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    <title>Ostern &amp;mdash; Linkskatholisch</title>
    <link>https://linkskatholisch.de/tag:Ostern</link>
    <description>«linkskatholisch«</description>
    <pubDate>Fri, 01 May 2026 12:08:48 +0200</pubDate>
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      <title>Nur ein Hauch: Der Auferstandene und Thomas</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Leicht wie eine Feder&#xA;&#xA;Joh 20,19–31, Zweiter Sonntag der Osterzeit&#xA;#Predigt #Ostern #Joh&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Kennen Sie das auch: Ich gehe durch die Straßen meiner Heimatstadt, sie sind mir vertraut, aber gerade deswegen beachte ich sie nicht weiter. Mit einem Mal bleibt mein Blick an einem Ort oder einem Haus hängen und ohne dass ich dies wollte, schießen die Erinnerungen in mein Gedächtnis. Szenen meiner Kindheit und Jugend werden wieder lebendig, Bilder steigen in mir auf, von dem, was mich unbewusst mit dieser Situation verbindet und was mich womöglich bis heute prägt. !--more--Ein Schulweg kann das sein, den ich oft und oft gegangen bin, das Haus eines Freundes aus Jugendtagen oder auch ein Geschäft, das vielleicht schon lange nicht mehr existiert.&#xA;&#xA;Es erstaunt mich, wie viel an Bildern, Farben, Orten in mir auf verborgene Weise lebendig ist. Über das meiste davon kann ich nicht willkürlich verfügen, es braucht einen Anstoß, damit die Erinnerung aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder auftaucht. Und so ein Anstoß geschieht fast immer über meinen Leib und meine Sinne: eine Farbe, ein Geruch, ein Geräusch kann das sein oder eine Kombination von alledem.&#xA;&#xA;Marcel Proust beschreibt das wunderbar in seinem Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup. Der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks lässt die verlorene Welt seiner Kindheit in ihm wieder auferstehen:&#xA;&#xA;  In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst.&#xA;&#xA;Solche Erfahrungen machen deutlich, dass wir Menschen zutiefst leibliche Wesen sind und dass auch alles, was wir »Geist« nennen, in irgendeiner Form an unseren Leib gebunden ist. Ein kleines Gedankenexperiment kann uns das verdeutlichen: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg, und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden schnell merken: so gut wie gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch – formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Diese Gebundenheit unserer menschlichen Existenz an den Leib ist vielen religiösen und gesellschaftlichen Ideologien bis auf den heutigen Tag unheimlich. Sie scheint eine Abhängigkeit und auch Verletzlichkeit zu schaffen, die wir am liebsten loswerden möchten. Zur Zeit der ersten Christen gab es eine religiöse Strömung namens »Gnosis«, wörtlich »Erkenntnis«, die den Leib und alles, was damit zusammenhing, als unrein betrachtete und als Ergebnis eines kosmischen Unfalls, den man rückgängig machen müsse. Erlösung war für die Gnostiker eine Erlösung aus der Leiblichkeit.&#xA;&#xA;Die heutigen Gnostiker sind vielleicht am ehesten unter den Anhängern des Transhumanismus zu finden, die davon träumen, den schwachen und hinfälligen menschlichen Leib durch technische Enhancements upzugraden und am Ende am besten das Bewusstsein in einen Computer upzuloaden, wo es unabhängig von der jeweiligen Hardware bis in alle Ewigkeit fortbestehen und sich sogar mit anderen Bewusstseinsformen verbinden könnte. Damals wie heute werden solche Utopien von der Angst vor der Sterblichkeit und Verwundbarkeit getriggert, die mit unserer unhintergehbar leiblichen Existenzform verbunden ist. Dass mein Leib anfällig ist für Krankheiten, dass er durch ein winzig kleines Virus aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, dass er von Jahr zu Jahr in seiner Leistungsfähigkeit abnimmt, dass man jedem Gesicht die Spuren der durchlebten Erfahrungen, der glücklichen, aber auch der schweren, ansieht: All das erinnert uns daran, dass dieses irdische Leben irgendwann zu Ende geht, egal, was wir dagegen unternehmen, wie sehr wir uns schützen oder was wir an medizinischen Möglichkeiten erfinden. Leiblichkeit heißt Endlichkeit.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Aber womöglich ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es ist ja auch unser Leib, der uns zuallererst in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu all dem anderen vielfältigen Leben, das uns umgibt. Ohne den Leib wäre mein Leben vielleicht weniger verletzlich, aber es bliebe auch durch und durch steril. Es ist sogar fraglich, ob es so etwas wie »Geist« und »Bewusstsein« ohne unseren Leib überhaupt geben könnte. Computer können geistige Prozesse nur simulieren, aber nicht selber empfinden. Ein nach dem Modell eines leiblosen Computers gedachtes »Gehirn verfügt weder über geistige Zustände noch über Bewusstsein, denn das Gehirn lebt nicht – es ist nur das Organ eines Lebewesens, einer lebendigen Person. …] Nur ein mit einem fühlenden und beweglichen Körper verbundenes Gehirn ist in der Lage, als zentrales Organ für mentale Prozesse zu dienen, denn nur durch die ständigen Interaktionen von Gehirn, Körper und Umwelt entstehen […] die Strukturen des bewussten Erlebens.«, so schreibt der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchssupspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​[2/span/sup.&#xA;&#xA;Besonders in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie haben wir erlebt, wie leicht unserem Denken der fühlende und bewegliche Körper abhandenkommen kann. Alte Menschen, die von ihren Angehörigen isoliert werden, verkümmern, werden schneller dement und gehen schließlich zugrunde. Kinder und Jugendliche, denen die entwicklungspsychologisch notwendigen Kontakte zu Gleichaltrigen versagt werden, entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Und wir alle haben es tagtäglich gemerkt, wie unbefriedigend rein virtuelle Kontakte bleiben, wenn ich Menschen, die mir nahestehen, nicht berühren kann. Eine Video-Konferenz schafft eben nur vermeintliche Nähe, betrügt uns aber um das, was ein lebendiger Geist braucht, um wirklich denken und fühlen zu können.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Daher ist es kein Wunder, dass Jesus sich seinen Freundinnen und Freunden in leiblich vermittelten Begegnungen als der Auferstandene und Lebendige zeigt. Auch heute im Evangelium wird uns das wieder so geschildert. Jesus haucht die Jünger an, so heißt es da, und spricht ihnen auf diese Weise seinen Frieden zu. Es ist eine ganz zarte, ungeheuer flüchtige Berührung, die in so einem Hauch geschieht. Und doch ist sie spürbar und kann Menschen verändern, wie der zarte und flüchtige Geschmack eines Gebäcks oder die Erinnerungsbilder bei einem Spaziergang durch die Gassen meiner Kindheit und Jugend. Erst diese in irgendeiner Weise leibliche Begegnung mit Jesus lässt die Jünger gewiss sein, dass er lebt. Denn ihnen geht es genauso wie uns mit unseren inneren Bildern: Jetzt steigen in ihnen die Erinnerungen wieder auf, wer Jesus wirklich war und was er getan hat. Dass er Menschen nicht nur mit guten Worten abgespeist, sondern sie wirklich berührt und auf diese Weise wieder heil und ganz gemacht hat: die Aussätzigen, die von seelischen Störungen Geplagten, ja sogar die, die sich schon wie tot fühlten.&#xA;&#xA;Durch die Berührung, durch den leiblichen Kontakt vermittelt Jesus seinen Freundinnen und Freunden den Frieden. Es ist nicht ohne Grund der verwundete Jesus, von dem dieser Friede ausgeht. Durch seine Wunden legt Jesus ein lebendiges Zeugnis dafür ab, dass uns die unserem Leib geschuldete Verletzlichkeit nicht in Panik versetzen muss. Wir müssen es nicht verdrängen, dass wir nur in einem sterblichen Leib wahrhaft Mensch sein können. Jesus ermutigt uns, dass wir unseren Leib wieder schätzen und lieben lernen und alles, was zu dieser Leiblichkeit dazugehört. Das Fühlen, Sehen, Schmecken, Hören, Riechen eröffnet uns Glück und Genuss, die uns ohne unseren Leib auf immer versagt blieben und ohne die das Leben sich gar nicht wirklich lohnen würde.&#xA;&#xA;Als er mit seinen Händen den verwundeten Leib Jesu berührt, spürt der Thomas diesen Frieden. Die Angst weicht dem Glück. Auch wir können diesen Frieden und dieses Glück genießen, wenn wir uns berühren lassen von all dem Wunderbaren, Großartigen und Schönen um uns herum. Es ist Gottes Geist, der uns dann trifft wie ein Hauch.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Unterwegs zu Swann, Band 1, Frankfurt 2011. Vgl. dazu auch: Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person: Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2018, S. 320f.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Fuchs, Thomas: Person und Gehirn. Zur Kritik des Zerebrozentrismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Frankfurt 2020, S. 198.&#xA;&#xA;Bild © Cristina Conti / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/08/57/59a8a85705cab0f0eebad0fbf947.webp" alt="Leicht wie eine Feder"></p>

