<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
  <channel>
    <title>Linkskatholisch</title>
    <link>https://linkskatholisch.de/</link>
    <description>«linkskatholisch«</description>
    <pubDate>Thu, 09 Apr 2026 22:54:50 +0200</pubDate>
    <item>
      <title>Aufbrechen, wohin ich will</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/aufbrechen-wohin-ich-will</link>
      <description>&lt;![CDATA[image&#xA;&#xA;Mt 17,1–9, 2\. Fastensonntag A&#xA;&#xA;#Predigt #Mt #Fastenzeit&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Nie, sterblichen Meistern gleich&#xA;Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,&#xA;Dass ich wüsste, mit Vorsicht&#xA;Mich des ebenen Pfads geführt.&#xA;&#xA;  Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,&#xA;dass er kräftig genährt, danken für alles lern&#xA;und verstehe die Freiheit,&#xA;aufzubrechen, wohin er will. supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Nicht des ebenen Pfads führen die Erzählungen der Evangelien Jesus und seine Jünger am Zweiten Fastensonntagsupspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup, sondern zunächst auf einen geheimnisvollen Berg und von dort ins Ungewisse. Wo diese Begebenheit stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht genau. Die spätere Überlieferung hat den Berg als den Tabor identifiziert, der schon lange vor Jesu Zeiten ein heiliger Ort war. Einsam und weithin sichtbar ragt der Tabor über den See Genezareth und das weite Land der Jesreʿel-Ebene auf. Ihn zu besteigen ist ein gemütlicher Spaziergang, und doch fühlt man sich auf dem Gipfel herausgehoben aus dem Alltag, abgeschirmt vom täglichen Trubel und beschützt.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Erzähler des Matthäus-Evangeliums hat diese Szene bewusst komponiert, als Zwischenetappe auf dem Weg Jesu nach Jerusalem. In der Rückschau wusste man, dass ihn dort sein Prozess und die Hinrichtung erwarten würden. Das Evangelium spricht davon in Andeutungen, die die Jünger nicht verstehen. Kurz vorher schon haben sie geradezu wütend reagiert, als Jesus sein Schicksal angedeutet hat (Mt 16,22-23).&#xA;&#xA;Wir sind jetzt in den Wochen der Fastenzeit mit Jesus unterwegs. Wir gehen mit ihm auf den Karfreitag und auf Ostern zu. Vielleicht haben wir dieselben Fragen wie die Jünger damals: War es unausweichlich, dass Jesus auf den Tod zugeht? Hätte er nicht einfach auch Erfolg haben können mit seiner Botschaft eines bedingungslos liebenden und erbarmenden Gottes? So haben es sich seine Anhänger erträumt und in Jerusalem erwartet. Die bittere Enttäuschung darüber sollte noch Jahrzehnte nach Jesu Tod nachwirken, bis die ersten christlichen Gemeinden tastend zu Deutungen des Geschehens fanden.&#xA;&#xA;Und Jesus selbst? Hat er diesen Tod gesucht? War er notwendig als Teil seiner Mission? Schon in den frühen Deutungsversuchen klingt das Motiv an: Jesus wäre gestorben wegen unserer Sünden oder für unsere Sünden. Später, in der mittelalterlichen Theologiesupspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup, wurde diese Deutung zugespitzt. Jesus wäre gestorben, um die Ehre eines durch die menschlichen Sünden beleidigten Gottes wiederherzustellen, und hätte durch seinen Tod Satisfaktion geleistet. Eine Genugtuung, die – weil es ja Gott war, der beleidigt wurde – nur durch Gott selbst geleistet werden konnte. So wurde die gesamte Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret unter das Zeichen eines vorprogrammierten Todes gestellt.&#xA;&#xA;Diese Vorstellung hat unendlich viel Unheil angerichtet und unzählige Menschen von Gott und dem christlichen Glauben entfremdet. Nietzsche hat von einem »ehrsüchtigen Orientalen im Himmel« gesprochensupspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​4/span/sup, der aus nichtigen Gründen ein grausames Opfer verlangt. Nimmt man zu diesem Bild von Gott ein Menschenbild hinzu, das den Menschen ausschließlich als unheilbaren Sünder sieht, dann ergibt sich daraus eine wahrhaft toxische Mischung. In den Händen der Mächtigen wurde sie zum Werkzeug, um Menschen moralisch unter Druck zu setzen: »Um deiner Sünden willen musste Jesus sterben, weil du so verdorben bist.  Darum hast du all deinen natürlichen Lebensregungen zu misstrauen: deiner Sehnsucht nach Glück, deiner Freude am Genuss, deinem Verlangen nach Zuneigung und Liebe. Das alles ist böse und wird erst dann wieder gut, wenn Jesus am Kreuz dafür Sühne geleistet hat.«&#xA;&#xA;Nicht ohne Grund haben Religionskritiker wie Nietzsche und Freud diesen Glauben als krankmachend eingeschätzt. »Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war«, schrieb der 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilmann Mosersupspan id=&#34;Verweis5&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​5/span/sup. Ganz aktuell hat der Exeget Peter Trummer in einem Beitrag der Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« und weiter ausgearbeitet in einem Buchsupspan id=&#34;Verweis6&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​6/span/sup diese Form von Theologie attackiert und vorgeschlagen, wir sollten am besten gleich ganz auf den Gedanken eines Gottmenschen Jesus Christus verzichten, der für uns Menschen hätte leiden müssen. Jesus habe so etwas nie gewollt.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Ist es also eine Erfindung, dass der Evangelist die herrliche, lichterfüllte Begebenheit am Tabor unter den Schatten des bevorstehenden Todes Jesu stellt? Denn genau das meint der geheimnisvolle Schlusssatz, erst nach der Auferstehung und damit auch dem Kreuz, dürfe von alldem berichtet werden.&#xA;&#xA;Jesus hat das Leben ganz sicher leidenschaftlich geliebt. Das zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Armen, Kranken, Notleidenden und Entrechteten. Das zeigt sich auch in Jesu Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Und an der Zärtlichkeit, mit der er die unscheinbarsten Dinge wertgeschätzt hat: die Lilien und die Spatzen auf den Feldern. Nirgendwo ist davon die Rede, dass der Gott, für den Jesus so unermüdlich Zeugnis abgelegt hat, für sein Erbarmen und seine Zuneigung eine Gegenleistung verlangen würde. Im Gegenteil: Der Gott Jesu Christi liebt bedingungslos und unterschiedslos.&#xA;&#xA;Warum also geht der Abstieg vom Tabor in den Tod hinein? Es wäre ein allzu harmloses Bild von Jesus und seiner Botschaft, wenn wir ihn zu einem naiven Charismatiker machen würden, der das Schwere, das uns in unserem Leben begegnet, Schmerz und Krankheit, Hass und Gewalt, und vieles zweifellos Böse, was sich im Menschenherzen findet, einfach weglächeln würde. »Alles ist gut und Gott ist ganz ungeheuer nett.«  Die so von Gott sprechen, hat der Grazer Philosoph Peter Strasser zurecht »Seligkeitsidioten«supspan id=&#34;Verweis7&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​7/span/sup genannt.&#xA;&#xA;Jesus war gekommen, um von dem liebenden Gott zu sprechen, aber auch, um dem Bösen, für das er einen sehr realistischen Blick hatte, etwas entgegenzusetzen. Jesus reiht sich ein in die Machtkritik der Propheten des Ersten Testaments. Er weiß um den Willen zur Macht eines Herodes, der alles totmachen möchte, was sich seiner Herrschaft entgegenstellt, er weiß um den Fanatismus derer, die – am liebsten mit ihm als Anführer – als Gotteskrieger die Römer vertreiben wollen, er weiß um die sozialen Gegensätze, die von der Spitze der Gesellschaft bis in den Alltag der kleinen Leute hineinwirken, er weiß um die Kaltherzigkeit, mit der gerade jene, die eigentlich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind, anderen das Leben neiden. Und er weiß um die Heuchelei der frommen Funktionäre, die damals wie heute mit vermeintlich göttlichen Geboten andere schikanieren.&#xA;&#xA;Und ebensowenig, wie er sich davon abbringen lässt, von Gottes Güte zu sprechen, hält Jesus den Mund, wenn es darum geht, diese Missstände zu benennen. Jesus ist sich dessen klar bewusst, dass er damit sein Leben riskiert. Mit beidem, mit seiner Gottesrede und seiner Machtkritik, bringt er die Großen und die Frommen zur Raserei. Wenn nämlich gilt, was Jesus sagt, und wenn die Menschen ihm glauben, dann untergräbt das jede Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Weg Jesu nach Jerusalem hin zu Verurteilung und Tod war also kein blöder Zufall. Jesus hat seine Botschaft und sein Handeln bewusst auf die Spitze getrieben, weil er zeigen wollte, dass der Gott, dem er so bedingungslos vertraute, auch noch in der äußersten existenziellen Not an der Seite von uns Menschen ist. Weder Hass noch Tod noch Gewalten der Höhe oder Tiefe können uns von Gottes Liebe scheiden, wie es der Apostel Paulus später ausgedrückt hat (Röm 8,38). In der Tat hat Jesus, durch seine Bereitschaft, bis zur äußersten Konsequenz zu gehen, den Kräften des Todes die Macht genommen, weil er sie im Letzten als wirkungslos entlarvt hat.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Jetzt verstehen wir vielleicht, warum die Evangelisten in ihren Erzählungen vom Weg Jesu nach Jerusalem die Episode auf dem Tabor vorgeschaltet haben. In dieser bildhaft geschilderten Gottesbegegnung wird deutlich, woher Jesus die Kraft für sein Handeln genommen hat: Weil er sich grundsätzlich, von Anfang an und auf seinem ganzen Weg mit den Menschen in dieses warme, bergende und tröstende Licht hineingestellt wusste. Jesus hat von Gott nicht nur geredet, er hat Gottes unbedingte Nähe von innen heraus, aus seinem eigenen Herzen, erfahren. »Du bist mein geliebter Sohn«, sagt die Stimme aus der Wolke auf dem Tabor, so wie sie das schon sagte, als Jesus sich im Jordan taufen ließ. Jesus nimmt die Jünger mit auf den Berg, damit sie das nicht nur hören, sondern auch selbst für sich spüren können. Gottes Zusage gilt jedem Menschen ganz persönlich: »Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.«  Verständlich, dass die Jünger nicht mehr weg wollen von dem Ort dieser Erfahrung. Aber Jesus weiß: Es gilt, sie hineinzutragen in den widerständigen und oft dunklen Alltag, damit wirklich das ganze Menschenleben hell wird von Gottes Zuneigung und Nähe. Mit Gott im Rücken haben Jesus und jene, die ihm folgen, die »Freiheit, aufzubrechen wohin« sie wollensupspan id=&#34;Verweis8&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​8/span/sup, weil sie vor nichts und niemandem mehr Angst haben müssen. Warum sie das können, zeigt die Erfahrung des Tabor, die sich ebenfalls mit einem Wort Hölderlins auf den Punkt bringen lässt:&#xA;&#xA;  Nah ist&#xA;Und schwer zu fassen der Gott.&#xA;Wo aber Gefahr ist, wächst&#xA;das Rettende auch.supspan id=&#34;Verweis9&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​9/span/sup&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung, 1800).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Im Lesejahr A lesen wir von diesen Ereignissen bei Matthäus (Mt 17,1-9), in den Lesejahren B und C bei Markus (Mk 9,2-10) und Lukas (Lk 9,28-36).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Z. B. bei Anselm von Canterbury (Cur deus homo), dessen Gedankengang noch zugespitzt und vergröbert wurde.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 135 »Herkunft der Sünde«.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung5&#34;5/span/sup Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (Erstauflage).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung6&#34;6/span/sup Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Freiburg: Herder, 2026 und: Ders.: Jesus ohne Opfer, CiG 8/2026, 3f.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung7&#34;7/span/sup Peter Strasser: Idioten des Absoluten: Über das Weltfremde in uns, Paderborn: Fink, 2017\.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung8&#34;8/span/sup Vgl. Anm. 1&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung9&#34;9/span/sup Friedrich Hölderlin, Patmos (1803).&#xA;&#xA;Bild: Tabor, PikiWiki Israel 19217 Geography of Israel.&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/70/58/f0c0db733d6c46fe881c3ade7d96.webp" alt="image"></p>

<h3 id="mt-17-1-9-https-www-bibleserver-com-eu-matth-c3-a4us17-2c1-9-2-fastensonntag-a"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us17%2C1-9">Mt 17,1–9</a>, 2. Fastensonntag A</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Fastenzeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fastenzeit</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Nie, sterblichen Meistern gleich
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Dass ich wüsste, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.</p>

<p>Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
dass er kräftig genährt, danken für alles lern
und verstehe die Freiheit,
aufzubrechen, wohin er will. <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup></p></blockquote>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Nicht des ebenen Pfads führen die Erzählungen der Evangelien Jesus und seine Jünger am Zweiten Fastensonntag<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>, sondern zunächst auf einen geheimnisvollen Berg und von dort ins Ungewisse. Wo diese Begebenheit stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht genau. Die spätere Überlieferung hat den Berg als den Tabor identifiziert, der schon lange vor Jesu Zeiten ein heiliger Ort war. Einsam und weithin sichtbar ragt der Tabor über den See Genezareth und das weite Land der Jesreʿel-Ebene auf. Ihn zu besteigen ist ein gemütlicher Spaziergang, und doch fühlt man sich auf dem Gipfel herausgehoben aus dem Alltag, abgeschirmt vom täglichen Trubel und beschützt.
</p>

<p>Der Erzähler des Matthäus-Evangeliums hat diese Szene bewusst komponiert, als Zwischenetappe auf dem Weg Jesu nach Jerusalem. In der Rückschau wusste man, dass ihn dort sein Prozess und die Hinrichtung erwarten würden. Das Evangelium spricht davon in Andeutungen, die die Jünger nicht verstehen. Kurz vorher schon haben sie geradezu wütend reagiert, als Jesus sein Schicksal angedeutet hat (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us16%2C22-23">Mt 16,22-23</a>).</p>

<p>Wir sind jetzt in den Wochen der Fastenzeit mit Jesus unterwegs. Wir gehen mit ihm auf den Karfreitag und auf Ostern zu. Vielleicht haben wir dieselben Fragen wie die Jünger damals: War es unausweichlich, dass Jesus auf den Tod zugeht? Hätte er nicht einfach auch Erfolg haben können mit seiner Botschaft eines bedingungslos liebenden und erbarmenden Gottes? So haben es sich seine Anhänger erträumt und in Jerusalem erwartet. Die bittere Enttäuschung darüber sollte noch Jahrzehnte nach Jesu Tod nachwirken, bis die ersten christlichen Gemeinden tastend zu Deutungen des Geschehens fanden.</p>

<p>Und Jesus selbst? Hat er diesen Tod gesucht? War er notwendig als Teil seiner Mission? Schon in den frühen Deutungsversuchen klingt das Motiv an: Jesus wäre gestorben <em>wegen</em> unserer Sünden oder <em>für</em> unsere Sünden. Später, in der mittelalterlichen Theologie<sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>, wurde diese Deutung zugespitzt. Jesus wäre gestorben, um die Ehre eines durch die menschlichen Sünden beleidigten Gottes wiederherzustellen, und hätte durch seinen Tod Satisfaktion geleistet. Eine Genugtuung, die – weil es ja Gott war, der beleidigt wurde – nur durch Gott selbst geleistet werden konnte. So wurde die gesamte Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret unter das Zeichen eines vorprogrammierten Todes gestellt.</p>

<p>Diese Vorstellung hat unendlich viel Unheil angerichtet und unzählige Menschen von Gott und dem christlichen Glauben entfremdet. Nietzsche hat von einem »ehrsüchtigen Orientalen im Himmel« gesprochen<sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>, der aus nichtigen Gründen ein grausames Opfer verlangt. Nimmt man zu diesem Bild von Gott ein Menschenbild hinzu, das den Menschen ausschließlich als unheilbaren Sünder sieht, dann ergibt sich daraus eine wahrhaft toxische Mischung. In den Händen der Mächtigen wurde sie zum Werkzeug, um Menschen moralisch unter Druck zu setzen: »Um <em>deiner</em> Sünden willen musste Jesus sterben, weil du so verdorben bist.  Darum hast du all deinen natürlichen Lebensregungen zu misstrauen: deiner Sehnsucht nach Glück, deiner Freude am Genuss, deinem Verlangen nach Zuneigung und Liebe. Das alles ist böse und wird erst dann wieder gut, wenn Jesus am Kreuz dafür Sühne geleistet hat.«</p>

