiv beschäftigt. Wo sie, vor allem am Anfang seiner Tätigkeit, fehlten, hat er viele liturgische Bücher und Materialien selbst angeschafft. Legendär war seine Sammlung an Fürbittbüchern. Eines der Bilder, das mir aus meiner Ministrantenzeit geblieben ist, ist der Stapel an Büchern, der für einen unserer damaligen Ruhestandspriester1 vorbereitet war, und der sie schon eine halbe Stunde vor Beginn der Werktagsmesse kritisch musterte, bis er aus der reichen Auswahl von Willi das Passende gefunden hatte. Kelche, Monstranzen, Schalen pflegte er sachkundig und manches ließ er auf eigene Rechnung renovieren. So wie er auch die Messgewänder und die Ministrantenkleidung pflegte. Noch 2019, als mein eigenes Messgewand für einen Fernsehgottesdienst der Hochschulgemeinde aufbereitet werden musste, kam ich natürlich zu ihm und keinem anderen. Willi war der Kirche treu, mit Verständnis und Geduld, aber immer auch mit seinem eigenen Kopf und niemals unkritisch. »Ich trete jeden Tag aus der Kirche aus«, meinte er einmal verschmitzt zu mir, »aber am nächsten Morgen wieder ein.« Er wusste, dass die Kirche aus Menschen besteht, und der Glaube nicht von einem einzelnen Pfarrer und auch nicht von hohen Würdenträgern abhängig ist. Denn auch von diesen hatte er genügend kennengelernt.
IV
So lebte und arbeitete Willi Räuschl wirklich als ein mündiger Christ. Über Jahrzehnte war er die eigentliche Mitte von Kirche und Pfarrei St. Jakob mit einer Fürsorge und Aufopferung, die ihresgleichen sucht. Doch mindestens ebenso lange war Jesus Christus, unser aller Herr und Bruder, seine Mitte. Bei meinem letzten Besuch bei ihm vergangenen Herbst zusammen mit meiner Mutter haben die beiden älteren Herrschaften sich eine Weile allein über Glauben und Leben unterhalten. Dabei kam die Rede auch auf das persönliche Gebet, das Willi mit dem Stundenbuch und besonders der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, gepflegt hat. Dort heißt es mit den Worten des Simeon:
»Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.«
So ist es gekommen. In Frieden konnte Willi Räuschl hinübergehen in die Wohnung, die Jesus ihm – so wie uns allen – bereitet hat. Hier hat er seine bleibende Heimat gefunden, die ihm ziemlich vertraut vorkommen dürfte, weil er sich mit dieser Wohnung im Vaterhaus ein Leben lang beschäftigt hat. Für uns bleibt er damit ein Weggefährte, nicht nur über die vielen Jahre und Jahrzehnte an Leben, die wir mit ihm teilen konnten, sondern auch einer, der uns jetzt den Weg zeigt, den wir heiter und gelassen gehen können: durch diese wunderbare Welt, die uns ein Stück Heimat ist, hin zur Heimat bei Gott, wo für uns alle eine Wohnung ist und wir zusammen das große Fest feiern mit feinsten Speisen, erlesenen Weinen – und niemals endenden Geschichten.
1 Karl Haller (1908–1995), langjähriger Pfarrer in Lohr am Main, der im Ruhestand in seine Heimat Straubing zurückkehrte und bis zu seinem Tod unermüdlich in der Seelsorge mithalf.
«linkskatholisch«
Hier schreibt Hermann Josef Eckl – Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau – über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.