<h2 id="joh-20-19-31-https-www-bibleserver-com-eu-johannes20-2c19-31-zweiter-sonntag-der-osterzeit"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Johannes20%2C19-31">Joh 20,19–31</a>, Zweiter Sonntag der Osterzeit</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Joh" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Joh</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Kennen Sie das auch: Ich gehe durch die Straßen meiner Heimatstadt, sie sind mir vertraut, aber gerade deswegen beachte ich sie nicht weiter. Mit einem Mal bleibt mein Blick an einem Ort oder einem Haus hängen und ohne dass ich dies wollte, schießen die Erinnerungen in mein Gedächtnis. Szenen meiner Kindheit und Jugend werden wieder lebendig, Bilder steigen in mir auf, von dem, was mich unbewusst mit dieser Situation verbindet und was mich womöglich bis heute prägt. Ein Schulweg kann das sein, den ich oft und oft gegangen bin, das Haus eines Freundes aus Jugendtagen oder auch ein Geschäft, das vielleicht schon lange nicht mehr existiert.</p>

<p>Es erstaunt mich, wie viel an Bildern, Farben, Orten in mir auf verborgene Weise lebendig ist. Über das meiste davon kann ich nicht willkürlich verfügen, es braucht einen Anstoß, damit die Erinnerung aus dem Dunkel der Vergangenheit wieder auftaucht. Und so ein Anstoß geschieht fast immer über meinen Leib und meine Sinne: eine Farbe, ein Geruch, ein Geräusch kann das sein oder eine Kombination von alledem.</p>

<p>Marcel Proust beschreibt das wunderbar in seinem Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«<sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>. Der Geschmack eines in Tee getauchten Gebäcks lässt die verlorene Welt seiner Kindheit in ihm wieder auferstehen:</p>

<blockquote><p>In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst.</p></blockquote>