<p>Nicht ohne Grund haben Religionskritiker wie Nietzsche und Freud diesen Glauben als krankmachend eingeschätzt. »Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war«, schrieb der 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilmann Moser<sup><span id="Verweis5" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung5">5</a></span></sup>. Ganz aktuell hat der Exeget Peter Trummer in einem Beitrag der Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« und weiter ausgearbeitet in einem Buch<sup><span id="Verweis6" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung6">6</a></span></sup> diese Form von Theologie attackiert und vorgeschlagen, wir sollten am besten gleich ganz auf den Gedanken eines Gottmenschen Jesus Christus verzichten, der für uns Menschen hätte leiden müssen. Jesus habe so etwas nie gewollt.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Ist es also eine Erfindung, dass der Evangelist die herrliche, lichterfüllte Begebenheit am Tabor unter den Schatten des bevorstehenden Todes Jesu stellt? Denn genau das meint der geheimnisvolle Schlusssatz, erst nach der Auferstehung und damit auch dem Kreuz, dürfe von alldem berichtet werden.</p>

<p>Jesus hat das Leben ganz sicher leidenschaftlich geliebt. Das zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Armen, Kranken, Notleidenden und Entrechteten. Das zeigt sich auch in Jesu Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Und an der Zärtlichkeit, mit der er die unscheinbarsten Dinge wertgeschätzt hat: die Lilien und die Spatzen auf den Feldern. Nirgendwo ist davon die Rede, dass der Gott, für den Jesus so unermüdlich Zeugnis abgelegt hat, für sein Erbarmen und seine Zuneigung eine Gegenleistung verlangen würde. Im Gegenteil: Der Gott Jesu Christi liebt bedingungslos und unterschiedslos.</p>

<p>Warum also geht der Abstieg vom Tabor in den Tod hinein? Es wäre ein allzu harmloses Bild von Jesus und seiner Botschaft, wenn wir ihn zu einem naiven Charismatiker machen würden, der das Schwere, das uns in unserem Leben begegnet, Schmerz und Krankheit, Hass und Gewalt, und vieles zweifellos Böse, was sich im Menschenherzen findet, einfach weglächeln würde. »Alles ist gut und Gott ist ganz ungeheuer nett.«  Die so von Gott sprechen, hat der Grazer Philosoph Peter Strasser zurecht »Seligkeitsidioten«<sup><span id="Verweis7" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung7">7</a></span></sup> genannt.</p>

<p>Jesus war gekommen, um von dem liebenden Gott zu sprechen, aber auch, um dem Bösen, für das er einen sehr realistischen Blick hatte, etwas entgegenzusetzen. Jesus reiht sich ein in die Machtkritik der Propheten des Ersten Testaments. Er weiß um den Willen zur Macht eines Herodes, der alles totmachen möchte, was sich seiner Herrschaft entgegenstellt, er weiß um den Fanatismus derer, die – am liebsten mit ihm als Anführer – als Gotteskrieger die Römer vertreiben wollen, er weiß um die sozialen Gegensätze, die von der Spitze der Gesellschaft bis in den Alltag der kleinen Leute hineinwirken, er weiß um die Kaltherzigkeit, mit der gerade jene, die eigentlich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind, anderen das Leben neiden. Und er weiß um die Heuchelei der frommen Funktionäre, die damals wie heute mit vermeintlich göttlichen Geboten andere schikanieren.</p>

<p>Und ebensowenig, wie er sich davon abbringen lässt, von Gottes Güte zu sprechen, hält Jesus den Mund, wenn es darum geht, diese Missstände zu benennen. Jesus ist sich dessen klar bewusst, dass er damit sein Leben riskiert. Mit beidem, mit seiner Gottesrede und seiner Machtkritik, bringt er die Großen und die Frommen zur Raserei. Wenn nämlich gilt, was Jesus sagt, und wenn die Menschen ihm glauben, dann untergräbt das jede Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Weg Jesu nach Jerusalem hin zu Verurteilung und Tod war also kein blöder Zufall. Jesus hat seine Botschaft und sein Handeln bewusst auf die Spitze getrieben, weil er zeigen wollte, dass der Gott, dem er so bedingungslos vertraute, auch noch in der äußersten existenziellen Not an der Seite von uns Menschen ist. Weder Hass noch Tod noch Gewalten der Höhe oder Tiefe können uns von Gottes Liebe scheiden, wie es der Apostel Paulus später ausgedrückt hat (<a href="https://www.bibleserver.com/EU.LUT/R%C3%B6mer8,38">Röm 8,38</a>). In der Tat hat Jesus, durch seine Bereitschaft, bis zur äußersten Konsequenz zu gehen, den Kräften des Todes die Macht genommen, weil er sie im Letzten als wirkungslos entlarvt hat.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Jetzt verstehen wir vielleicht, warum die Evangelisten in ihren Erzählungen vom Weg Jesu nach Jerusalem die Episode auf dem Tabor vorgeschaltet haben. In dieser bildhaft geschilderten Gottesbegegnung wird deutlich, woher Jesus die Kraft für sein Handeln genommen hat: Weil er sich grundsätzlich, von Anfang an und auf seinem ganzen Weg mit den Menschen in dieses warme, bergende und tröstende Licht hineingestellt wusste. Jesus hat von Gott nicht nur geredet, er hat Gottes unbedingte Nähe von innen heraus, aus seinem eigenen Herzen, erfahren. »Du bist mein geliebter Sohn«, sagt die Stimme aus der Wolke auf dem Tabor, so wie sie das schon sagte, als Jesus sich im Jordan taufen ließ. Jesus nimmt die Jünger mit auf den Berg, damit sie das nicht nur hören, sondern auch selbst für sich spüren können. Gottes Zusage gilt jedem Menschen ganz persönlich: »Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.«  Verständlich, dass die Jünger nicht mehr weg wollen von dem Ort dieser Erfahrung. Aber Jesus weiß: Es gilt, sie hineinzutragen in den widerständigen und oft dunklen Alltag, damit wirklich das ganze Menschenleben hell wird von Gottes Zuneigung und Nähe. Mit Gott im Rücken haben Jesus und jene, die ihm folgen, die »Freiheit, aufzubrechen wohin« sie wollen<sup><span id="Verweis8" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung8">8</a></span></sup>, weil sie vor nichts und niemandem mehr Angst haben müssen. Warum sie das können, zeigt die Erfahrung des Tabor, die sich ebenfalls mit einem Wort Hölderlins auf den Punkt bringen lässt:</p>

<blockquote><p>Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch.<sup><span id="Verweis9" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung9">9</a></span></sup></p></blockquote>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung, 1800).
<sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Im Lesejahr A lesen wir von diesen Ereignissen bei Matthäus (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us17%2C1-9">Mt 17,1-9</a>), in den Lesejahren B und C bei Markus (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Markus9%2C2-10">Mk 9,2-10</a>) und Lukas (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas9%2C28-36">Lk 9,28-36</a>).
<sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Z. B. bei Anselm von Canterbury (Cur deus homo), dessen Gedankengang noch zugespitzt und vergröbert wurde.
<sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 135 »Herkunft der Sünde«.
<sup><span id="Anmerkung5"><a href="#Verweis5">5</a></span></sup> Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (Erstauflage).
<sup><span id="Anmerkung6"><a href="#Verweis6">6</a></span></sup> Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Freiburg: Herder, 2026 und: Ders.: Jesus ohne Opfer, <a href="https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2026/8-2026/jesus-ohne-opfer/">CiG 8/2026, 3f</a>.
<sup><span id="Anmerkung7"><a href="#Verweis7">7</a></span></sup> Peter Strasser: Idioten des Absoluten: Über das Weltfremde in uns, Paderborn: Fink, 2017.
<sup><span id="Anmerkung8"><a href="#Verweis8">8</a></span></sup> Vgl. Anm. 1
<sup><span id="Anmerkung9"><a href="#Verweis9">9</a></span></sup> Friedrich Hölderlin, Patmos (1803).</p>

<p><em>Bild: Tabor, PikiWiki Israel 19217 Geography of Israel.</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/aufbrechen-wohin-ich-will</guid>
      <pubDate>Sun, 01 Mar 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Geschmack des Lebens</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/geschmack-des-lebens</link>
      <description>&lt;![CDATA[Salz&#xA;&#xA;Mt 5, 13–16, Fünfter Sonntag im Jahreskreis A&#xA;&#xA;#Predigt #Mt&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Der menschliche Geschmackssinn kann fünf grundlegende Geschmacksrichtungen wahrnehmen: süß und sauer, fleischig, bitter – und salzig. Den Geschmack von Salz kennen wir alle. Viele Speisen verfeinern wir mit Salz: Fleisch und Gemüse, Salate und Suppen und einiges mehr. Salz kann helfen, das Geschmackserlebnis eines guten Gerichts zu steigern.&#xA;&#xA;Aber woher bekommt das Salz selbst seinen Geschmack? Und wie kann es passieren, dass es schal wird und diesen Geschmack verliert, wovon Jesus im Evangelium spricht?&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Reines Kochsalz, Natriumchlorid, ist eine stabile chemische Verbindung und kann gar nicht geschmacklos werden. Es bleibt immer salzig. In der Antike aber, bis hinein in die Neuzeit, wurde Salz oft aus unreinen Quellen gewonnen, z. B. mit anderen Mineralien vermischtes Meersalz oder Salze aus bestimmten Salzseen, wie dem Toten Meer. Aus diesem Gemisch konnte bei Feuchtigkeit das Natriumchlorid herausgewaschen werden, sodass nur die geschmacklosen oder bitteren unlöslichen Verunreinigungen übrig blieben. Dieses »Rest-Salz« hatte dann seine Würzkraft verloren.&#xA;&#xA;Dennoch kann Salz durchaus unterschiedlich schmecken, je nachdem, welche anderen Stoffe aus dem Meerwasser oder aus Gebirgskristallen noch beigemischt sind. Spitzenköche und Genießer wissen das. Es geht also beim Salz keineswegs um die Reinheit, im Gegenteil. Erst durch die Vermischung verschiedener Substanzen und erst durch die Reaktion mit den Geschmackszellen schmeckt das Salz. Denn der salzige Geschmack von Kochsalz beruht auf der Reaktion der Natrium-Ionen mit Rezeptoren auf unserer Zunge. Dadurch werden Neurotransmitter freigesetzt und Signale an das Gehirn gesendet, die wir als »salzig« interpretieren. Der salzige Geschmack ist für unseren Körper lebenswichtig, weil er uns hilft, Natrium aufzunehmen, das für die Regulierung des Wasserhaushalts, den Blutdruck und die Nerven- und Muskelfunktion unerlässlich ist.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Die Aufforderung Jesu an seine Jünger, Salz der Erde zu sein und ja nicht schal zu werden, kann uns leicht unter Druck setzen. Es könnte so scheinen, als würde es gewaltige Mühe kosten und wäre fast unmöglich, Jesu Botschaft möglichst rein und unverfälscht zu bewahren. Und als müssten wir uns mit ständiger Anstrengung um eine möglichst große Intensität des frommen Geschmackserlebnisses bemühen. Solche Forderungen lassen sich dann auch leicht instrumentalisieren von Gruppierungen oder von Kirchenoberen, die für sich das alleinige Wissen über die richtige Zubereitung der Elemente unseres Glaubens in Anspruch nehmen.&#xA;&#xA;Nur wenn du die biblischen Texte wortwörtlich nimmst und nur wenn du an bestimmten Traditionen um keinen Preis etwas veränderst, bewahrst du das Salz des Glaubens unverfälscht – obwohl manche kirchliche Lehren und manche Traditionen vielleicht gar nicht auf Jesus zurückgehen, sondern sich über Jahrhunderte durch das Tun von Menschen entwickelt haben. Jeder Versuch, die Botschaft Jesu in die jeweilige Zeit und die jeweilige Gesellschaft hinein zu übersetzen, jeder Versuch, nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem eigentlichen Sinn zu fragen, wird dann als »Verunreinigung« des Glaubens gebrandmarkt. Wenn Christinnen und Christen, Männer und Frauen an Ämtern und Diensten der Kirche teilhaben wollen, wenn allen Menschen ohne Unterschied Gottes Zuneigung und Segen zugesprochen werden soll – dann, so heißt es, ist das Salz des Glaubens schal geworden. Aus so einem weichgespülten Glauben ist die Substanz ausgewaschen wie der Geschmack aus dem Salz. Er taugt zu nichts mehr, wird weggeworfen und zertreten.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Damit aber wird, so meine ich, missverstanden, was Jesus sagen wollte. Ein dermaßen auf Perfektion getrimmter Glaube ist in Wirklichkeit eine Geschmacklosigkeit. Jesus geht es nämlich nicht um eine vermeintliche »Reinheit« des Glaubens und auch nicht um Perfektion in der Wiedergabe irgendwelcher religiöser oder moralischer Lehren. &#xA;&#xA;Jesus weiß um die Vielfalt des Lebens. Jesus weiß auch, dass die Lebenssituationen von Menschen so vielfältige Geschmacksvariationen haben wie das Salz: Steinsalz und Meersalz, Himalaysalz und Fleur de Sel aus der Camargue, Gewürzsalz und Rauchsalz. &#xA;&#xA;Unser Glaube schmeckt gerade dann gut, wenn wir das Salz in seiner unreinen Mischung belassen. Freilich müssen wir sorgsam mit dem Salz umgehen, damit der Geschmacksstoff nicht ausgewaschen wird. Aber auch das vermeintliche »Unreine« gehört dazu, weil es erst dies die interessanten zusätzlichen Aromen ergibt. Und es ist auch vollkommen normal, dass der eine Mensch sich mehr von diesem, der andere mehr von jenem Aroma angesprochen fühlt. &#xA;&#xA;Daher wäre es nicht gut, allen Menschen ohne Unterschied das gleiche Salz vorzusetzen. Vielmehr gilt es, das Salz der Glaubensbotschaft wie bei einem guten Gericht auf die jeweiligen Lebensumstände und Bedürfnisse der Menschen abzustimmen. Die stille Zurückgezogenheit im Gebet, die Anteilnahme am Gottesdienst oder der praktische Einsatz in Politik und Gesellschaft können gleichermaßen zum wohlschmeckenden Zeugnis für das Evangelium werden. Salz wirkt auch nur in der richtigen Konzentration. Im Übermaß genossen verdirbt es den Geschmack und bringt die Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht. Dann stellt sich ein Bluthochdruck ein, der ähnlich schädlich ist, wie ein ständiger überspannter Glaubenseifer.&#xA;&#xA;Ein Letztes: Wir können das Salz gar nicht selbst salzig machen. Der Geschmack des Salzes entsteht erst auf unserer Zunge. Erst wenn das Salz auf einen lebendigen Menschen und sein Geschmacksempfinden trifft, wird es wirklich zum Salz. Glaube ist also immer auch ein Geschehen von Kommunikation und Dialog. So hat Jesus es gehalten: Er hat niemals sein Gegenüber überwältigt und überfordert. Und so sollen es auch wir als seine Jüngerinnen und Jünger halten.&#xA;&#xA;Jesus gebraucht in seiner Rede ein doppeltes Bild: Er spricht vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Beide Bilder münden in die Schlusspointe, die zeigt, worauf es letztlich ankommt: auf die »guten Taten«. Nicht auf die vermeintliche Reinheit des Glaubens und die Strenge der Gebote, sondern darauf, dass meine Mitmenschen und ich zu einem gelungenen Leben finden. Das passt zum Kontext der Bergpredigt, in die diese Bildworte gestellt sind: Sie möchte zu eben jenem guten Leben hinführen. Und ich glaube, das haben wir auch schon alle oft genug erfahren: Solch ein gutes Leben schmeckt man dann einfach. Wie bei einem guten Gericht, weiß man, wann es passt. Lassen wir uns also das Leben schmecken, mit einer Prise Salz, aber nicht zu viel.&#xA;&#xA;Bild (c) Ekaterina Shishina, unsplash&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/medium/d5/1b/512c84994d3ce8678a4ca8ddebf7.webp" alt="Salz"></p>