<p>Solche Erfahrungen machen deutlich, dass wir Menschen zutiefst leibliche Wesen sind und dass auch alles, was wir »Geist« nennen, in irgendeiner Form an unseren Leib gebunden ist. Ein kleines Gedankenexperiment kann uns das verdeutlichen: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg, und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden schnell merken: so gut wie gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch – formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Diese Gebundenheit unserer menschlichen Existenz an den Leib ist vielen religiösen und gesellschaftlichen Ideologien bis auf den heutigen Tag unheimlich. Sie scheint eine Abhängigkeit und auch Verletzlichkeit zu schaffen, die wir am liebsten loswerden möchten. Zur Zeit der ersten Christen gab es eine religiöse Strömung namens »Gnosis«, wörtlich »Erkenntnis«, die den Leib und alles, was damit zusammenhing, als unrein betrachtete und als Ergebnis eines kosmischen Unfalls, den man rückgängig machen müsse. Erlösung war für die Gnostiker eine Erlösung aus der Leiblichkeit.</p>

<p>Die heutigen Gnostiker sind vielleicht am ehesten unter den Anhängern des Transhumanismus zu finden, die davon träumen, den schwachen und hinfälligen menschlichen Leib durch technische Enhancements upzugraden und am Ende am besten das Bewusstsein in einen Computer upzuloaden, wo es unabhängig von der jeweiligen Hardware bis in alle Ewigkeit fortbestehen und sich sogar mit anderen Bewusstseinsformen verbinden könnte. Damals wie heute werden solche Utopien von der Angst vor der Sterblichkeit und Verwundbarkeit getriggert, die mit unserer unhintergehbar leiblichen Existenzform verbunden ist. Dass mein Leib anfällig ist für Krankheiten, dass er durch ein winzig kleines Virus aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, dass er von Jahr zu Jahr in seiner Leistungsfähigkeit abnimmt, dass man jedem Gesicht die Spuren der durchlebten Erfahrungen, der glücklichen, aber auch der schweren, ansieht: All das erinnert uns daran, dass dieses irdische Leben irgendwann zu Ende geht, egal, was wir dagegen unternehmen, wie sehr wir uns schützen oder was wir an medizinischen Möglichkeiten erfinden. Leiblichkeit heißt Endlichkeit.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Aber womöglich ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es ist ja auch unser Leib, der uns zuallererst in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu all dem anderen vielfältigen Leben, das uns umgibt. Ohne den Leib wäre mein Leben vielleicht weniger verletzlich, aber es bliebe auch durch und durch steril. Es ist sogar fraglich, ob es so etwas wie »Geist« und »Bewusstsein« ohne unseren Leib überhaupt geben könnte. Computer können geistige Prozesse nur simulieren, aber nicht selber empfinden. Ein nach dem Modell eines leiblosen Computers gedachtes »<em>Gehirn verfügt weder über geistige Zustände noch über Bewusstsein, denn das Gehirn lebt nicht – es ist nur das Organ eines Lebewesens, einer lebendigen Person. […] Nur ein mit einem fühlenden und beweglichen Körper verbundenes Gehirn ist in der Lage, als zentrales Organ für mentale Prozesse zu dienen, denn nur durch die ständigen Interaktionen von Gehirn, Körper und Umwelt entstehen […] die Strukturen des bewussten Erlebens.</em>«, so schreibt der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>.</p>

<p>Besonders in den vergangenen beiden Jahren der Pandemie haben wir erlebt, wie leicht unserem Denken der fühlende und bewegliche Körper abhandenkommen kann. Alte Menschen, die von ihren Angehörigen isoliert werden, verkümmern, werden schneller dement und gehen schließlich zugrunde. Kinder und Jugendliche, denen die entwicklungspsychologisch notwendigen Kontakte zu Gleichaltrigen versagt werden, entwickeln Verhaltensauffälligkeiten. Und wir alle haben es tagtäglich gemerkt, wie unbefriedigend rein virtuelle Kontakte bleiben, wenn ich Menschen, die mir nahestehen, nicht berühren kann. Eine Video-Konferenz schafft eben nur vermeintliche Nähe, betrügt uns aber um das, was ein lebendiger Geist braucht, um wirklich denken und fühlen zu können.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Daher ist es kein Wunder, dass Jesus sich seinen Freundinnen und Freunden in leiblich vermittelten Begegnungen als der Auferstandene und Lebendige zeigt. Auch heute im Evangelium wird uns das wieder so geschildert. Jesus haucht die Jünger an, so heißt es da, und spricht ihnen auf diese Weise seinen Frieden zu. Es ist eine ganz zarte, ungeheuer flüchtige Berührung, die in so einem Hauch geschieht. Und doch ist sie spürbar und kann Menschen verändern, wie der zarte und flüchtige Geschmack eines Gebäcks oder die Erinnerungsbilder bei einem Spaziergang durch die Gassen meiner Kindheit und Jugend. Erst diese in irgendeiner Weise leibliche Begegnung mit Jesus lässt die Jünger gewiss sein, dass er lebt. Denn ihnen geht es genauso wie uns mit unseren inneren Bildern: Jetzt steigen in ihnen die Erinnerungen wieder auf, wer Jesus wirklich war und was er getan hat. Dass er Menschen nicht nur mit guten Worten abgespeist, sondern sie wirklich berührt und auf diese Weise wieder heil und ganz gemacht hat: die Aussätzigen, die von seelischen Störungen Geplagten, ja sogar die, die sich schon wie tot fühlten.</p>

<p>Durch die Berührung, durch den leiblichen Kontakt vermittelt Jesus seinen Freundinnen und Freunden den Frieden. Es ist nicht ohne Grund der verwundete Jesus, von dem dieser Friede ausgeht. Durch seine Wunden legt Jesus ein lebendiges Zeugnis dafür ab, dass uns die unserem Leib geschuldete Verletzlichkeit nicht in Panik versetzen muss. Wir müssen es nicht verdrängen, dass wir nur in einem sterblichen Leib wahrhaft Mensch sein können. Jesus ermutigt uns, dass wir unseren Leib wieder schätzen und lieben lernen und alles, was zu dieser Leiblichkeit dazugehört. Das Fühlen, Sehen, Schmecken, Hören, Riechen eröffnet uns Glück und Genuss, die uns ohne unseren Leib auf immer versagt blieben und ohne die das Leben sich gar nicht wirklich lohnen würde.</p>

<p>Als er mit seinen Händen den verwundeten Leib Jesu berührt, spürt der Thomas diesen Frieden. Die Angst weicht dem Glück. Auch wir können diesen Frieden und dieses Glück genießen, wenn wir uns berühren lassen von all dem Wunderbaren, Großartigen und Schönen um uns herum. Es ist Gottes Geist, der uns dann trifft wie ein Hauch.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Proust, Marcel: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Unterwegs zu Swann, Band 1, Frankfurt 2011. Vgl. dazu auch: Fuchs, Thomas: Leib, Raum, Person: Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2018, S. 320f.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Fuchs, Thomas: Person und Gehirn. Zur Kritik des Zerebrozentrismus, in: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, Frankfurt 2020, S. 198.</p>

<p><em>Bild © Cristina Conti / Adobe Stock</em></p>

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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/nur-ein-hauch-der-auferstandene-und-thomas</guid>
      <pubDate>Sat, 23 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Warten auf das Leben</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/warten-auf-das-leben</link>
      <description>&lt;![CDATA[Warten auf das Leben&#xA;&#xA;Lk 24,13-35, Ostermontag&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?&#xA;&#xA;Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.&#xA;&#xA;Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?&#xA;&#xA;Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.&#xA;&#xA;Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.&#xA;&#xA;Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.&#xA;&#xA;Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.&#xA;&#xA;Bild (c) esthermm / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/85/54/efa83da326d15a9ca49f89d318cf.webp" alt="Warten auf das Leben"></p>

<h3 id="lk-24-13-35-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c13-35-ostermontag"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C13-35">Lk 24,13-35</a>, Ostermontag</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.</p></blockquote>



<p>Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup> über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?</p>

<p>Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.</p>

<p>Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?</p>

<p>Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.</p>

<p>Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.</p>

<p>Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.</p>

<p>Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.</p>

<p><em>Bild © esthermm / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/warten-auf-das-leben</guid>
      <pubDate>Mon, 18 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>The man in the water</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/the-man-in-the-water</link>
      <description>&lt;![CDATA[Rettungsring in stürmischer See&#xA;&#xA;Lk 24,1–12, Osternacht C&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.&#xA;!--more--&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.&#xA;&#xA;Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.&#xA;&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.&#xA;&#xA;Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.&#xA;&#xA;Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.&#xA;&#xA;Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.&#xA;&#xA;Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des &#34;man in the water&#34; zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.&#xA;&#xA;Bild (c) Romolo Tavani / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/4f/4b/34d011e2a9c91b2a6740c376ae89.webp" alt="Rettungsring in stürmischer See"></p>

<h3 id="lk-24-1-12-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c1-12-osternacht-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C1-12">Lk 24,1–12</a>, Osternacht C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.

Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.</p>

<p>Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.</p>

<p>Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.</p>

<p>Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.</p>

<p>Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.</p>

<p>Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.</p>

<p>Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.</p>

<hr>

<p><em>Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des “man in the water” zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.</em></p>