<h3 id="mt-5-13-16-https-www-bibleserver-com-eu-matth-c3-a4us5-2c13-16-fünfter-sonntag-im-jahreskreis-a"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us5%2C13-16">Mt 5, 13–16</a>, Fünfter Sonntag im Jahreskreis A</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mt</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Der menschliche Geschmackssinn kann fünf grundlegende Geschmacksrichtungen wahrnehmen: süß und sauer, fleischig, bitter – und salzig. Den Geschmack von Salz kennen wir alle. Viele Speisen verfeinern wir mit Salz: Fleisch und Gemüse, Salate und Suppen und einiges mehr. Salz kann helfen, das Geschmackserlebnis eines guten Gerichts zu steigern.</p>

<p>Aber woher bekommt das Salz selbst seinen Geschmack? Und wie kann es passieren, dass es schal wird und diesen Geschmack verliert, wovon Jesus im Evangelium spricht?
</p>

<p>Reines Kochsalz, Natriumchlorid, ist eine stabile chemische Verbindung und kann gar nicht geschmacklos werden. Es bleibt immer salzig. In der Antike aber, bis hinein in die Neuzeit, wurde Salz oft aus unreinen Quellen gewonnen, z. B. mit anderen Mineralien vermischtes Meersalz oder Salze aus bestimmten Salzseen, wie dem Toten Meer. Aus diesem Gemisch konnte bei Feuchtigkeit das Natriumchlorid herausgewaschen werden, sodass nur die geschmacklosen oder bitteren unlöslichen Verunreinigungen übrig blieben. Dieses »Rest-Salz« hatte dann seine Würzkraft verloren.</p>

<p>Dennoch kann Salz durchaus unterschiedlich schmecken, je nachdem, welche anderen Stoffe aus dem Meerwasser oder aus Gebirgskristallen noch beigemischt sind. Spitzenköche und Genießer wissen das. Es geht also beim Salz keineswegs um die Reinheit, im Gegenteil. Erst durch die Vermischung verschiedener Substanzen und erst durch die Reaktion mit den Geschmackszellen schmeckt das Salz. Denn der salzige Geschmack von Kochsalz beruht auf der Reaktion der Natrium-Ionen mit Rezeptoren auf unserer Zunge. Dadurch werden Neurotransmitter freigesetzt und Signale an das Gehirn gesendet, die wir als »salzig« interpretieren. Der salzige Geschmack ist für unseren Körper lebenswichtig, weil er uns hilft, Natrium aufzunehmen, das für die Regulierung des Wasserhaushalts, den Blutdruck und die Nerven- und Muskelfunktion unerlässlich ist.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Die Aufforderung Jesu an seine Jünger, Salz der Erde zu sein und ja nicht schal zu werden, kann uns leicht unter Druck setzen. Es könnte so scheinen, als würde es gewaltige Mühe kosten und wäre fast unmöglich, Jesu Botschaft möglichst rein und unverfälscht zu bewahren. Und als müssten wir uns mit ständiger Anstrengung um eine möglichst große Intensität des frommen Geschmackserlebnisses bemühen. Solche Forderungen lassen sich dann auch leicht instrumentalisieren von Gruppierungen oder von Kirchenoberen, die für sich das alleinige Wissen über die richtige Zubereitung der Elemente unseres Glaubens in Anspruch nehmen.</p>

<p>Nur wenn du die biblischen Texte wortwörtlich nimmst und nur wenn du an bestimmten Traditionen um keinen Preis etwas veränderst, bewahrst du das Salz des Glaubens unverfälscht – obwohl manche kirchliche Lehren und manche Traditionen vielleicht gar nicht auf Jesus zurückgehen, sondern sich über Jahrhunderte durch das Tun von Menschen entwickelt haben. Jeder Versuch, die Botschaft Jesu in die jeweilige Zeit und die jeweilige Gesellschaft hinein zu übersetzen, jeder Versuch, nicht nach dem Buchstaben, sondern nach dem eigentlichen Sinn zu fragen, wird dann als »Verunreinigung« des Glaubens gebrandmarkt. Wenn Christinnen und Christen, Männer und Frauen an Ämtern und Diensten der Kirche teilhaben wollen, wenn allen Menschen ohne Unterschied Gottes Zuneigung und Segen zugesprochen werden soll – dann, so heißt es, ist das Salz des Glaubens schal geworden. Aus so einem weichgespülten Glauben ist die Substanz ausgewaschen wie der Geschmack aus dem Salz. Er taugt zu nichts mehr, wird weggeworfen und zertreten.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Damit aber wird, so meine ich, missverstanden, was Jesus sagen wollte. Ein dermaßen auf Perfektion getrimmter Glaube ist in Wirklichkeit eine Geschmacklosigkeit. Jesus geht es nämlich nicht um eine vermeintliche »Reinheit« des Glaubens und auch nicht um Perfektion in der Wiedergabe irgendwelcher religiöser oder moralischer Lehren.</p>

<p>Jesus weiß um die Vielfalt des Lebens. Jesus weiß auch, dass die Lebenssituationen von Menschen so vielfältige Geschmacksvariationen haben wie das Salz: Steinsalz und Meersalz, Himalaysalz und Fleur de Sel aus der Camargue, Gewürzsalz und Rauchsalz.</p>

<p>Unser Glaube schmeckt gerade dann gut, wenn wir das Salz in seiner unreinen Mischung belassen. Freilich müssen wir sorgsam mit dem Salz umgehen, damit der Geschmacksstoff nicht ausgewaschen wird. Aber auch das vermeintliche »Unreine« gehört dazu, weil es erst dies die interessanten zusätzlichen Aromen ergibt. Und es ist auch vollkommen normal, dass der eine Mensch sich mehr von diesem, der andere mehr von jenem Aroma angesprochen fühlt.</p>

<p>Daher wäre es nicht gut, allen Menschen ohne Unterschied das gleiche Salz vorzusetzen. Vielmehr gilt es, das Salz der Glaubensbotschaft wie bei einem guten Gericht auf die jeweiligen Lebensumstände und Bedürfnisse der Menschen abzustimmen. Die stille Zurückgezogenheit im Gebet, die Anteilnahme am Gottesdienst oder der praktische Einsatz in Politik und Gesellschaft können gleichermaßen zum wohlschmeckenden Zeugnis für das Evangelium werden. Salz wirkt auch nur in der richtigen Konzentration. Im Übermaß genossen verdirbt es den Geschmack und bringt die Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht. Dann stellt sich ein Bluthochdruck ein, der ähnlich schädlich ist, wie ein ständiger überspannter Glaubenseifer.</p>

<p>Ein Letztes: Wir können das Salz gar nicht selbst salzig machen. Der Geschmack des Salzes entsteht erst auf unserer Zunge. Erst wenn das Salz auf einen lebendigen Menschen und sein Geschmacksempfinden trifft, wird es wirklich zum Salz. Glaube ist also immer auch ein Geschehen von Kommunikation und Dialog. So hat Jesus es gehalten: Er hat niemals sein Gegenüber überwältigt und überfordert. Und so sollen es auch wir als seine Jüngerinnen und Jünger halten.</p>

<p>Jesus gebraucht in seiner Rede ein doppeltes Bild: Er spricht vom Salz der Erde und vom Licht der Welt. Beide Bilder münden in die Schlusspointe, die zeigt, worauf es letztlich ankommt: auf die »guten Taten«. Nicht auf die vermeintliche Reinheit des Glaubens und die Strenge der Gebote, sondern darauf, dass meine Mitmenschen und ich zu einem gelungenen Leben finden. Das passt zum Kontext der Bergpredigt, in die diese Bildworte gestellt sind: Sie möchte zu eben jenem guten Leben hinführen. Und ich glaube, das haben wir auch schon alle oft genug erfahren: Solch ein gutes Leben schmeckt man dann einfach. Wie bei einem guten Gericht, weiß man, wann es passt. Lassen wir uns also das Leben schmecken, mit einer Prise Salz, aber nicht zu viel.</p>

<p><em>Bild © Ekaterina Shishina, unsplash</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/geschmack-des-lebens</guid>
      <pubDate>Sun, 08 Feb 2026 19:30:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Zum Gedenken an Willi Räuschl</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/zum-gedenken-an-willi-raeuschl</link>
      <description>&lt;![CDATA[#Predigt #Straubing&#xA;&#xA;Willi Räuschl kam 1976 als Mesner nach Straubing St. Jakob. Seither hat er mein Leben und das meiner Familie begleitet. Über all die Jahre als Ministrant, Student, Seelsorger blieb meine Heimatgemeinde St. Jakob ein Bezugspunkt für mich – und Willi Räuschl war eine der wichtigsten Persönlichkeiten in dieser heimatlichen Welt. Ich bin ihm für sehr vieles zu großem Dank verpflichtet. So war es mir eine Ehre, für ihn das Requiem feiern und in der Ansprache seiner gedenken zu dürfen. R.I.P.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Wie anfangen bei jemandem, über den man so viele Geschichten erzählen könnte? Jeder und jede von uns, die heute gekommen sind, trägt wahrscheinlich seine, ihre persönliche Geschichte mit Willi Räuschl im Herzen. Wenn wir das zusammenlegen, was uns mit ihm verbindet, an Erinnerungen, Gesprächen, fröhlichen, aber auch tiefgehenden Erlebnissen, dann wird das ein dichter, bunt gewebter Teppich. Ein Teppich, an dem er selbst eifrig mitgeknüpft hat. Denn Geschichtenerzählen, das mochte Willi Räuschl. Im Laufe der Zeit waren in seinem Lebensmittelpunkt rund um die Basilika St. Jakob und das Mesnerhaus so viele Fäden zusammengelaufen, dass er zu ungeheuer vielen Dingen und Details, aber auch zu vielen Menschen eine Geschichte beitragen konnte.&#xA;&#xA;Eines ist dabei entscheidend, und das verrät schon ganz viel über Willi Räuschl: Immer waren es gute Geschichten. Sie waren spannend, diese Geschichten, weil Willi so viel wusste. Er war ein geschichtlich und kunstgeschichtlich äußerst interessierter und auch gebildeter Mensch. Das Mesnerhaus mit seinem unvergleichlichen Charme war nicht nur eine Rumpelkammer mit Fronleichnamsältären, Lorbeerbüschen, Messgewändern und Ministrantenkleidern, Bügeleisen und allerlei Werkzeugen, sondern es hatte auch eine große Bibliothek mit Büchern über die Basilika und die Pfarrei, sowie die Kunst- und Kirchengeschichte der Region. Das allermeiste davon hatte er gelesen, denn neben dem stressigen Alltag als Mesner nahm Willi Räuschl sich dafür die Zeit. Viele Autoren dieser Schriften kannte er persönlich. Denn wenn jemand kam, um irgendetwas zu erforschen oder zu dokumentieren, dann wurde er natürlich vom Mesner begleitet -- und befragt. So kam es, dass Willi Räuschl auch zu den unscheinbarsten Kleinigkeiten in der Basilika etwas Neues und Überraschendes sagen konnte. Alle durften an seinem Wissen teilhaben: die unzähligen Besucher, die in den Genuss einer Kirchenführung mit ihm kamen (darunter sogar der damalige Kardinal Ratzinger); und die Freunde, Weggefährten, Ministranten, Seelsorger, die oft staunten über wieder eine neue Geschichte, die sie von ihm hörten.&#xA;&#xA;Die Geschichten rund um Willi Räuschl waren auch deswegen gute Geschichten, weil in ihnen nie ein böses Wort gefallen ist. Mesner Willi hatte Tag für Tag mit unterschiedlichsten Menschen zu tun: Diakonen und Priestern, vom Praktikanten über den Kaplan und den Stadtpfarrer bis hin zu vielen Ruhestandspriestern, dazu die vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrgemeinde. Wer da auch nur ein bisschen Ahnung hat, weiß: Das kann ziemlich anstrengend sein. Ebenso anstrengend wie bei manchem Kirchenbesucher die Geduld zu bewahren. Da gab es jene, die regelmäßig und treu zu den Gottesdiensten kamen, aber auch die neugierigen Touristen, von Willi liebevoll »Gaff und Guck« genannt. Willi Räuschl kannte seine Leute gut, ihre Eigenheiten, ihre Tugenden und Untugenden, er wusste von manchen Schicksalen, denn zwischen Sakristeitür und Opferlichtständer wurden auch tiefe Gespräche geführt. Aus den treffenden Charakterisierungen in Willis Geschichten -- häufig mit der Bemerkung »ja no, hab i g&#39;sagt« eingeleitet -- blitzte immer ein gehöriger Schalk auf, eine gelassene Heiterkeit und vor allem eine tiefe Menschenfreundlichkeit, an der mancher professionelle Seelsorger sich eine Scheibe abschneiden könnte. Auch den schwierigen Zeitgenossen begegnete er mit Geduld und Freundlichkeit.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Willi Räuschls eigene Geschichte ist äußerlich unspektakulär und schnell erzählt. 1941 in Geiselhöring geboren, begann er nach der Schule eine Ausbildung zum Glaser. Das handwerkliche Geschick kam ihm später zugute und das Interesse an der Kunst war durch die Beschäftigung mit Kirchenfenstern und Bleiverglasung grundgelegt. Während dieser Zeit half er auch schon ehrenamtlich in seiner Heimatpfarrei in Geiselhöring mit, kam immer wieder mal nach Straubing St. Jakob und merkte: Der Mesnerberuf, das wär was für mich. 1976 ergab sich die Chance, und er wurde Stadtpfarrmesner. Fast ein halbes Jahrhundert sollte das dann sein Leben prägen. 2001 setzte eine schwere Erkrankung einen heftigen Einschnitt, seine Angehörigen und Freunde bangten um sein Leben. Aber Willi rappelte sich auf und kehrte ins Mesnerhaus zurück. Jetzt im Ruhestand und nebenamtlich tätig, aber im Grunde mit dem gleichen Engagement wie bisher. Bis 2020 war er jeden Tag in »seiner« Kirche, bis es die Gesundheit nicht mehr erlaubte und er nach Geiselhöring zu seiner Schwester und seiner Nichte zurückkehrte. Dort wurde er liebevoll betreut und später, als die gesundheitlichen Einschränkungen immer größer wurden und er zunehmend ans Bett gefesselt war, auch gepflegt. Nach einer letzten Krise um die Jahreswende merkte man ihm die Schwäche an, aber auch, dass er bereit war, in Frieden Abschied zu nehmen für die große Reise in die ewige Wohnung bei Gott. Vor knapp einer Woche ist er im Krankenhaus Mallersdorf verstorben.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Vielleicht aber ist das für ihn auch nur ein kleiner Umzug, denn im Hause des Vaters, in der Kirche und im Glauben, war Willi Räuschl immer zuhause. Nicht nur der Mesnerberuf, nicht nur die vielen interessanten Tätigkeiten, nicht nur die sozialen Kontakte waren ihm wichtig, sondern auch sein Glaube. Wie tief das bei ihm ging, merkte man an vielen äußeren Zeichen, so etwa seiner genauen Kenntnis der Liturgie. Auch damit hat er sich intensiv beschäftigt. Wo sie, vor allem am Anfang seiner Tätigkeit, fehlten, hat er viele liturgische Bücher und Materialien selbst angeschafft. Legendär war seine Sammlung an Fürbittbüchern. Eines der Bilder, das mir aus meiner Ministrantenzeit geblieben ist, ist der Stapel an Büchern, der für einen unserer damaligen Ruhestandspriestersupspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup vorbereitet war, und der sie schon eine halbe Stunde vor Beginn der Werktagsmesse kritisch musterte, bis er aus der reichen Auswahl von Willi das Passende gefunden hatte. Kelche, Monstranzen, Schalen pflegte er sachkundig und manches ließ er auf eigene Rechnung renovieren. So wie er auch die Messgewänder und die Ministrantenkleidung pflegte. Noch 2019, als mein eigenes Messgewand für einen Fernsehgottesdienst der Hochschulgemeinde aufbereitet werden musste, kam ich natürlich zu ihm und keinem anderen. Willi war der Kirche treu, mit Verständnis und Geduld, aber immer auch mit seinem eigenen Kopf und niemals unkritisch. »Ich trete jeden Tag aus der Kirche aus«, meinte er einmal verschmitzt zu mir, »aber am nächsten Morgen wieder ein.« Er wusste, dass die Kirche aus Menschen besteht, und der Glaube nicht von einem einzelnen Pfarrer und auch nicht von hohen Würdenträgern abhängig ist. Denn auch von diesen hatte er genügend kennengelernt.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;So lebte und arbeitete Willi Räuschl wirklich als ein mündiger Christ. Über Jahrzehnte war er die eigentliche Mitte von Kirche und Pfarrei St. Jakob mit einer Fürsorge und Aufopferung, die ihresgleichen sucht. Doch mindestens ebenso lange war Jesus Christus, unser aller Herr und Bruder, seine Mitte. Bei meinem letzten Besuch bei ihm vergangenen Herbst zusammen mit meiner Mutter haben die beiden älteren Herrschaften sich eine Weile allein über Glauben und Leben unterhalten. Dabei kam die Rede auch auf das persönliche Gebet, das Willi mit dem Stundenbuch und besonders der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, gepflegt hat. Dort heißt es mit den Worten des Simeon:&#xA;&#xA;  »Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.«&#xA;&#xA;So ist es gekommen. In Frieden konnte Willi Räuschl hinübergehen in die Wohnung, die Jesus ihm – so wie uns allen – bereitet hat. Hier hat er seine bleibende Heimat gefunden, die ihm ziemlich vertraut vorkommen dürfte, weil er sich mit dieser Wohnung im Vaterhaus ein Leben lang beschäftigt hat. Für uns bleibt er damit ein Weggefährte, nicht nur über die vielen Jahre und Jahrzehnte an Leben, die wir mit ihm teilen konnten, sondern auch einer, der uns jetzt den Weg zeigt, den wir heiter und gelassen gehen können: durch diese wunderbare Welt, die uns ein Stück Heimat ist, hin zur Heimat bei Gott, wo für uns alle eine Wohnung ist und wir zusammen das große Fest feiern mit feinsten Speisen, erlesenen Weinen – und niemals endenden Geschichten.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Karl Haller (1908–1995), langjähriger Pfarrer in Lohr am Main, der im Ruhestand in seine Heimat Straubing zurückkehrte und bis zu seinem Tod unermüdlich in der Seelsorge mithalf.&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Straubing" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Straubing</span></a></p>