<p><em>Bild © Romolo Tavani / Adobe Stock</em></p>

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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
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      <pubDate>Sun, 17 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Leer ist die Welt: Ostern und das leere Grab</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Eine leere Bühne im Licht&#xA;&#xA;Mk 16,1–8, Osternacht B&#xA;&#xA;#Predigt #Mk #Ostern&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;»Leer ist die Welt«, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins zur Lehre des Buddhismus, das mir vor langen Jahren am Ende meiner Schulzeit der alte Hausarzt unserer Familie geschenkt hat.&#xA;&#xA;  Mit klarem Geist schau an als leer&#xA;das Weltgeschehen!&#xA;Zum Todbesieger werde so.&#xA;Wer so die Welt betrachten kann,&#xA;den kann der Tod nicht sehen.&#xA;&#xA;  Sutta Nipāta 1119, in Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt, S. 34 supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;In diesen Worten des Buddha spiegelt sich die Überzeugung, dass kein Ding und Wesen dieser Welt aus sich selbst heraus Bestand hat. Alles ist das Ergebnis einer unendlichen Kette von Ursachen und Wirkungen, ohne Anfang und vielleicht ohne Ende. Wer durchschaut, dass alles in sich »leer« ist, kann für sich diesen Kreislauf beenden.&#xA;&#xA;Ich erinnere mich noch gut an mein Gefühl der Traurigkeit darüber, dass all die wunderbaren Erscheinungen und Geschöpfe dieser Welt nichts sein sollten. Das war verwirrend und bestürzend. In ähnlicher Weise bestürzt, so denke ich mir, waren die Frauen am Grab Jesu, von denen das seltsame Osterevangelium des Markus erzählt. Nach dem Schock über Jesu Tod hatten sie sich noch irgendwie an den Ritualen festgehalten, mit denen man die Toten ehrt und die Verbindung zu ihnen hält. Doch dann ist dieses Grab auf einmal leer und sogar der Leichnam Jesu als letzter Halt wurde ihnen noch genommen.&#xA;&#xA;Im Grunde aber hält diese Erzählung mit dem Brennglas auf ein besonderes Ereignis nur die ganz normale Erfahrung unseres Alltags fest: die Erfahrung der Abwesenheit. Bei so vielem, was uns in unserem Leben widerfährt, fehlen Sinn und Deutung, es bleibt – leer. Viele Deutungen drücken wir den Geschehnissen nur nachträglich mehr oder weniger bemüht auf: Dass dieser oder jener Schicksalsschlag schon seinen Sinn haben wird, dass »die Wissenschaft«, was immer das dann sein mag, uns das Leben erklären kann, dass ein Katechismus uns sagen soll, warum wir auf der Welt sind. Wenn wir nur ein wenig nachbohren, zerfallen solche Deutungen schnell in nichts.&#xA;&#xA;Im Routinebetrieb von Kirche und Glauben versuchen wir, das Bild eines anwesenden Gottes aufrecht zu erhalten. Gott ist da, sagen wir, und meinen, dass er sich zeigt als Ursache der Welt, als Lenker des Schicksals, als oberster moralischer Gesetzgeber. Solche Art von Präsenz heißt aber auch: Gott ist verfügbar. Er hat sich in das Bild zu fügen, das wir uns von ihm machen; hat die Rolle einzunehmen, für die wir ihn gerade brauchen – mit all den Folgen der Bemächtigung und der Anmaßung. Im Namen Gottes wird bis heute über das Leben vieler Menschen verfügt; es wird geprüft auf Konformität mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen oder es wird aussortiert, weil es nicht einer »Schöpfungsordnung« entspricht, die wir zu erkennen meinen.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Wie befreiend wäre es da, wenn Gott in Wahrheit ein Abwesender wäre! Dass das Absolute unverfügbar für uns ist, lehrt ja nicht nur der Buddha. Es ist auch eine grundlegende Einsicht der biblischen Erfahrung mit Gott. Gott wirkt, wie es uns die Schöpfungserzählung berichtet, Gott rettet, wie es die Geschichte von der Befreiung Israels aus Ägypten schildert. Aber er tut dies im Grunde als Abwesender; als einer, der sein Gesicht nicht zeigt, den man nicht sehen und greifen kann wie die Götter, die in den Tempeln aufgestellt sind. Weder Mose noch Elija noch sonst irgendjemand hat Gott gesehen. Auch Jesus übrigens nicht. Er hört Gottes Stimme in sich, er vertraut darauf, dass er in ihm als seinem guten Vater geborgen ist. Spätestens am Kreuz aber erfährt auch Jesus Gott als radikal abwesend.&#xA;&#xA;Kein Wunder dann, dass Jesus selbst nach seinem Tod gewissermaßen verschwindet und nur die Leere zurücklässt, das leere Grab. Keine Spur scheint von ihm geblieben. Was die Frauen so schmerzt und verwirrt, will die Erscheinung des jungen Mannes am Grab ihnen als tröstliche und hoffnungsvolle Einsicht vermitteln: »Er ist nicht hier«, sagt sie. Es ist gut, dass er abwesend ist und dieses Grab leer.&#xA;&#xA;In welcher alltäglich sichtbaren und greifbaren Gestalt hätte Jesus denn in dieses Leben zurückkehren sollen? Jede davon wäre eine Enttäuschung gewesen. Hätte sie doch nur bestätigt, dass die Welt und das Leben nicht mehr sind als das, was wir mit den Festlegungen und Kategorien unseres Denkens in sie hinein legen. Denn das ist die unausweichliche Kehrseite dessen, dass wir alles als anwesend, als greifbar und präsent denken: Wir reduzieren es auf die Reichweite unseres Vorstellungsvermögens.&#xA;&#xA;Das leere Grab am Ostermorgen hilft uns, gerade das, was wir lieben, frei zu geben. Die Leere ist nicht nichts. Es folgt aus ihr kein Nihilismus. Im Gegenteil. Die Zwillingsschwester der Leere ist die Fülle. Denn Abwesenheit schafft Raum. Einen Raum, in dem sich eine Fülle von Wesen und Dingen entfalten kann, wie es uns der Schöpfungsbericht erzählt. Am Anfang hat Gott selbst Platz gemacht, sich zurückgezogen und sich in die Abwesenheit begeben. Die jüdische Mystik nennt diesen Vorgang »Tzimtzum« und deutet den Raum der Schöpfung, der durch den Rückzug Gottes entsteht, als kreative Leere. »Leer ist die Welt«, in der Tat.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Wenn ich das Leben leer mache von Deutungen, die ich selbst in es hineinlege, dann dürfen Menschen so sein, wie sie sind; sie müssen nicht fremden Vorgaben entsprechen und keinem anderen Willen folgen, nicht einmal dem (vermeintlichen) Willen Gottes. Denn der hat keinen anderen Willen, als Raum zu geben für eigenes Leben. Wenn ich es zulasse, dass mein Bild von Gott zerbricht und leer wird, dann muss Gott nicht länger herhalten als Lückenbüßer, der es mir ermöglicht, mir die Welt so zusammenzureimen, wie ich sie gerne hätte. Dann darf ich darauf hoffen, dass Welt und Mensch und die gesamte Schöpfung eine Zukunft haben, wie ich selbst sie mir niemals ausdenken könnte.&#xA;&#xA;Es ist bezeichnend, dass die Gestalt am Grab von Jesus sagt, er sei vorausgegangen. Jesus ist abwesend, um Zukunft zu eröffnen. Nichts muss sein und bleiben wie es ist. Nichts ist schon zu Ende gedacht. Genau dafür stand Jesus schon zu seinen Lebzeiten ein, dass alles auch anders sein könnte. Dass wir anders miteinander umgehen können, einander nicht ausgrenzen und uns nicht mit Gewalt behaupten müssen; dass wir uns vor Gott nicht fürchten müssen, auch dann nicht, wenn er uns fern und unbekannt erscheint. Daher heißt die Zukunft, in die Jesus geht, »Galiläa«. Sie ist dem Ursprung gleich, aus dem er kommt. Jesus knüpft an all das an, wofür er gelebt und gekämpft hat. Und Gott gibt ihm recht.&#xA;&#xA;Gerade als Abwesender hat Jesus sehr wohl eine Spur hinterlassen, der wir folgen können. Die Spur hat er gelegt in Galiläa mit seinen Worten und Taten. Wir als seine Jüngerinnen und Jünger sind eingeladen, seiner Spur zu folgen. Nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft mit ihm. Jesus hat seiner Zukunft den Namen Galiläa gegeben als Ort der Menschlichkeit und Freiheit. Welchen Namen hat meine Zukunft?&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt. Buddhistische Studien. Buddhistische Handbibliothek 2, Konstanz, Christiani, 1953.&#xA;&#xA;Bild (c) rangizzz / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/ec/f3/7c38719d533da88f14914af4ebed.webp" alt="Eine leere Bühne im Licht"></p>