<p><em>Willi Räuschl kam 1976 als Mesner nach Straubing St. Jakob. Seither hat er mein Leben und das meiner Familie begleitet. Über all die Jahre als Ministrant, Student, Seelsorger blieb meine Heimatgemeinde St. Jakob ein Bezugspunkt für mich – und Willi Räuschl war eine der wichtigsten Persönlichkeiten in dieser heimatlichen Welt. Ich bin ihm für sehr vieles zu großem Dank verpflichtet. So war es mir eine Ehre, für ihn das Requiem feiern und in der Ansprache seiner gedenken zu dürfen. R.I.P.</em>
</p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Wie anfangen bei jemandem, über den man so viele Geschichten erzählen könnte? Jeder und jede von uns, die heute gekommen sind, trägt wahrscheinlich seine, ihre persönliche Geschichte mit Willi Räuschl im Herzen. Wenn wir das zusammenlegen, was uns mit ihm verbindet, an Erinnerungen, Gesprächen, fröhlichen, aber auch tiefgehenden Erlebnissen, dann wird das ein dichter, bunt gewebter Teppich. Ein Teppich, an dem er selbst eifrig mitgeknüpft hat. Denn Geschichtenerzählen, das mochte Willi Räuschl. Im Laufe der Zeit waren in seinem Lebensmittelpunkt rund um die Basilika St. Jakob und das Mesnerhaus so viele Fäden zusammengelaufen, dass er zu ungeheuer vielen Dingen und Details, aber auch zu vielen Menschen eine Geschichte beitragen konnte.</p>

<p>Eines ist dabei entscheidend, und das verrät schon ganz viel über Willi Räuschl: Immer waren es gute Geschichten. Sie waren spannend, diese Geschichten, weil Willi so viel wusste. Er war ein geschichtlich und kunstgeschichtlich äußerst interessierter und auch gebildeter Mensch. Das Mesnerhaus mit seinem unvergleichlichen Charme war nicht nur eine Rumpelkammer mit Fronleichnamsältären, Lorbeerbüschen, Messgewändern und Ministrantenkleidern, Bügeleisen und allerlei Werkzeugen, sondern es hatte auch eine große Bibliothek mit Büchern über die Basilika und die Pfarrei, sowie die Kunst- und Kirchengeschichte der Region. Das allermeiste davon hatte er gelesen, denn neben dem stressigen Alltag als Mesner nahm Willi Räuschl sich dafür die Zeit. Viele Autoren dieser Schriften kannte er persönlich. Denn wenn jemand kam, um irgendetwas zu erforschen oder zu dokumentieren, dann wurde er natürlich vom Mesner begleitet — und befragt. So kam es, dass Willi Räuschl auch zu den unscheinbarsten Kleinigkeiten in der Basilika etwas Neues und Überraschendes sagen konnte. Alle durften an seinem Wissen teilhaben: die unzähligen Besucher, die in den Genuss einer Kirchenführung mit ihm kamen (darunter sogar der damalige Kardinal Ratzinger); und die Freunde, Weggefährten, Ministranten, Seelsorger, die oft staunten über wieder eine neue Geschichte, die sie von ihm hörten.</p>

<p>Die Geschichten rund um Willi Räuschl waren auch deswegen gute Geschichten, weil in ihnen nie ein böses Wort gefallen ist. Mesner Willi hatte Tag für Tag mit unterschiedlichsten Menschen zu tun: Diakonen und Priestern, vom Praktikanten über den Kaplan und den Stadtpfarrer bis hin zu vielen Ruhestandspriestern, dazu die vielen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarrgemeinde. Wer da auch nur ein bisschen Ahnung hat, weiß: Das kann ziemlich anstrengend sein. Ebenso anstrengend wie bei manchem Kirchenbesucher die Geduld zu bewahren. Da gab es jene, die regelmäßig und treu zu den Gottesdiensten kamen, aber auch die neugierigen Touristen, von Willi liebevoll »Gaff und Guck« genannt. Willi Räuschl kannte seine Leute gut, ihre Eigenheiten, ihre Tugenden und Untugenden, er wusste von manchen Schicksalen, denn zwischen Sakristeitür und Opferlichtständer wurden auch tiefe Gespräche geführt. Aus den treffenden Charakterisierungen in Willis Geschichten — häufig mit der Bemerkung »ja no, hab i g&#39;sagt« eingeleitet — blitzte immer ein gehöriger Schalk auf, eine gelassene Heiterkeit und vor allem eine tiefe Menschenfreundlichkeit, an der mancher professionelle Seelsorger sich eine Scheibe abschneiden könnte. Auch den schwierigen Zeitgenossen begegnete er mit Geduld und Freundlichkeit.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Willi Räuschls eigene Geschichte ist äußerlich unspektakulär und schnell erzählt. 1941 in Geiselhöring geboren, begann er nach der Schule eine Ausbildung zum Glaser. Das handwerkliche Geschick kam ihm später zugute und das Interesse an der Kunst war durch die Beschäftigung mit Kirchenfenstern und Bleiverglasung grundgelegt. Während dieser Zeit half er auch schon ehrenamtlich in seiner Heimatpfarrei in Geiselhöring mit, kam immer wieder mal nach Straubing St. Jakob und merkte: Der Mesnerberuf, das wär was für mich. 1976 ergab sich die Chance, und er wurde Stadtpfarrmesner. Fast ein halbes Jahrhundert sollte das dann sein Leben prägen. 2001 setzte eine schwere Erkrankung einen heftigen Einschnitt, seine Angehörigen und Freunde bangten um sein Leben. Aber Willi rappelte sich auf und kehrte ins Mesnerhaus zurück. Jetzt im Ruhestand und nebenamtlich tätig, aber im Grunde mit dem gleichen Engagement wie bisher. Bis 2020 war er jeden Tag in »seiner« Kirche, bis es die Gesundheit nicht mehr erlaubte und er nach Geiselhöring zu seiner Schwester und seiner Nichte zurückkehrte. Dort wurde er liebevoll betreut und später, als die gesundheitlichen Einschränkungen immer größer wurden und er zunehmend ans Bett gefesselt war, auch gepflegt. Nach einer letzten Krise um die Jahreswende merkte man ihm die Schwäche an, aber auch, dass er bereit war, in Frieden Abschied zu nehmen für die große Reise in die ewige Wohnung bei Gott. Vor knapp einer Woche ist er im Krankenhaus Mallersdorf verstorben.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Vielleicht aber ist das für ihn auch nur ein kleiner Umzug, denn im Hause des Vaters, in der Kirche und im Glauben, war Willi Räuschl immer zuhause. Nicht nur der Mesnerberuf, nicht nur die vielen interessanten Tätigkeiten, nicht nur die sozialen Kontakte waren ihm wichtig, sondern auch sein Glaube. Wie tief das bei ihm ging, merkte man an vielen äußeren Zeichen, so etwa seiner genauen Kenntnis der Liturgie. Auch damit hat er sich intensiv beschäftigt. Wo sie, vor allem am Anfang seiner Tätigkeit, fehlten, hat er viele liturgische Bücher und Materialien selbst angeschafft. Legendär war seine Sammlung an Fürbittbüchern. Eines der Bilder, das mir aus meiner Ministrantenzeit geblieben ist, ist der Stapel an Büchern, der für einen unserer damaligen Ruhestandspriester<sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup> vorbereitet war, und der sie schon eine halbe Stunde vor Beginn der Werktagsmesse kritisch musterte, bis er aus der reichen Auswahl von Willi das Passende gefunden hatte. Kelche, Monstranzen, Schalen pflegte er sachkundig und manches ließ er auf eigene Rechnung renovieren. So wie er auch die Messgewänder und die Ministrantenkleidung pflegte. Noch 2019, als mein eigenes Messgewand für einen Fernsehgottesdienst der Hochschulgemeinde aufbereitet werden musste, kam ich natürlich zu ihm und keinem anderen. Willi war der Kirche treu, mit Verständnis und Geduld, aber immer auch mit seinem eigenen Kopf und niemals unkritisch. »Ich trete jeden Tag aus der Kirche aus«, meinte er einmal verschmitzt zu mir, »aber am nächsten Morgen wieder ein.« Er wusste, dass die Kirche aus Menschen besteht, und der Glaube nicht von einem einzelnen Pfarrer und auch nicht von hohen Würdenträgern abhängig ist. Denn auch von diesen hatte er genügend kennengelernt.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>So lebte und arbeitete Willi Räuschl wirklich als ein mündiger Christ. Über Jahrzehnte war <em>er</em> die eigentliche Mitte von Kirche und Pfarrei St. Jakob mit einer Fürsorge und Aufopferung, die ihresgleichen sucht. Doch mindestens ebenso lange war Jesus Christus, unser aller Herr und Bruder, <em>seine</em> Mitte. Bei meinem letzten Besuch bei ihm vergangenen Herbst zusammen mit meiner Mutter haben die beiden älteren Herrschaften sich eine Weile allein über Glauben und Leben unterhalten. Dabei kam die Rede auch auf das persönliche Gebet, das Willi mit dem Stundenbuch und besonders der Komplet, dem Abendgebet der Kirche, gepflegt hat. Dort heißt es mit den Worten des Simeon:</p>

<blockquote><p>»Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.«</p></blockquote>

<p>So ist es gekommen. In Frieden konnte Willi Räuschl hinübergehen in die Wohnung, die Jesus ihm – so wie uns allen – bereitet hat. Hier hat er seine bleibende Heimat gefunden, die ihm ziemlich vertraut vorkommen dürfte, weil er sich mit dieser Wohnung im Vaterhaus ein Leben lang beschäftigt hat. Für uns bleibt er damit ein Weggefährte, nicht nur über die vielen Jahre und Jahrzehnte an Leben, die wir mit ihm teilen konnten, sondern auch einer, der uns jetzt den Weg zeigt, den wir heiter und gelassen gehen können: durch diese wunderbare Welt, die uns ein Stück Heimat ist, hin zur Heimat bei Gott, wo für uns alle eine Wohnung ist und wir zusammen das große Fest feiern mit feinsten Speisen, erlesenen Weinen – und niemals endenden Geschichten.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Karl Haller (1908–1995), langjähriger Pfarrer in Lohr am Main, der im Ruhestand in seine Heimat Straubing zurückkehrte und bis zu seinem Tod unermüdlich in der Seelsorge mithalf.</p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/zum-gedenken-an-willi-raeuschl</guid>
      <pubDate>Thu, 15 Jan 2026 13:30:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Alumni-Wochenende in Augsburg</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/alumni-wochenende-in-augsburg</link>
      <description>&lt;![CDATA[Schneeglöckchen&#xA;&#xA;»Frühling in Sicht!«&#xA;&#xA;Campusgemeinde&#xA; &#xA; &#xA;  Hörst du&#xA;das Winterherz&#xA;schlägt an dein Herz&#xA;Bald&#xA;wird es still sein&#xA;Aber über dem Schnee&#xA;winkt schon der Frühling&#xA;mit bunten Blüten&#xA;Du weißt&#xA;es ist nicht für dich&#xA;oder&#xA;&#xA;  Rose Ausländer&#xA;&#xA;20 Alumni der Campusgemeinde sind vom Freitag, den 6. bis zum Sonntag, den 8. Februar zu einem Wochenende im Exerzitienhaus Leitershofen bei Augsburg zusammengekommen. Es war eine schöne Gelegenheit, alte Freundschaften zu pflegen, Neuigkeiten auszutauschen und sich etwas Gutes zu tun für Leib und Seele. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit dabei sein zu dürfen.&#xA;&#xA;Danke an Florian Reitemann für die Organisation und die Gastfreundschaft im Exerzitienhaus!&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/16/f5/4ca589b238f30e0e5f3a57928a50.webp" alt="Schneeglöckchen"></p>

<h2 id="frühling-in-sicht">»Frühling in Sicht!«</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Campusgemeinde" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Campusgemeinde</span></a></p>

<blockquote><p>Hörst du
das Winterherz
schlägt an dein Herz
Bald
wird es still sein
Aber über dem Schnee
winkt schon der Frühling
mit bunten Blüten
Du weißt
es ist nicht für dich
oder</p>

<p>Rose Ausländer</p></blockquote>

<p>20 Alumni der Campusgemeinde sind vom <em>Freitag, den 6. bis zum Sonntag, den 8. Februar</em> zu einem <em>Wochenende im Exerzitienhaus <a href="https://exerzitienhaus.org/">Leitershofen</a></em> bei Augsburg zusammengekommen. Es war eine schöne Gelegenheit, alte Freundschaften zu pflegen, Neuigkeiten auszutauschen und sich etwas Gutes zu tun für Leib und Seele. Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit dabei sein zu dürfen.</p>

<p>Danke an <a href="mailto:freitemann@exerzitienhaus.org">Florian Reitemann</a> für die Organisation und die Gastfreundschaft im Exerzitienhaus!</p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/alumni-wochenende-in-augsburg</guid>
      <pubDate>Tue, 23 Dec 2025 09:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Veröffentlichungen</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/veroeffentlichungen</link>
      <description>&lt;![CDATA[Bücher&#xA;&#xA;Eckl, H. J., Seidl, C., Kaiser, W. &amp; Messerer, H. (2006). angerufen. Exerzitien im Alltag im Spiegel der biblischen Propheten. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk.&#xA;&#xA;Diplomarbeit&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (1998). Jedes Wesen soll der Liebe frei und froh sich freu’n. Friedrich Hölderlins Konzept der Versöhnung widerstreitender Lebenstendenzen als fundamentaltheologische Kategorie. Diplomarbeit. Freiburg i. Br. (Bernhard-Welte-Preis der Universität Freiburg)&#xA;&#xA;Beiträge&#xA;&#xA;img class=&#34;reference&#34; alt=&#34;Festschrift für Erwin Dirscherl&#34; src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/8f/a6/d41aba26a5401909506a5b71ab6d.webp&#34;&#xA;&#xA;span id=&#34;BtYH&#34;Eckl, H. J. (2025)./span Back to Your Heart. Monistische Subjekttheorie als Dialogangebot für die Leibphänomenologie. In: M. Weißer &amp; K. Wenzel (Hrsg.), Die sakramentale Präsenz des Anderen. Ein Gespür für die Spuren Gottes in unserer Zeit. Regensburg: Pustet.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Eckl, H. J. &amp; Hauber, M. (2019). Mensch, sei Dein! Dialog über den Weg der Kirche zum Menschen heute. In T. Halík &amp; P. M. Zulehner (Hrsg.), Wir teilen diesen Traum: Theologinnen und Theologen aus aller Welt argumentieren Pro Pope Francis (1. Aufl.). Patmos.&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (2017). Sein dürfen. Das Bußsakrament in der Hochschulseelsorge. In S. Demel &amp; M. Pfleger (Hrsg.), Sakrament der Barmherzigkeit: welche Chance hat die Beichte? Freiburg Basel Wien: Herder.&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (2007a). Art. Einbildungskraft. In A. Franz, W. Baum &amp; K. Kreutzer (Hrsg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie (1. Aufl., S. 520). Freiburg Basel Wien: Herder.&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (2007b). Art. Seele. In A. Franz, W. Baum &amp; K. Kreutzer (Hrsg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie (1. Aufl., S. 520). Freiburg Basel Wien: Herder.&#xA;&#xA;Miscellanea&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (2022). Begegnungen mit dem Rotkehlchen. Rundbrief der LVHS Niederalteich: Unsere Augen als Kompass, 2022(2), 7–8.&#xA;&#xA;Eckl, H. J. (2011). Hochschulgemeinde als Parallelgesellschaft? Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (A). Bibel und Liturgie … in kulturellen Räumen, 84(4), 154–157.&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<h2 id="bücher">Bücher</h2>

<p>Eckl, H. J., Seidl, C., Kaiser, W. &amp; Messerer, H. (2006). angerufen. Exerzitien im Alltag im Spiegel der biblischen Propheten. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk.</p>

<h2 id="diplomarbeit">Diplomarbeit</h2>

<p>Eckl, H. J. (1998). Jedes Wesen soll der Liebe frei und froh sich freu’n. Friedrich Hölderlins Konzept der Versöhnung widerstreitender Lebenstendenzen als fundamentaltheologische Kategorie. Diplomarbeit. Freiburg i. Br. (<a href="https://uni-freiburg.de/universitaet/herausragende-leistungen/freiburger-foerderpreise-fuer-wissenschaftlerinnen-in-fruehen-karrierephasen/foerderpreise-der-theologischen-fakultaet/#Bernhard-Welte-Preis">Bernhard-Welte-Preis der Universität Freiburg</a>)</p>

<h2 id="beiträge">Beiträge</h2>

<p><a href="https://www.verlag-pustet.de/shop/item/9783791736143/die-sakramentale-prasenz-des-anderen-von-markus-weier-gebundenes-buch"><img class="reference" alt="Festschrift für Erwin Dirscherl" src="https://snap-share.de/public/uploads/original/8f/a6/d41aba26a5401909506a5b71ab6d.webp"></a></p>

<p><span id="BtYH">Eckl, H. J. (2025).</span> Back to Your Heart. Monistische Subjekttheorie als Dialogangebot für die Leibphänomenologie. In: M. Weißer &amp; K. Wenzel (Hrsg.), <a href="https://www.verlag-pustet.de/shop/item/9783791736143/die-sakramentale-prasenz-des-anderen-von-markus-weier-gebundenes-buch">Die sakramentale Präsenz des Anderen. Ein Gespür für die Spuren Gottes in unserer Zeit.</a> Regensburg: Pustet.
</p>

<p>Eckl, H. J. &amp; Hauber, M. (2019). Mensch, sei Dein! Dialog über den Weg der Kirche zum Menschen heute. In T. Halík &amp; P. M. Zulehner (Hrsg.), <a href="https://www.zulehner.org/site/buechershop/buecher/article/47.html">Wir teilen diesen Traum: Theologinnen und Theologen aus aller Welt argumentieren Pro Pope Francis</a> (1. Aufl.). Patmos.</p>

<p>Eckl, H. J. (2017). Sein dürfen. Das Bußsakrament in der Hochschulseelsorge. In S. Demel &amp; M. Pfleger (Hrsg.), Sakrament der Barmherzigkeit: welche Chance hat die Beichte? Freiburg Basel Wien: Herder.</p>

<p>Eckl, H. J. (2007a). Art. Einbildungskraft. In A. Franz, W. Baum &amp; K. Kreutzer (Hrsg.), <a href="https://buchhai.de/sl/21467406/1/978-3451290954">Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie</a> (1. Aufl., S. 520). Freiburg Basel Wien: Herder.</p>

<p>Eckl, H. J. (2007b). Art. Seele. In A. Franz, W. Baum &amp; K. Kreutzer (Hrsg.), Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie (1. Aufl., S. 520). Freiburg Basel Wien: Herder.</p>

<h2 id="miscellanea">Miscellanea</h2>

<p>Eckl, H. J. (2022). Begegnungen mit dem Rotkehlchen. <a href="https://www.lvhs-niederalteich.de/lvhs_rundbrief_02-22_72dpi/">Rundbrief der LVHS Niederalteich: Unsere Augen als Kompass, 2022(2), 7–8</a>.</p>

<p>Eckl, H. J. (2011). Hochschulgemeinde als Parallelgesellschaft? Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis (A). Bibel und Liturgie … in kulturellen Räumen, 84(4), 154–157.</p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/veroeffentlichungen</guid>
      <pubDate>Mon, 07 Jul 2025 17:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Werde ich träumen? Das »Himmlische Jerusalem«</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/werde-ich-traeumen</link>
      <description>&lt;![CDATA[image&#xA;&#xA;Offb 21,1–5a, Fünfter Sonntag der Osterzeit C&#xA;&#xA;#Predigt #Offb&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;»Werde ich träumen, Dr. Chandra?«, fragt HAL, der reaktivierte Supercomputer der »Discovery« in dem Science Fiction-Klassiker »2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen«. In einer vorhergehenden Mission musste diese erste künstliche Intelligenz abgeschaltet werden, weil sie alle Crew-Mitglieder bis auf einen getötet hatte. Der erfolgreiche Auftrag war dem Computer wichtiger als viele Menschenleben. Jetzt, in der verbesserten Version, ist er bereit, sich für die Crew zu opfern und stellt dabei die gleichen existenziellen Fragen, wie Menschen sie stellen würden. »Ja, du wirst träumen«, antwortet der Schiffsingenieur Dr. Chandra. »Alle intelligenten Wesen träumen.« !--more--&#xA;&#xA;Alle intelligenten Wesen träumen. Das ist in der Tat ein wesentliches Merkmal unserer Existenz. Wir träumen, nicht nur, weil diese Funktion irgendwie in unser Gehirn einprogrammiert ist, sondern weil es zu unserer Verfassung gehört, dass wir mit den Tatsachen dieser Welt, so wie sie sind, nicht zufrieden sind.&#xA;&#xA;![image](https://snap-share.de/public/uploads/original/e1/ae/3fefa9fc70cc9f0616a67e3e6e09.webp&#xA;)&#xA;&#xA;Gewiss gibt es die Augenblicke, in denen wir unser Leben ganz wunderbar finden. Wir genießen die Schönheit der Natur, wir staunen über die Kreativität, die in uns als Geschöpfen dieser Natur steckt. Wir bewundern die großartigen Zeugnisse von Kunst und Literatur, Wissenschaft und Technik. Wir fühlen uns geborgen in erfüllenden menschlichen Beziehungen.&#xA;&#xA;Gleichzeitig wissen wir, dass alle Freude und aller Genuss nicht perfekt sind. Neben den Erfahrungen des Gelingens stehen andere. Immer wieder scheitern wir. Beziehungen zerbrechen, wir fallen heraus aus der Geborgenheit und fühlen uns verloren. Wir verderben die Schöpfung und bedrohen das Leben auf der Erde, einschließlich unseres eigenen. Vor allem aber: Alles Schöne und Wunderbare, das wir erfahren, ist endlich. Am Ende fallen auch die großartigsten Dinge und die erfülltesten Lebensläufe ins Nichts.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Die unausrottbare Sehnsucht, mit der wir nach einem perfekten, einem dauerhaften Glück suchen, kann daher nicht erstaunen. Und weil wir das Glück nirgendwo finden, möchten wir es selbst herstellen. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Suche nach »künstlichen Paradiesen«. In der Neuen Welt anderer Kontinente wurde dieses Paradies gesucht; mittlerweile genügen uns die Grenzen dieser Welt nicht mehr: Tech-Milliardäre und Abenteurer versprechen uns neue Welten auf anderen Planeten. Wir suchen das Paradies in virtuellen Realitäten; dazu brauchen wir keine bewusstseinsverändernden Substanzen mehr, bald wird es genügen, eine Virtual Reality-Brille von Meta oder Google aufzusetzen.&#xA;&#xA;Die Versprechen dieser neuen Welt sind verführerisch: Alle Grenzen können wir überwinden. Die Grenzen des Wissens, weil eine künstliche Intelligenz auf alle Fragen eine Antwort hat. Die Grenzen unserer Spezies, weil transhumanistische Technologie unsere Sinne, unsere Erfahrungsmöglichkeiten und Fähigkeiten auf ungeahnte Weise erweitert. Die Grenzen der Endlichkeit, wenn wir erst einmal in der Lage sind, unser Bewusstsein von seiner gebrechlichen organischen Hülle in eine unkaputtbare Hardware upzuloaden.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Ist es das, was auch die Bibel uns verspricht, wenn sie heute in der Lesung einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißt? Und scheint nicht der Künstler Heribert Krotter, dessen Werk »Das Himmlische Jerusalem« wir heute bei uns in der Kirche haben, dies zu bestätigen? Sein Himmlisches Jerusalem strahlt tatsächlich von Gold und Silber. Es sind die Edelmetalle und die ungeheuer feinen Strukturen von Leiterplatinen, die diesen Glanz erzeugen. Ja, »die heilige Stadt, das neue Jerusalem, [wird] von Gott her aus dem Himmel herabkommen« (Offb 21,2), so verheißt es der Seher der Offenbarung. Muss nicht Gott auch in unserer irdischen Welt erfahrbar werden, wenn die Hoffnung nicht pure Jenseitsvertröstung bleiben soll? Und macht unser technologisches Können nicht offenbar, welche großartige Geheimnisse dieses Universum bereithält? Wie jedes gute Kunstwerk lehrt uns auch dieses das Staunen und hält uns dazu an, unser Glück in dieser, nicht in einer anderen Welt zu wagen. Doch wie jedes gute Kunstwerk ist auch dieses nicht eindeutig, sondern hintergründig, vielleicht sogar abgründig.&#xA;&#xA;Denn als abgründig und zutiefst ambivalent erweisen sich auch unsere Sehnsüchte nach einem künstlichen Paradies. Kann eine vollständig automatisierte Realität wirklich leibhaftige menschliche Beziehungen ersetzen? Man weiß nicht, welche Maschinen schneller entwickelt sein werden: Pflege- oder Sex-Roboter, aber keiner von ihnen scheint uns ein erfüllendes Gegenüber zu sein. Überhaupt ist es fraglich, ob es bewusstes Leben ohne einen sterblichen organischen Leib geben kann. Unser Gehirn ist kein binärer Computer und unsere Erfahrung sitzt nicht nur im Gehirn. Wir sind ein Leib, zu dem auch Hand und Fuß gehören, Sinnlichkeit und nicht zuletzt die Grenzen der Endlichkeit. Gerade weil wir nicht alles wissen, bleiben wir offen und neugierig; gerade weil wir mit dem Bestehenden nicht zufrieden sind, können wir an eine ganz andere Welt denken.&#xA;&#xA;Der Himmel unserer künstlichen Paradiese ist also nicht viel mehr als eine Wunschprojektion. Noch dazu eine mit ziemlichen Schattenseiten. Das vermeintliche Wissen einer künstlichen Intelligenz besteht aus Abermilliarden kopierter Wissensbestände unserer Bibliotheken und Forschungsergebnisse, die Heerscharen schlecht bezahlter Sklaven hauptsächlich in den Ländern des Globalen Südens in die Tasten hämmern. So gesehen ist KI nicht viel anderes als der »Schachtürke« des 18. Jahrhunderts, ein damals staunenerregender Automat am Hof der Königin Maria Theresia, der vermeintlich Schach spielen konnte, in dessen Inneren aber versteckt ein leibhaftiger Mensch saß und die Maschine mittels eines komplizierten Hebelwerkes bediente.&#xA;&#xA;Vergessen wir nicht: alle künstlich erzeugten Paradiese bleiben endlich. Es ist vollkommen unwahrscheinlich, dass es jemals gelingen wird, unsterbliches organisches Leben zu schaffen oder unseren Geist in eine künstliche Matrix zu transferieren. Und selbst dann würde diese spätestens im »Big Crunch« mit dem Ende unseres Universums untergehen, wenn sie sich nicht vorher schon aus unsterblicher Langeweile selbst ein Ende bereitet hätte. Keine unserer Fragen nach dem Woher und Wohin dieser Welt und der Bedeutung unserer Existenz wäre damit beantwortet.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Ich meine, genau deswegen spricht die Vision des Sehers Johannes in der Lesung von einem »neuen« Himmel. Es ist auffällig, dass offenbar nicht nur die Erde einer Erneuerung bedarf, sondern auch der Himmel. Es gilt, loszulassen von unseren Wunschprojektionen und unseren Fantasien, in denen der Himmel auf ein sehr menschliches Maß geschrumpft wird; mit wieviel KI auch immer angereichert, bleiben das kleine und armselige Paradiese.&#xA;&#xA;Die »Wohnung Gottes unter den Menschen« (Offb 21,3b), der wirkliche Himmel, ist anders. Jenseits unserer Vorstellungskraft, nicht von uns oder einer zukünftigen Technologie herzustellen. Der neue Himmel entzieht sich jedweder Machbarkeit. Er liegt nicht auf dem Mars und findet sich in keiner Software. Gott und das Paradies sind überhaupt keine Gegenstände dieser Welt. Wenn die Bibel von einem »neuen Himmel« spricht, dann meint sie, dass unsere Wirklichkeit größer ist als diejenige, die wir erkennen oder herstellen können.&#xA;&#xA;Und doch will Gott »unter uns Menschen« wohnen. Will heißen: Dieser neue Himmel muss auch etwas mit unserer Erde zu tun haben. Wir haben jetzt schon eine Ahnung, wie dieser »neue Himmel« sein könnte. Jesus hat diese Ahnung in uns geweckt und bestärkt. Er hat von einer ganz neuen Weise gesprochen, wie Menschen miteinander umgehen können, wie wir in Frieden miteinander und mit den übrigen Geschöpfen unseres Planeten leben können. So, dass wir die Würde allen Lebens achten, auch dem Kleinsten und Geringsten unsere Zuneigung schenken. So auch, dass wir an der Endlichkeit unseres Lebens nicht verzweifeln oder alles für nichts erachten, sondern dass wir diese ganze Schöpfung auf immer in ihrem Ursprung geborgen wissen. Dann sind wir nicht angewiesen auf die Heilsversprechen imaginärer neuer Welten. Die Welt, die Jesus uns durch sein Handeln gezeigt hat, ist fantastisch genug. Jesus sagt im heutigen Evangelium: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!« (Joh 13,34) Er lädt uns damit ein, uns auf seine Lebensweise einzulassen und so den »neuen Himmel« schon jetzt mitten unter uns Menschen zu entdecken.&#xA;&#xA;»Werde ich träumen?« Ja, ich darf und werde träumen. Aber dieser Traum ist kein leeres und sinnloses Versprechen, sondern der Beginn einer neuen Wirklichkeit.&#xA;&#xA;Bilder: Heribert Krotter, »Das Himmlische Jerusalem«, 90 × 90 cm, Platinen auf Holz, 2004; (c) a href=&#34;https://www.bistumsmuseen-regensburg.de/kunst-entdecken/dasein-die-kuenstler-und-ihre-werke/kunstwerk/19-das-himmlische-jerusalem.html&#34; class=&#34;new&#34; title=&#34;Das Himmlische Jerusalem&#34;Kunstsammlungen des Bistums Regensburg/a; Screenshot aus »2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen«.&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/55/dc/cb96493d1e9b0112d00840a628cf.webp" alt="image"></p>