<h3 id="mk-16-1-8-https-www-bibleserver-com-eu-markus16-2c1-8-osternacht-b"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Markus16%2C1-8">Mk 16,1–8</a>, Osternacht B</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mk</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a></p>

<h3 id="i">I</h3>

<p>»Leer ist die Welt«, so lautet der Titel eines kleinen Büchleins zur Lehre des Buddhismus, das mir vor langen Jahren am Ende meiner Schulzeit der alte Hausarzt unserer Familie geschenkt hat.</p>

<blockquote><p>Mit klarem Geist schau an als leer
das Weltgeschehen!
Zum Todbesieger werde so.
Wer so die Welt betrachten kann,
den kann der Tod nicht sehen.</p>

<p>Sutta Nipāta 1119, in Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt, S. 34 <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup></p></blockquote>



<p>In diesen Worten des Buddha spiegelt sich die Überzeugung, dass kein Ding und Wesen dieser Welt aus sich selbst heraus Bestand hat. Alles ist das Ergebnis einer unendlichen Kette von Ursachen und Wirkungen, ohne Anfang und vielleicht ohne Ende. Wer durchschaut, dass alles in sich »leer« ist, kann für sich diesen Kreislauf beenden.</p>

<p>Ich erinnere mich noch gut an mein Gefühl der Traurigkeit darüber, dass all die wunderbaren Erscheinungen und Geschöpfe dieser Welt nichts sein sollten. Das war verwirrend und bestürzend. In ähnlicher Weise bestürzt, so denke ich mir, waren die Frauen am Grab Jesu, von denen das seltsame Osterevangelium des Markus erzählt. Nach dem Schock über Jesu Tod hatten sie sich noch irgendwie an den Ritualen festgehalten, mit denen man die Toten ehrt und die Verbindung zu ihnen hält. Doch dann ist dieses Grab auf einmal leer und sogar der Leichnam Jesu als letzter Halt wurde ihnen noch genommen.</p>

<p>Im Grunde aber hält diese Erzählung mit dem Brennglas auf ein besonderes Ereignis nur die ganz normale Erfahrung unseres Alltags fest: die Erfahrung der Abwesenheit. Bei so vielem, was uns in unserem Leben widerfährt, fehlen Sinn und Deutung, es bleibt – leer. Viele Deutungen drücken wir den Geschehnissen nur nachträglich mehr oder weniger bemüht auf: Dass dieser oder jener Schicksalsschlag schon seinen Sinn haben wird, dass »die Wissenschaft«, was immer das dann sein mag, uns das Leben erklären kann, dass ein Katechismus uns sagen soll, warum wir auf der Welt sind. Wenn wir nur ein wenig nachbohren, zerfallen solche Deutungen schnell in nichts.</p>

<p>Im Routinebetrieb von Kirche und Glauben versuchen wir, das Bild eines anwesenden Gottes aufrecht zu erhalten. Gott ist da, sagen wir, und meinen, dass er sich zeigt als Ursache der Welt, als Lenker des Schicksals, als oberster moralischer Gesetzgeber. Solche Art von Präsenz heißt aber auch: Gott ist verfügbar. Er hat sich in das Bild zu fügen, das wir uns von ihm machen; hat die Rolle einzunehmen, für die wir ihn gerade brauchen – mit all den Folgen der Bemächtigung und der Anmaßung. Im Namen Gottes wird bis heute über das Leben vieler Menschen verfügt; es wird geprüft auf Konformität mit unseren gesellschaftlichen Vorstellungen oder es wird aussortiert, weil es nicht einer »Schöpfungsordnung« entspricht, die wir zu erkennen meinen.</p>

<h3 id="ii">II</h3>

<p>Wie befreiend wäre es da, wenn Gott in Wahrheit ein Abwesender wäre! Dass das Absolute unverfügbar für uns ist, lehrt ja nicht nur der Buddha. Es ist auch eine grundlegende Einsicht der biblischen Erfahrung mit Gott. Gott wirkt, wie es uns die Schöpfungserzählung berichtet, Gott rettet, wie es die Geschichte von der Befreiung Israels aus Ägypten schildert. Aber er tut dies im Grunde als Abwesender; als einer, der sein Gesicht nicht zeigt, den man nicht sehen und greifen kann wie die Götter, die in den Tempeln aufgestellt sind. Weder Mose noch Elija noch sonst irgendjemand hat Gott gesehen. Auch Jesus übrigens nicht. Er hört Gottes Stimme in sich, er vertraut darauf, dass er in ihm als seinem guten Vater geborgen ist. Spätestens am Kreuz aber erfährt auch Jesus Gott als radikal abwesend.</p>

<p>Kein Wunder dann, dass Jesus selbst nach seinem Tod gewissermaßen verschwindet und nur die Leere zurücklässt, das leere Grab. Keine Spur scheint von ihm geblieben. Was die Frauen so schmerzt und verwirrt, will die Erscheinung des jungen Mannes am Grab ihnen als tröstliche und hoffnungsvolle Einsicht vermitteln: »Er ist nicht hier«, sagt sie. Es ist gut, dass er abwesend ist und dieses Grab leer.</p>

<p>In welcher alltäglich sichtbaren und greifbaren Gestalt hätte Jesus denn in dieses Leben zurückkehren sollen? Jede davon wäre eine Enttäuschung gewesen. Hätte sie doch nur bestätigt, dass die Welt und das Leben nicht mehr sind als das, was wir mit den Festlegungen und Kategorien unseres Denkens in sie hinein legen. Denn das ist die unausweichliche Kehrseite dessen, dass wir alles als anwesend, als greifbar und präsent denken: Wir reduzieren es auf die Reichweite unseres Vorstellungsvermögens.</p>

<p>Das leere Grab am Ostermorgen hilft uns, gerade das, was wir lieben, frei zu geben. Die Leere ist nicht nichts. Es folgt aus ihr kein Nihilismus. Im Gegenteil. Die Zwillingsschwester der Leere ist die Fülle. Denn Abwesenheit schafft Raum. Einen Raum, in dem sich eine Fülle von Wesen und Dingen entfalten kann, wie es uns der Schöpfungsbericht erzählt. Am Anfang hat Gott selbst Platz gemacht, sich zurückgezogen und sich in die Abwesenheit begeben. Die jüdische Mystik nennt diesen Vorgang »Tzimtzum« und deutet den Raum der Schöpfung, der durch den Rückzug Gottes entsteht, als kreative Leere. »Leer ist die Welt«, in der Tat.</p>

<h3 id="iii">III</h3>

<p>Wenn ich das Leben leer mache von Deutungen, die ich selbst in es hineinlege, dann dürfen Menschen so sein, wie sie sind; sie müssen nicht fremden Vorgaben entsprechen und keinem anderen Willen folgen, nicht einmal dem (vermeintlichen) Willen Gottes. Denn der hat keinen anderen Willen, als Raum zu geben für eigenes Leben. Wenn ich es zulasse, dass mein Bild von Gott zerbricht und leer wird, dann muss Gott nicht länger herhalten als Lückenbüßer, der es mir ermöglicht, mir die Welt so zusammenzureimen, wie ich sie gerne hätte. Dann darf ich darauf hoffen, dass Welt und Mensch und die gesamte Schöpfung eine Zukunft haben, wie ich selbst sie mir niemals ausdenken könnte.</p>

<p>Es ist bezeichnend, dass die Gestalt am Grab von Jesus sagt, er sei vorausgegangen. Jesus ist abwesend, um Zukunft zu eröffnen. Nichts muss sein und bleiben wie es ist. Nichts ist schon zu Ende gedacht. Genau dafür stand Jesus schon zu seinen Lebzeiten ein, dass alles auch anders sein könnte. Dass wir anders miteinander umgehen können, einander nicht ausgrenzen und uns nicht mit Gewalt behaupten müssen; dass wir uns vor Gott nicht fürchten müssen, auch dann nicht, wenn er uns fern und unbekannt erscheint. Daher heißt die Zukunft, in die Jesus geht, »Galiläa«. Sie ist dem Ursprung gleich, aus dem er kommt. Jesus knüpft an all das an, wofür er gelebt und gekämpft hat. Und Gott gibt ihm recht.</p>

<p>Gerade als Abwesender hat Jesus sehr wohl eine Spur hinterlassen, der wir folgen können. Die Spur hat er gelegt in Galiläa mit seinen Worten und Taten. Wir als seine Jüngerinnen und Jünger sind eingeladen, seiner Spur zu folgen. Nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft mit ihm. Jesus hat seiner Zukunft den Namen Galiläa gegeben als Ort der Menschlichkeit und Freiheit. Welchen Namen hat meine Zukunft?</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Schmidt, Kurt: Leer ist die Welt. Buddhistische Studien. Buddhistische Handbibliothek 2, Konstanz, Christiani, 1953.</p>