<h3 id="offb-21-1-5a-https-www-bibleserver-com-eu-offenbarung21-2c1-5-fünfter-sonntag-der-osterzeit-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Offenbarung21%2C1-5">Offb 21,1–5a</a>, Fünfter Sonntag der Osterzeit C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Offb" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Offb</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>»Werde ich träumen, Dr. Chandra?«, fragt HAL, der reaktivierte Supercomputer der »Discovery« in dem Science Fiction-Klassiker <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/2010:_Das_Jahr,_in_dem_wir_Kontakt_aufnehmen">»2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen«</a>. In einer vorhergehenden Mission musste diese erste künstliche Intelligenz abgeschaltet werden, weil sie alle Crew-Mitglieder bis auf einen getötet hatte. Der erfolgreiche Auftrag war dem Computer wichtiger als viele Menschenleben. Jetzt, in der verbesserten Version, ist er bereit, sich für die Crew zu opfern und stellt dabei die gleichen existenziellen Fragen, wie Menschen sie stellen würden. »Ja, du wirst träumen«, antwortet der Schiffsingenieur Dr. Chandra. »Alle intelligenten Wesen träumen.« </p>

<p>Alle intelligenten Wesen träumen. Das ist in der Tat ein wesentliches Merkmal unserer Existenz. Wir träumen, nicht nur, weil diese Funktion irgendwie in unser Gehirn einprogrammiert ist, sondern weil es zu unserer Verfassung gehört, dass wir mit den Tatsachen dieser Welt, so wie sie sind, nicht zufrieden sind.</p>

<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/e1/ae/3fefa9fc70cc9f0616a67e3e6e09.webp" alt="image"></p>

<p>Gewiss gibt es die Augenblicke, in denen wir unser Leben ganz wunderbar finden. Wir genießen die Schönheit der Natur, wir staunen über die Kreativität, die in uns als Geschöpfen dieser Natur steckt. Wir bewundern die großartigen Zeugnisse von Kunst und Literatur, Wissenschaft und Technik. Wir fühlen uns geborgen in erfüllenden menschlichen Beziehungen.</p>

<p>Gleichzeitig wissen wir, dass alle Freude und aller Genuss nicht perfekt sind. Neben den Erfahrungen des Gelingens stehen andere. Immer wieder scheitern wir. Beziehungen zerbrechen, wir fallen heraus aus der Geborgenheit und fühlen uns verloren. Wir verderben die Schöpfung und bedrohen das Leben auf der Erde, einschließlich unseres eigenen. Vor allem aber: Alles Schöne und Wunderbare, das wir erfahren, ist endlich. Am Ende fallen auch die großartigsten Dinge und die erfülltesten Lebensläufe ins Nichts.</p>

<h3 id="ii">II</h3>

<p>Die unausrottbare Sehnsucht, mit der wir nach einem perfekten, einem dauerhaften Glück suchen, kann daher nicht erstaunen. Und weil wir das Glück nirgendwo finden, möchten wir es selbst herstellen. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Suche nach <a href="https://fr.wikipedia.org/wiki/Les_Paradis_artificiels">»künstlichen Paradiesen«</a>. In der Neuen Welt anderer Kontinente wurde dieses Paradies gesucht; mittlerweile genügen uns die Grenzen dieser Welt nicht mehr: Tech-Milliardäre und Abenteurer versprechen uns neue Welten auf anderen Planeten. Wir suchen das Paradies in virtuellen Realitäten; dazu brauchen wir keine bewusstseinsverändernden Substanzen mehr, bald wird es genügen, eine Virtual Reality-Brille von Meta oder Google aufzusetzen.</p>

<p>Die Versprechen dieser neuen Welt sind verführerisch: Alle Grenzen können wir überwinden. Die Grenzen des Wissens, weil eine künstliche Intelligenz auf alle Fragen eine Antwort hat. Die Grenzen unserer Spezies, weil transhumanistische Technologie unsere Sinne, unsere Erfahrungsmöglichkeiten und Fähigkeiten auf ungeahnte Weise erweitert. Die Grenzen der Endlichkeit, wenn wir erst einmal in der Lage sind, unser Bewusstsein von seiner gebrechlichen organischen Hülle in eine unkaputtbare Hardware upzuloaden.</p>

<h3 id="iii">III</h3>

<p>Ist es das, was auch die Bibel uns verspricht, wenn sie heute in der Lesung einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißt? Und scheint nicht der Künstler Heribert Krotter, dessen Werk »Das Himmlische Jerusalem« wir heute bei uns in der Kirche haben, dies zu bestätigen? Sein Himmlisches Jerusalem strahlt tatsächlich von Gold und Silber. Es sind die Edelmetalle und die ungeheuer feinen Strukturen von Leiterplatinen, die diesen Glanz erzeugen. Ja, »die heilige Stadt, das neue Jerusalem, [wird] von Gott her aus dem Himmel herabkommen« (Offb 21,2), so verheißt es der Seher der Offenbarung. Muss nicht Gott auch in unserer irdischen Welt erfahrbar werden, wenn die Hoffnung nicht pure Jenseitsvertröstung bleiben soll? Und macht unser technologisches Können nicht offenbar, welche großartige Geheimnisse dieses Universum bereithält? Wie jedes gute Kunstwerk lehrt uns auch dieses das Staunen und hält uns dazu an, unser Glück in dieser, nicht in einer anderen Welt zu wagen. Doch wie jedes gute Kunstwerk ist auch dieses nicht eindeutig, sondern hintergründig, vielleicht sogar abgründig.</p>

<p>Denn als abgründig und zutiefst ambivalent erweisen sich auch unsere Sehnsüchte nach einem künstlichen Paradies. Kann eine vollständig automatisierte Realität wirklich leibhaftige menschliche Beziehungen ersetzen? Man weiß nicht, welche Maschinen schneller entwickelt sein werden: Pflege- oder Sex-Roboter, aber keiner von ihnen scheint uns ein erfüllendes Gegenüber zu sein. Überhaupt ist es fraglich, ob es bewusstes Leben ohne einen sterblichen organischen Leib geben kann. Unser Gehirn ist kein binärer Computer und unsere Erfahrung sitzt nicht nur im Gehirn. Wir sind ein Leib, zu dem auch Hand und Fuß gehören, Sinnlichkeit und nicht zuletzt die Grenzen der Endlichkeit. Gerade weil wir nicht alles wissen, bleiben wir offen und neugierig; gerade weil wir mit dem Bestehenden nicht zufrieden sind, können wir an eine ganz andere Welt denken.</p>

<p>Der Himmel unserer künstlichen Paradiese ist also nicht viel mehr als eine Wunschprojektion. Noch dazu eine mit ziemlichen Schattenseiten. Das vermeintliche Wissen einer künstlichen Intelligenz besteht aus Abermilliarden kopierter Wissensbestände unserer Bibliotheken und Forschungsergebnisse, die Heerscharen schlecht bezahlter Sklaven hauptsächlich in den Ländern des Globalen Südens in die Tasten hämmern. So gesehen ist KI nicht viel anderes als der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schacht%C3%BCrke">»Schachtürke«</a> des 18. Jahrhunderts, ein damals staunenerregender Automat am Hof der Königin Maria Theresia, der vermeintlich Schach spielen konnte, in dessen Inneren aber versteckt ein leibhaftiger Mensch saß und die Maschine mittels eines komplizierten Hebelwerkes bediente.</p>

<p>Vergessen wir nicht: alle künstlich erzeugten Paradiese bleiben endlich. Es ist vollkommen unwahrscheinlich, dass es jemals gelingen wird, unsterbliches organisches Leben zu schaffen oder unseren Geist in eine künstliche Matrix zu transferieren. Und selbst dann würde diese spätestens im »Big Crunch« mit dem Ende unseres Universums untergehen, wenn sie sich nicht vorher schon aus unsterblicher Langeweile selbst ein Ende bereitet hätte. Keine unserer Fragen nach dem Woher und Wohin dieser Welt und der Bedeutung unserer Existenz wäre damit beantwortet.</p>

<h3 id="iv">IV</h3>

<p>Ich meine, genau deswegen spricht die Vision des Sehers Johannes in der Lesung von einem »neuen« Himmel. Es ist auffällig, dass offenbar nicht nur die Erde einer Erneuerung bedarf, sondern auch der Himmel. Es gilt, loszulassen von unseren Wunschprojektionen und unseren Fantasien, in denen der Himmel auf ein sehr menschliches Maß geschrumpft wird; mit wieviel KI auch immer angereichert, bleiben das kleine und armselige Paradiese.</p>

<p>Die »Wohnung Gottes unter den Menschen« (Offb 21,3b), der wirkliche Himmel, ist anders. Jenseits unserer Vorstellungskraft, nicht von uns oder einer zukünftigen Technologie herzustellen. Der neue Himmel entzieht sich jedweder Machbarkeit. Er liegt nicht auf dem Mars und findet sich in keiner Software. Gott und das Paradies sind überhaupt keine Gegenstände dieser Welt. Wenn die Bibel von einem »neuen Himmel« spricht, dann meint sie, dass unsere Wirklichkeit größer ist als diejenige, die wir erkennen oder herstellen können.</p>

<p>Und doch will Gott »unter uns Menschen« wohnen. Will heißen: Dieser neue Himmel muss auch etwas mit unserer Erde zu tun haben. Wir haben jetzt schon eine Ahnung, wie dieser »neue Himmel« sein könnte. Jesus hat diese Ahnung in uns geweckt und bestärkt. Er hat von einer ganz neuen Weise gesprochen, wie Menschen miteinander umgehen können, wie wir in Frieden miteinander und mit den übrigen Geschöpfen unseres Planeten leben können. So, dass wir die Würde allen Lebens achten, auch dem Kleinsten und Geringsten unsere Zuneigung schenken. So auch, dass wir an der Endlichkeit unseres Lebens nicht verzweifeln oder alles für nichts erachten, sondern dass wir diese ganze Schöpfung auf immer in ihrem Ursprung geborgen wissen. Dann sind wir nicht angewiesen auf die Heilsversprechen imaginärer neuer Welten. Die Welt, die Jesus uns durch sein Handeln gezeigt hat, ist fantastisch genug. Jesus sagt im heutigen Evangelium: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe!« (Joh 13,34) Er lädt uns damit ein, uns auf seine Lebensweise einzulassen und so den »neuen Himmel« schon jetzt mitten unter uns Menschen zu entdecken.</p>

<p>»Werde ich träumen?« Ja, ich darf und werde träumen. Aber dieser Traum ist kein leeres und sinnloses Versprechen, sondern <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A9lder_C%C3%A2mara">der Beginn einer neuen Wirklichkeit</a>.</p>

<p><em>Bilder: Heribert Krotter, »Das Himmlische Jerusalem«, 90 × 90 cm, Platinen auf Holz, 2004; © <a href="https://www.bistumsmuseen-regensburg.de/kunst-entdecken/dasein-die-kuenstler-und-ihre-werke/kunstwerk/19-das-himmlische-jerusalem.html" class="new" title="Das Himmlische Jerusalem">Kunstsammlungen des Bistums Regensburg</a>; Screenshot aus <a href="https://it.wikipedia.org/wiki/2010_-_L%27anno_del_contatto#/media/File:2010scena.png">»2010: Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen«</a>.</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/werde-ich-traeumen</guid>
      <pubDate>Sun, 18 May 2025 18:30:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Nur ein Hauch: Der Auferstandene und Thomas</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/nur-ein-hauch-der-auferstandene-und-thomas</link>
      <description>&lt;![CDATA[Leicht wie eine Feder&#xA;&#xA;Joh 20,19–31, Zweiter Sonntag der Osterzeit&#xA;#Predigt #Ostern #Joh&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Kennen Sie das auch: Ich gehe durch die Straßen meiner Heimatstadt, sie sind mir vertraut, aber gerade deswegen beachte ich sie nicht weiter. Mit einem Mal bleibt mein Blick an einem Ort oder einem Haus hängen und ohne dass ich dies wollte, schießen die Erinnerungen in mein Gedächtnis. Szenen meiner Kindheit und Jugend werden wieder lebendig, Bilder steigen in mir auf, von dem, was mich unbewusst mit dieser Situation verbindet und was mich womöglich bis heute prägt. !--more--Ein Schulweg kann das sein, den ich oft und oft gegangen bin, das Haus eines Freundes aus Jugendtagen oder auch ein Geschäft, das vielleicht schon lange nicht mehr existiert.&#xA;&#xA;Es erstaunt mich, wie viel an Bildern, Farben, Orten in mir auf verborgene Weise lebendig ist. Über das meiste davon kann ich nicht willkürlich verfügen, es braucht einen Anstoß, damit die Erinnerung aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder auftaucht. Und so ein Anstoß geschieht fast immer über meinen Leib und meine Sinne: eine Farbe, ein Geruch, ein Geräusch kann das sein oder eine Kombination von alledem.&#xA;&#xA;Marcel Proust beschreibt das wunderbar in seinem Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup. Der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks lässt die verlorene Welt seiner Kindheit in ihm wieder auferstehen:&#xA;&#xA;  In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst.&#xA;&#xA;Solche Erfahrungen machen deutlich, dass wir Menschen zutiefst leibliche Wesen sind und dass auch alles, was wir »Geist« nennen, in irgendeiner Form an unseren Leib gebunden ist. Ein kleines Gedankenexperiment kann uns das verdeutlichen: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg, und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden schnell merken: so gut wie gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch – formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Diese Gebundenheit unserer menschlichen Existenz an den Leib ist vielen religiösen und gesellschaftlichen Ideologien bis auf den heutigen Tag unheimlich. Sie scheint eine Abhängigkeit und auch Verletzlichkeit zu schaffen, die wir am liebsten loswerden möchten. Zur Zeit der ersten Christen gab es eine religiöse Strömung namens »Gnosis«, wörtlich »Erkenntnis«, die den Leib und alles, was damit zusammenhing, als unrein betrachtete und als Ergebnis eines kosmischen Unfalls, den man rückgängig machen müsse. Erlösung war für die Gnostiker eine Erlösung aus der Leiblichkeit.&#xA;&#xA;Die heutigen Gnostiker sind vielleicht am ehesten unter den Anhängern des Transhumanismus zu finden, die davon träumen, den schwachen und hinfälligen menschlichen Leib durch technische Enhancements upzugraden und am Ende am besten das Bewusstsein in einen Computer upzuloaden, wo es unabhängig von der jeweiligen Hardware bis in alle Ewigkeit fortbestehen und sich sogar mit anderen Bewusstseinsformen verbinden könnte. Damals wie heute werden solche Utopien von der Angst vor der Sterblichkeit und Verwundbarkeit getriggert, die mit unserer unhintergehbar leiblichen Existenzform verbunden ist. Dass mein Leib anfällig ist für Krankheiten, dass er durch ein winzig kleines Virus aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, dass er von Jahr zu Jahr in seiner Leistungsfähigkeit abnimmt, dass man jedem Gesicht die Spuren der durchlebten Erfahrungen, der glücklichen, aber auch der schweren, ansieht: All das erinnert uns daran, dass dieses irdische Leben irgendwann zu Ende geht, egal, was wir dagegen unternehmen, wie sehr wir uns schützen oder was wir an medizinischen Möglichkeiten erfinden. Leiblichkeit heißt Endlichkeit.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Aber womöglich ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es ist ja auch unser Leib, der uns zuallererst in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu all dem anderen vielfältigen Leben, das uns umgibt. Ohne den Leib wäre mein Leben vielleicht weniger verletzlich, aber es bliebe auch durch und durch steril. Es ist sogar fraglich, ob es so etwas wie »Geist« und »Bewusstsein« ohne unseren Leib überhaupt geben könnte. Computer können geistige Prozesse nur simulieren, aber nicht selber empfinden. Ein nach dem Modell eines leiblosen Computers gedachtes »Gehirn verfügt weder über geistige Zustände noch über Bewusstsein, denn das Gehirn lebt nicht – es ist nur das Organ eines Lebewesens, einer lebendigen Person. …] Nur ein mit einem fühlenden und beweglichen Körper verbundenes Gehirn ist in der Lage, als zentrales Organ für mentale Prozesse zu dienen, denn nur durch die ständigen Interaktionen von Gehirn, Körper und Umwelt entstehen […] die Strukturen des bewussten Erlebens.«, so schreibt der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchssupspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​[2/span/sup.&#xA;&#xA;Besonders in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie haben wir erlebt, wie leicht unserem Denken der fühlende und bewegliche Körper abhandenkommen kann. Alte Menschen, die von ihren Angehörigen isoliert werden, verkümmern, werden schneller dement und gehen schließlich zugrunde. Kinder und Jugendliche, denen die entwicklungspsychologisch notwendigen Kontakte zu Gleichaltrigen versagt werden, entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Und wir alle haben es tagtäglich gemerkt, wie unbefriedigend rein virtuelle Kontakte bleiben, wenn ich Menschen, die mir nahestehen, nicht berühren kann. Eine Video-Konferenz schafft eben nur vermeintliche Nähe, betrügt uns aber um das, was ein lebendiger Geist braucht, um wirklich denken und fühlen zu können.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Daher ist es kein Wunder, dass Jesus sich seinen Freundinnen und Freunden in leiblich vermittelten Begegnungen als der Auferstandene und Lebendige zeigt. Auch heute im Evangelium wird uns das wieder so geschildert. Jesus haucht die Jünger an, so heißt es da, und spricht ihnen auf diese Weise seinen Frieden zu. Es ist eine ganz zarte, ungeheuer flüchtige Berührung, die in so einem Hauch geschieht. Und doch ist sie spürbar und kann Menschen verändern, wie der zarte und flüchtige Geschmack eines Gebäcks oder die Erinnerungsbilder bei einem Spaziergang durch die Gassen meiner Kindheit und Jugend. Erst diese in irgendeiner Weise leibliche Begegnung mit Jesus lässt die Jünger gewiss sein, dass er lebt. Denn ihnen geht es genauso wie uns mit unseren inneren Bildern: Jetzt steigen in ihnen die Erinnerungen wieder auf, wer Jesus wirklich war und was er getan hat. Dass er Menschen nicht nur mit guten Worten abgespeist, sondern sie wirklich berührt und auf diese Weise wieder heil und ganz gemacht hat: die Aussätzigen, die von seelischen Störungen Geplagten, ja sogar die, die sich schon wie tot fühlten.&#xA;&#xA;Durch die Berührung, durch den leiblichen Kontakt vermittelt Jesus seinen Freundinnen und Freunden den Frieden. Es ist nicht ohne Grund der verwundete Jesus, von dem dieser Friede ausgeht. Durch seine Wunden legt Jesus ein lebendiges Zeugnis dafür ab, dass uns die unserem Leib geschuldete Verletzlichkeit nicht in Panik versetzen muss. Wir müssen es nicht verdrängen, dass wir nur in einem sterblichen Leib wahrhaft Mensch sein können. Jesus ermutigt uns, dass wir unseren Leib wieder schätzen und lieben lernen und alles, was zu dieser Leiblichkeit dazugehört. Das Fühlen, Sehen, Schmecken, Hören, Riechen eröffnet uns Glück und Genuss, die uns ohne unseren Leib auf immer versagt blieben und ohne die das Leben sich gar nicht wirklich lohnen würde.&#xA;&#xA;Als er mit seinen Händen den verwundeten Leib Jesu berührt, spürt der Thomas diesen Frieden. Die Angst weicht dem Glück. Auch wir können diesen Frieden und dieses Glück genießen, wenn wir uns berühren lassen von all dem Wunderbaren, Großartigen und Schönen um uns herum. Es ist Gottes Geist, der uns dann trifft wie ein Hauch.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Unterwegs zu Swann, Band 1, Frankfurt 2011. Vgl. dazu auch: Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person: Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2018, S. 320f.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Fuchs, Thomas: Person und Gehirn. Zur Kritik des Zerebrozentrismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Frankfurt 2020, S. 198.&#xA;&#xA;Bild © Cristina Conti / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/08/57/59a8a85705cab0f0eebad0fbf947.webp" alt="Leicht wie eine Feder"></p>

<h2 id="joh-20-19-31-https-www-bibleserver-com-eu-johannes20-2c19-31-zweiter-sonntag-der-osterzeit"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Johannes20%2C19-31">Joh 20,19–31</a>, Zweiter Sonntag der Osterzeit</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Joh" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Joh</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Kennen Sie das auch: Ich gehe durch die Straßen meiner Heimatstadt, sie sind mir vertraut, aber gerade deswegen beachte ich sie nicht weiter. Mit einem Mal bleibt mein Blick an einem Ort oder einem Haus hängen und ohne dass ich dies wollte, schießen die Erinnerungen in mein Gedächtnis. Szenen meiner Kindheit und Jugend werden wieder lebendig, Bilder steigen in mir auf, von dem, was mich unbewusst mit dieser Situation verbindet und was mich womöglich bis heute prägt. Ein Schulweg kann das sein, den ich oft und oft gegangen bin, das Haus eines Freundes aus Jugendtagen oder auch ein Geschäft, das vielleicht schon lange nicht mehr existiert.</p>

<p>Es erstaunt mich, wie viel an Bildern, Farben, Orten in mir auf verborgene Weise lebendig ist. Über das meiste davon kann ich nicht willkürlich verfügen, es braucht einen Anstoß, damit die Erinnerung aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder auftaucht. Und so ein Anstoß geschieht fast immer über meinen Leib und meine Sinne: eine Farbe, ein Geruch, ein Geräusch kann das sein oder eine Kombination von alledem.</p>

<p>Marcel Proust beschreibt das wunderbar in seinem Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«<sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>. Der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks lässt die verlorene Welt seiner Kindheit in ihm wieder auferstehen:</p>

<blockquote><p>In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst.</p></blockquote>

<p>Solche Erfahrungen machen deutlich, dass wir Menschen zutiefst leibliche Wesen sind und dass auch alles, was wir »Geist« nennen, in irgendeiner Form an unseren Leib gebunden ist. Ein kleines Gedankenexperiment kann uns das verdeutlichen: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg, und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden schnell merken: so gut wie gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch – formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Diese Gebundenheit unserer menschlichen Existenz an den Leib ist vielen religiösen und gesellschaftlichen Ideologien bis auf den heutigen Tag unheimlich. Sie scheint eine Abhängigkeit und auch Verletzlichkeit zu schaffen, die wir am liebsten loswerden möchten. Zur Zeit der ersten Christen gab es eine religiöse Strömung namens »Gnosis«, wörtlich »Erkenntnis«, die den Leib und alles, was damit zusammenhing, als unrein betrachtete und als Ergebnis eines kosmischen Unfalls, den man rückgängig machen müsse. Erlösung war für die Gnostiker eine Erlösung aus der Leiblichkeit.</p>

<p>Die heutigen Gnostiker sind vielleicht am ehesten unter den Anhängern des Transhumanismus zu finden, die davon träumen, den schwachen und hinfälligen menschlichen Leib durch technische Enhancements upzugraden und am Ende am besten das Bewusstsein in einen Computer upzuloaden, wo es unabhängig von der jeweiligen Hardware bis in alle Ewigkeit fortbestehen und sich sogar mit anderen Bewusstseinsformen verbinden könnte. Damals wie heute werden solche Utopien von der Angst vor der Sterblichkeit und Verwundbarkeit getriggert, die mit unserer unhintergehbar leiblichen Existenzform verbunden ist. Dass mein Leib anfällig ist für Krankheiten, dass er durch ein winzig kleines Virus aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, dass er von Jahr zu Jahr in seiner Leistungsfähigkeit abnimmt, dass man jedem Gesicht die Spuren der durchlebten Erfahrungen, der glücklichen, aber auch der schweren, ansieht: All das erinnert uns daran, dass dieses irdische Leben irgendwann zu Ende geht, egal, was wir dagegen unternehmen, wie sehr wir uns schützen oder was wir an medizinischen Möglichkeiten erfinden. Leiblichkeit heißt Endlichkeit.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Aber womöglich ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es ist ja auch unser Leib, der uns zuallererst in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu all dem anderen vielfältigen Leben, das uns umgibt. Ohne den Leib wäre mein Leben vielleicht weniger verletzlich, aber es bliebe auch durch und durch steril. Es ist sogar fraglich, ob es so etwas wie »Geist« und »Bewusstsein« ohne unseren Leib überhaupt geben könnte. Computer können geistige Prozesse nur simulieren, aber nicht selber empfinden. Ein nach dem Modell eines leiblosen Computers gedachtes »<em>Gehirn verfügt weder über geistige Zustände noch über Bewusstsein, denn das Gehirn lebt nicht – es ist nur das Organ eines Lebewesens, einer lebendigen Person. […] Nur ein mit einem fühlenden und beweglichen Körper verbundenes Gehirn ist in der Lage, als zentrales Organ für mentale Prozesse zu dienen, denn nur durch die ständigen Interaktionen von Gehirn, Körper und Umwelt entstehen […] die Strukturen des bewussten Erlebens.</em>«, so schreibt der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>.</p>

<p>Besonders in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie haben wir erlebt, wie leicht unserem Denken der fühlende und bewegliche Körper abhandenkommen kann. Alte Menschen, die von ihren Angehörigen isoliert werden, verkümmern, werden schneller dement und gehen schließlich zugrunde. Kinder und Jugendliche, denen die entwicklungspsychologisch notwendigen Kontakte zu Gleichaltrigen versagt werden, entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Und wir alle haben es tagtäglich gemerkt, wie unbefriedigend rein virtuelle Kontakte bleiben, wenn ich Menschen, die mir nahestehen, nicht berühren kann. Eine Video-Konferenz schafft eben nur vermeintliche Nähe, betrügt uns aber um das, was ein lebendiger Geist braucht, um wirklich denken und fühlen zu können.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Daher ist es kein Wunder, dass Jesus sich seinen Freundinnen und Freunden in leiblich vermittelten Begegnungen als der Auferstandene und Lebendige zeigt. Auch heute im Evangelium wird uns das wieder so geschildert. Jesus haucht die Jünger an, so heißt es da, und spricht ihnen auf diese Weise seinen Frieden zu. Es ist eine ganz zarte, ungeheuer flüchtige Berührung, die in so einem Hauch geschieht. Und doch ist sie spürbar und kann Menschen verändern, wie der zarte und flüchtige Geschmack eines Gebäcks oder die Erinnerungsbilder bei einem Spaziergang durch die Gassen meiner Kindheit und Jugend. Erst diese in irgendeiner Weise leibliche Begegnung mit Jesus lässt die Jünger gewiss sein, dass er lebt. Denn ihnen geht es genauso wie uns mit unseren inneren Bildern: Jetzt steigen in ihnen die Erinnerungen wieder auf, wer Jesus wirklich war und was er getan hat. Dass er Menschen nicht nur mit guten Worten abgespeist, sondern sie wirklich berührt und auf diese Weise wieder heil und ganz gemacht hat: die Aussätzigen, die von seelischen Störungen Geplagten, ja sogar die, die sich schon wie tot fühlten.</p>

<p>Durch die Berührung, durch den leiblichen Kontakt vermittelt Jesus seinen Freundinnen und Freunden den Frieden. Es ist nicht ohne Grund der verwundete Jesus, von dem dieser Friede ausgeht. Durch seine Wunden legt Jesus ein lebendiges Zeugnis dafür ab, dass uns die unserem Leib geschuldete Verletzlichkeit nicht in Panik versetzen muss. Wir müssen es nicht verdrängen, dass wir nur in einem sterblichen Leib wahrhaft Mensch sein können. Jesus ermutigt uns, dass wir unseren Leib wieder schätzen und lieben lernen und alles, was zu dieser Leiblichkeit dazugehört. Das Fühlen, Sehen, Schmecken, Hören, Riechen eröffnet uns Glück und Genuss, die uns ohne unseren Leib auf immer versagt blieben und ohne die das Leben sich gar nicht wirklich lohnen würde.</p>

<p>Als er mit seinen Händen den verwundeten Leib Jesu berührt, spürt der Thomas diesen Frieden. Die Angst weicht dem Glück. Auch wir können diesen Frieden und dieses Glück genießen, wenn wir uns berühren lassen von all dem Wunderbaren, Großartigen und Schönen um uns herum. Es ist Gottes Geist, der uns dann trifft wie ein Hauch.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Unterwegs zu Swann, Band 1, Frankfurt 2011. Vgl. dazu auch: Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person: Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2018, S. 320f.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Fuchs, Thomas: Person und Gehirn. Zur Kritik des Zerebrozentrismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Frankfurt 2020, S. 198.</p>

<p><em>Bild © Cristina Conti / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/nur-ein-hauch-der-auferstandene-und-thomas</guid>
      <pubDate>Sat, 23 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Warten auf das Leben</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/warten-auf-das-leben</link>
      <description>&lt;![CDATA[Warten auf das Leben&#xA;&#xA;Lk 24,13-35, Ostermontag&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?&#xA;&#xA;Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.&#xA;&#xA;Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?&#xA;&#xA;Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.&#xA;&#xA;Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.&#xA;&#xA;Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.&#xA;&#xA;Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.&#xA;&#xA;Bild (c) esthermm / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/85/54/efa83da326d15a9ca49f89d318cf.webp" alt="Warten auf das Leben"></p>

<h3 id="lk-24-13-35-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c13-35-ostermontag"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C13-35">Lk 24,13-35</a>, Ostermontag</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.</p></blockquote>



<p>Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup> über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?</p>

<p>Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.</p>

<p>Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?</p>

<p>Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.</p>

<p>Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.</p>

<p>Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.</p>

<p>Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.</p>

<p><em>Bild © esthermm / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/warten-auf-das-leben</guid>
      <pubDate>Mon, 18 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>The man in the water</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/the-man-in-the-water</link>
      <description>&lt;![CDATA[Rettungsring in stürmischer See&#xA;&#xA;Lk 24,1–12, Osternacht C&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.&#xA;!--more--&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.&#xA;&#xA;Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.&#xA;&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.&#xA;&#xA;Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.&#xA;&#xA;Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.&#xA;&#xA;Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.&#xA;&#xA;Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des &#34;man in the water&#34; zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.&#xA;&#xA;Bild (c) Romolo Tavani / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/4f/4b/34d011e2a9c91b2a6740c376ae89.webp" alt="Rettungsring in stürmischer See"></p>

<h3 id="lk-24-1-12-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c1-12-osternacht-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C1-12">Lk 24,1–12</a>, Osternacht C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.

Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.</p>

<p>Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.</p>

<p>Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.</p>

<p>Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.</p>

<p>Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.</p>

<p>Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.</p>

<p>Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.</p>

<hr>

<p><em>Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des “man in the water” zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.</em></p>

<p><em>Bild © Romolo Tavani / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/the-man-in-the-water</guid>
      <pubDate>Sun, 17 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Leer ist die Welt: Ostern und das leere Grab</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/leer-ist-die-welt</link>
      <description>&lt;![CDATA[Eine leere Bühne im Licht&#xA;&#xA;Mk 16,1–8, Osternacht B&#xA;&#xA;#Predigt #Mk #Ostern&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;»Leer ist die Welt«, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins zur Lehre des Buddhismus, das mir vor langen Jahren am Ende meiner Schulzeit der alte Hausarzt unserer Familie geschenkt hat.&#xA;&#xA;  Mit klarem Geist schau an als leer&#xA;das Weltgeschehen!&#xA;Zum Todbesieger werde so.&#xA;Wer so die Welt betrachten kann,&#xA;den kann der Tod nicht sehen.&#xA;&#xA;  Sutta Nipāta 1119, in Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt, S. 34 supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;In diesen Worten des Buddha spiegelt sich die Überzeugung, dass kein Ding und Wesen dieser Welt aus sich selbst heraus Bestand hat. Alles ist das Ergebnis einer unendlichen Kette von Ursachen und Wirkungen, ohne Anfang und vielleicht ohne Ende. Wer durchschaut, dass alles in sich »leer« ist, kann für sich diesen Kreislauf beenden.&#xA;&#xA;Ich erinnere mich noch gut an mein Gefühl der Traurigkeit darüber, dass all die wunderbaren Erscheinungen und Geschöpfe dieser Welt nichts sein sollten. Das war verwirrend und bestürzend. In ähnlicher Weise bestürzt, so denke ich mir, waren die Frauen am Grab Jesu, von denen das seltsame Osterevangelium des Markus erzählt. Nach dem Schock über Jesu Tod hatten sie sich noch irgendwie an den Ritualen festgehalten, mit denen man die Toten ehrt und die Verbindung zu ihnen hält. Doch dann ist dieses Grab auf einmal leer und sogar der Leichnam Jesu als letzter Halt wurde ihnen noch genommen.&#xA;&#xA;Im Grunde aber hält diese Erzählung mit dem Brennglas auf ein besonderes Ereignis nur die ganz normale Erfahrung unseres Alltags fest: die Erfahrung der Abwesenheit. Bei so vielem, was uns in unserem Leben widerfährt, fehlen Sinn und Deutung, es bleibt – leer. Viele Deutungen drücken wir den Geschehnissen nur nachträglich mehr oder weniger bemüht auf: Dass dieser oder jener Schicksalsschlag schon seinen Sinn haben wird, dass »die Wissenschaft«, was immer das dann sein mag, uns das Leben erklären kann, dass ein Katechismus uns sagen soll, warum wir auf der Welt sind. Wenn wir nur ein wenig nachbohren, zerfallen solche Deutungen schnell in nichts.&#xA;&#xA;Im Routinebetrieb von Kirche und Glauben versuchen wir, das Bild eines anwesenden Gottes aufrecht zu erhalten. Gott ist da, sagen wir, und meinen, dass er sich zeigt als Ursache der Welt, als Lenker des Schicksals, als oberster moralischer Gesetzgeber. Solche Art von Präsenz heißt aber auch: Gott ist verfügbar. Er hat sich in das Bild zu fügen, das wir uns von ihm machen; hat die Rolle einzunehmen, für die wir ihn gerade brauchen – mit all den Folgen der Bemächtigung und der Anmaßung. Im Namen Gottes wird bis heute über das Leben vieler Menschen verfügt; es wird geprüft auf Konformität mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen oder es wird aussortiert, weil es nicht einer »Schöpfungsordnung« entspricht, die wir zu erkennen meinen.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Wie befreiend wäre es da, wenn Gott in Wahrheit ein Abwesender wäre! Dass das Absolute unverfügbar für uns ist, lehrt ja nicht nur der Buddha. Es ist auch eine grundlegende Einsicht der biblischen Erfahrung mit Gott. Gott wirkt, wie es uns die Schöpfungserzählung berichtet, Gott rettet, wie es die Geschichte von der Befreiung Israels aus Ägypten schildert. Aber er tut dies im Grunde als Abwesender; als einer, der sein Gesicht nicht zeigt, den man nicht sehen und greifen kann wie die Götter, die in den Tempeln aufgestellt sind. Weder Mose noch Elija noch sonst irgendjemand hat Gott gesehen. Auch Jesus übrigens nicht. Er hört Gottes Stimme in sich, er vertraut darauf, dass er in ihm als seinem guten Vater geborgen ist. Spätestens am Kreuz aber erfährt auch Jesus Gott als radikal abwesend.&#xA;&#xA;Kein Wunder dann, dass Jesus selbst nach seinem Tod gewissermaßen verschwindet und nur die Leere zurücklässt, das leere Grab. Keine Spur scheint von ihm geblieben. Was die Frauen so schmerzt und verwirrt, will die Erscheinung des jungen Mannes am Grab ihnen als tröstliche und hoffnungsvolle Einsicht vermitteln: »Er ist nicht hier«, sagt sie. Es ist gut, dass er abwesend ist und dieses Grab leer.&#xA;&#xA;In welcher alltäglich sichtbaren und greifbaren Gestalt hätte Jesus denn in dieses Leben zurückkehren sollen? Jede davon wäre eine Enttäuschung gewesen. Hätte sie doch nur bestätigt, dass die Welt und das Leben nicht mehr sind als das, was wir mit den Festlegungen und Kategorien unseres Denkens in sie hinein legen. Denn das ist die unausweichliche Kehrseite dessen, dass wir alles als anwesend, als greifbar und präsent denken: Wir reduzieren es auf die Reichweite unseres Vorstellungsvermögens.&#xA;&#xA;Das leere Grab am Ostermorgen hilft uns, gerade das, was wir lieben, frei zu geben. Die Leere ist nicht nichts. Es folgt aus ihr kein Nihilismus. Im Gegenteil. Die Zwillingsschwester der Leere ist die Fülle. Denn Abwesenheit schafft Raum. Einen Raum, in dem sich eine Fülle von Wesen und Dingen entfalten kann, wie es uns der Schöpfungsbericht erzählt. Am Anfang hat Gott selbst Platz gemacht, sich zurückgezogen und sich in die Abwesenheit begeben. Die jüdische Mystik nennt diesen Vorgang »Tzimtzum« und deutet den Raum der Schöpfung, der durch den Rückzug Gottes entsteht, als kreative Leere. »Leer ist die Welt«, in der Tat.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Wenn ich das Leben leer mache von Deutungen, die ich selbst in es hineinlege, dann dürfen Menschen so sein, wie sie sind; sie müssen nicht fremden Vorgaben entsprechen und keinem anderen Willen folgen, nicht einmal dem (vermeintlichen) Willen Gottes. Denn der hat keinen anderen Willen, als Raum zu geben für eigenes Leben. Wenn ich es zulasse, dass mein Bild von Gott zerbricht und leer wird, dann muss Gott nicht länger herhalten als Lückenbüßer, der es mir ermöglicht, mir die Welt so zusammenzureimen, wie ich sie gerne hätte. Dann darf ich darauf hoffen, dass Welt und Mensch und die gesamte Schöpfung eine Zukunft haben, wie ich selbst sie mir niemals ausdenken könnte.&#xA;&#xA;Es ist bezeichnend, dass die Gestalt am Grab von Jesus sagt, er sei vorausgegangen. Jesus ist abwesend, um Zukunft zu eröffnen. Nichts muss sein und bleiben wie es ist. Nichts ist schon zu Ende gedacht. Genau dafür stand Jesus schon zu seinen Lebzeiten ein, dass alles auch anders sein könnte. Dass wir anders miteinander umgehen können, einander nicht ausgrenzen und uns nicht mit Gewalt behaupten müssen; dass wir uns vor Gott nicht fürchten müssen, auch dann nicht, wenn er uns fern und unbekannt erscheint. Daher heißt die Zukunft, in die Jesus geht, »Galiläa«. Sie ist dem Ursprung gleich, aus dem er kommt. Jesus knüpft an all das an, wofür er gelebt und gekämpft hat. Und Gott gibt ihm recht.&#xA;&#xA;Gerade als Abwesender hat Jesus sehr wohl eine Spur hinterlassen, der wir folgen können. Die Spur hat er gelegt in Galiläa mit seinen Worten und Taten. Wir als seine Jüngerinnen und Jünger sind eingeladen, seiner Spur zu folgen. Nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft mit ihm. Jesus hat seiner Zukunft den Namen Galiläa gegeben als Ort der Menschlichkeit und Freiheit. Welchen Namen hat meine Zukunft?&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt. Buddhistische Studien. Buddhistische Handbibliothek 2, Konstanz, Christiani, 1953.&#xA;&#xA;Bild (c) rangizzz / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/ec/f3/7c38719d533da88f14914af4ebed.webp" alt="Eine leere Bühne im Licht"></p>

<h3 id="mk-16-1-8-https-www-bibleserver-com-eu-markus16-2c1-8-osternacht-b"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Markus16%2C1-8">Mk 16,1–8</a>, Osternacht B</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mk</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a></p>

<h3 id="i">I</h3>

<p>»Leer ist die Welt«, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins zur Lehre des Buddhismus, das mir vor langen Jahren am Ende meiner Schulzeit der alte Hausarzt unserer Familie geschenkt hat.</p>

<blockquote><p>Mit klarem Geist schau an als leer
das Weltgeschehen!
Zum Todbesieger werde so.
Wer so die Welt betrachten kann,
den kann der Tod nicht sehen.</p>

<p>Sutta Nipāta 1119, in Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt, S. 34 <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup></p></blockquote>



<p>In diesen Worten des Buddha spiegelt sich die Überzeugung, dass kein Ding und Wesen dieser Welt aus sich selbst heraus Bestand hat. Alles ist das Ergebnis einer unendlichen Kette von Ursachen und Wirkungen, ohne Anfang und vielleicht ohne Ende. Wer durchschaut, dass alles in sich »leer« ist, kann für sich diesen Kreislauf beenden.</p>

<p>Ich erinnere mich noch gut an mein Gefühl der Traurigkeit darüber, dass all die wunderbaren Erscheinungen und Geschöpfe dieser Welt nichts sein sollten. Das war verwirrend und bestürzend. In ähnlicher Weise bestürzt, so denke ich mir, waren die Frauen am Grab Jesu, von denen das seltsame Osterevangelium des Markus erzählt. Nach dem Schock über Jesu Tod hatten sie sich noch irgendwie an den Ritualen festgehalten, mit denen man die Toten ehrt und die Verbindung zu ihnen hält. Doch dann ist dieses Grab auf einmal leer und sogar der Leichnam Jesu als letzter Halt wurde ihnen noch genommen.</p>

<p>Im Grunde aber hält diese Erzählung mit dem Brennglas auf ein besonderes Ereignis nur die ganz normale Erfahrung unseres Alltags fest: die Erfahrung der Abwesenheit. Bei so vielem, was uns in unserem Leben widerfährt, fehlen Sinn und Deutung, es bleibt – leer. Viele Deutungen drücken wir den Geschehnissen nur nachträglich mehr oder weniger bemüht auf: Dass dieser oder jener Schicksalsschlag schon seinen Sinn haben wird, dass »die Wissenschaft«, was immer das dann sein mag, uns das Leben erklären kann, dass ein Katechismus uns sagen soll, warum wir auf der Welt sind. Wenn wir nur ein wenig nachbohren, zerfallen solche Deutungen schnell in nichts.</p>

<p>Im Routinebetrieb von Kirche und Glauben versuchen wir, das Bild eines anwesenden Gottes aufrecht zu erhalten. Gott ist da, sagen wir, und meinen, dass er sich zeigt als Ursache der Welt, als Lenker des Schicksals, als oberster moralischer Gesetzgeber. Solche Art von Präsenz heißt aber auch: Gott ist verfügbar. Er hat sich in das Bild zu fügen, das wir uns von ihm machen; hat die Rolle einzunehmen, für die wir ihn gerade brauchen – mit all den Folgen der Bemächtigung und der Anmaßung. Im Namen Gottes wird bis heute über das Leben vieler Menschen verfügt; es wird geprüft auf Konformität mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen oder es wird aussortiert, weil es nicht einer »Schöpfungsordnung« entspricht, die wir zu erkennen meinen.</p>

<h3 id="ii">II</h3>

<p>Wie befreiend wäre es da, wenn Gott in Wahrheit ein Abwesender wäre! Dass das Absolute unverfügbar für uns ist, lehrt ja nicht nur der Buddha. Es ist auch eine grundlegende Einsicht der biblischen Erfahrung mit Gott. Gott wirkt, wie es uns die Schöpfungserzählung berichtet, Gott rettet, wie es die Geschichte von der Befreiung Israels aus Ägypten schildert. Aber er tut dies im Grunde als Abwesender; als einer, der sein Gesicht nicht zeigt, den man nicht sehen und greifen kann wie die Götter, die in den Tempeln aufgestellt sind. Weder Mose noch Elija noch sonst irgendjemand hat Gott gesehen. Auch Jesus übrigens nicht. Er hört Gottes Stimme in sich, er vertraut darauf, dass er in ihm als seinem guten Vater geborgen ist. Spätestens am Kreuz aber erfährt auch Jesus Gott als radikal abwesend.</p>

<p>Kein Wunder dann, dass Jesus selbst nach seinem Tod gewissermaßen verschwindet und nur die Leere zurücklässt, das leere Grab. Keine Spur scheint von ihm geblieben. Was die Frauen so schmerzt und verwirrt, will die Erscheinung des jungen Mannes am Grab ihnen als tröstliche und hoffnungsvolle Einsicht vermitteln: »Er ist nicht hier«, sagt sie. Es ist gut, dass er abwesend ist und dieses Grab leer.</p>

<p>In welcher alltäglich sichtbaren und greifbaren Gestalt hätte Jesus denn in dieses Leben zurückkehren sollen? Jede davon wäre eine Enttäuschung gewesen. Hätte sie doch nur bestätigt, dass die Welt und das Leben nicht mehr sind als das, was wir mit den Festlegungen und Kategorien unseres Denkens in sie hinein legen. Denn das ist die unausweichliche Kehrseite dessen, dass wir alles als anwesend, als greifbar und präsent denken: Wir reduzieren es auf die Reichweite unseres Vorstellungsvermögens.</p>

<p>Das leere Grab am Ostermorgen hilft uns, gerade das, was wir lieben, frei zu geben. Die Leere ist nicht nichts. Es folgt aus ihr kein Nihilismus. Im Gegenteil. Die Zwillingsschwester der Leere ist die Fülle. Denn Abwesenheit schafft Raum. Einen Raum, in dem sich eine Fülle von Wesen und Dingen entfalten kann, wie es uns der Schöpfungsbericht erzählt. Am Anfang hat Gott selbst Platz gemacht, sich zurückgezogen und sich in die Abwesenheit begeben. Die jüdische Mystik nennt diesen Vorgang »Tzimtzum« und deutet den Raum der Schöpfung, der durch den Rückzug Gottes entsteht, als kreative Leere. »Leer ist die Welt«, in der Tat.</p>

<h3 id="iii">III</h3>

<p>Wenn ich das Leben leer mache von Deutungen, die ich selbst in es hineinlege, dann dürfen Menschen so sein, wie sie sind; sie müssen nicht fremden Vorgaben entsprechen und keinem anderen Willen folgen, nicht einmal dem (vermeintlichen) Willen Gottes. Denn der hat keinen anderen Willen, als Raum zu geben für eigenes Leben. Wenn ich es zulasse, dass mein Bild von Gott zerbricht und leer wird, dann muss Gott nicht länger herhalten als Lückenbüßer, der es mir ermöglicht, mir die Welt so zusammenzureimen, wie ich sie gerne hätte. Dann darf ich darauf hoffen, dass Welt und Mensch und die gesamte Schöpfung eine Zukunft haben, wie ich selbst sie mir niemals ausdenken könnte.</p>

<p>Es ist bezeichnend, dass die Gestalt am Grab von Jesus sagt, er sei vorausgegangen. Jesus ist abwesend, um Zukunft zu eröffnen. Nichts muss sein und bleiben wie es ist. Nichts ist schon zu Ende gedacht. Genau dafür stand Jesus schon zu seinen Lebzeiten ein, dass alles auch anders sein könnte. Dass wir anders miteinander umgehen können, einander nicht ausgrenzen und uns nicht mit Gewalt behaupten müssen; dass wir uns vor Gott nicht fürchten müssen, auch dann nicht, wenn er uns fern und unbekannt erscheint. Daher heißt die Zukunft, in die Jesus geht, »Galiläa«. Sie ist dem Ursprung gleich, aus dem er kommt. Jesus knüpft an all das an, wofür er gelebt und gekämpft hat. Und Gott gibt ihm recht.</p>

<p>Gerade als Abwesender hat Jesus sehr wohl eine Spur hinterlassen, der wir folgen können. Die Spur hat er gelegt in Galiläa mit seinen Worten und Taten. Wir als seine Jüngerinnen und Jünger sind eingeladen, seiner Spur zu folgen. Nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft mit ihm. Jesus hat seiner Zukunft den Namen Galiläa gegeben als Ort der Menschlichkeit und Freiheit. Welchen Namen hat meine Zukunft?</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt. Buddhistische Studien. Buddhistische Handbibliothek 2, Konstanz, Christiani, 1953.</p>

<p><em>Bild © rangizzz / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/leer-ist-die-welt</guid>
      <pubDate>Sun, 04 Apr 2021 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
  </channel>
</rss>