<p><em>Bild © rangizzz / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/leer-ist-die-welt</guid>
      <pubDate>Sun, 04 Apr 2021 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Nicht hier. Ostern in der Spur des abwesenden Gottes</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/nicht-hier</link>
      <description>&lt;![CDATA[Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris&#xA;&#xA;Lk 24,1-12, Osternacht C&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Aus dem Dachstuhl von Notre-Dame in Paris schlägt lichterloh das Feuer. Eine Zeitlang ist nicht klar, ob diese Kirche gerettet werden kann. Erschütterung bricht sich auch in ganz und gar weltlichen Beobachtern des Geschehens ihre Bahn: Beinahe, so heißt es, wären das »Herz und die Seele« einer Nation, ja ganz Europas, in Schutt und Asche gelegen. Schon ist von einer notwendigen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln die Rede, und sogar davon, dass die säkulare Kultur durch den Verlust des Glaubens diese Katastrophe irgendwie mit verschuldet hätte supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup. Jetzt habe man es buchstäblich vor Augen, wie mit dem Glauben auch die eigene Identität verloren ginge.&#xA;&#xA;Wenn das die Konsequenz aus dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame sein sollte, dann wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre ein Raub der Flammen geworden, so sehr es mir bitter leid getan hätte um dieses unersetzliche Zeugnis europäischer Geschichte und Kultur.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Aber noch schlimmer als ein solcher Verlust wäre es, wenn wir Gott identifizieren würden mit der mystischen Aura eines Bauwerks, mit dem Stolz auf eine große Geschichte oder gar mit der Macht, die durch solche symbolischen Repräsentationen des Göttlichen ausgeübt wird. Gehört doch das, wonach manche sich jetzt offenbar wieder so sehr sehnen, eben zu den Gründen, warum der Glaube nicht erst in den Flammen von Notre-Dame verbrannt ist, sondern schon lange vorher in den Herzen so vieler Menschen zu Asche wurde. Als identitätsstiftender Faktor hat der Glaube zweifellos eine über Jahrhunderte bis hinein in unsere Gegenwart äußerst stabile Ordnung etabliert. Eine Ordnung, die Sicherheit gab, aber auch ganz genau bestimmte, wie man zu leben hatte; die festlegte, welche Lebensweisen und Lebensformen erlaubt waren und welche als »unnatürlich« galten oder als »gegen die Ordnung des Schöpfers gerichtet« (wie es manchmal immer noch heißt). Das Wort »in Stein gemeißelt« bekommt hier einen fatalen Doppelsinn. So stand und steht der Name »Gott« nicht nur für unendliche Hoffnungen nach immerwährendem Glück und unvergänglichem Leben, sondern auch für namenlosen Schrecken, für Hölle und Verdammnis und für die Auslöschung aller, die nicht an ihn glauben oder nicht so an ihn glauben wie jene, die in Gottes Namen die Macht ausüben. Denn diejenigen, die das Wissen über Gott beanspruchen und behaupten, seinen Willen zu kennen, haben damit auch die Macht über alle anderen, die nicht in dieser privilegierten Position sind. Eine Macht, die sich bis hin zu Ausbeutung und Missbrauch steigern kann und deren Mechanismen in unserer Gegenwart auf erschreckende Weise offenbar geworden sind.&#xA;&#xA;Der Gott, der Sicherheit und Hoffnung geben sollte, hat sich als grausam entpuppt und als einer, dem die leidenden Menschen egal sind. So wurde die Hoffnung zum Schrecken. Bis irgendwann die Ahnung aufkeimte, dass es diesen Gott so nicht gibt, dass er unser eigenes Konstrukt ist, ein Name bloß für unsere Wünsche und Ängste und ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Diese Einsicht hat Gott bei vielen Menschen nicht überlebt. Und ich muss sagen: Ich bin wirklich froh, dass er tot ist. Ich wünsche mir nicht, dass dieses Bild von Gott aus der Asche von Notre-Dame oder anderswo wieder aufersteht. Ich bin froh, dass dieser Gott gestorben ist, diese Vorstellung, die mit so vielen menschlichen Fantasien besetzt war. Fantasien, die der Herrschaft über Menschen dienten, aber nicht zuletzt auch der Herrschaft über Gott; die Gott zum Objekt gemacht haben, zum Gegenstand, den man für die eigenen Interessen und gegen die Interessen anderer trefflich verwenden kann. Da, wo man diesen Gott noch antrifft, ist er längst entlarvt: als ein in den Himmel erhobener Patriarch, als gesellschaftliches Über-Ich, als Relikt einer verklemmten und lebensfeindlichen Moral. Angebetet nur mehr von denen, die partout nicht erwachsen werden wollen, ist er zum Gespenst geworden.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Jesus hingegen ist kein Gespenst, nicht als Toter und als Auferstandener erst recht nicht. Er spukt nirgendwo herum; er ist gegangen, ist weg, »nicht hier«, wie die Männer in leuchtenden Gewändern zu den Frauen sagen, die am Morgen des dritten Tages das Grab besuchen. Nicht erst in unseren Tagen, schon mit Jesus ist der Gespenster-Gott gestorben. Gestorben ist der Gott, der immer schon alles weiß und in unveränderliche, versteinerte Regeln gegossen hat, sodass es im Grunde keine Entwicklung mehr geben kann; gestorben ist der Gott, der seinen Jüngern die Sicherheit gibt, dass sie immer alles richtig machen, wenn sie ihm nur blind folgen. Gestorben ist der Gott, der alles kann, der Herrscher und König ist, unangreifbar und unbesiegbar; gestorben ist der Wille zur Macht, der seinen Jüngern Anteil gibt an der Macht. Gestorben ist der Gott, der dingfest zu machen ist, dessen Eigenschaften festgelegt sind, bekannt und analysiert durch die Dogmatik und das Lehramt der Kirche, durch den seine Jünger selbst zu Göttern werden, weil sie ihren Gott in der Hand haben.&#xA;&#xA;Von diesem gestorbenen Gott bleibt auch keine Leerstelle. Nichts, was man vermissen würde, jenseits oberflächlicher Identitätspolitik und regressiver Ordnungsvorstellungen. Jesus hingegen hinterlässt sehr wohl eine solche Leerstelle. Er ist, um es noch einmal mit den Worten des Evangeliums zu sagen, »nicht hier«. Und diese Leerstelle ist wesentlich für die Art und Weise, in der Jesus für Gott Zeugnis ablegen wollte – in seinem Leben bis hinein in seinen Tod. Darum wird Jesus auch nach intensiver Suche nicht gefunden; selbst Petrus bleibt verwirrt am Grab zurück.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Was also ist geblieben von diesem seltsamen Gott, der sich in Jesus kreuzigen ließ und sterben wollte? Geblieben ist seine Spur, geblieben ist seine Abwesenheit. Der Gott Jesu von Nazaret ist ein abwesender Gott; einer, der »nicht hier« ist. Damit ist nicht nur ein bestimmter Ort gemeint, es ist jeder Ort, der fest bezeichnet werden könnte. Gott ist nirgendwo »hier«, er ist da nicht und da nicht und da nicht. So war Gott schon immer: Er war immer ein abwesender Gott, der nur im Vorübergang erfahren werden konnte. Das hat Jesus durch sein Leben und Sterben offenbar gemacht; deshalb heißt es von ihm, an ihm habe sich die Schrift erfüllt. Gott ist der »ich-bin-da«; aber er ist da als Abwesender: als Namenloser, Bildloser, Gestaltloser, als Feuer- und Wolkensäule, als Regenbogen, als Windhauch, der an Elija vorüberzieht; als Schatten, der dem Mose nur den Rücken zeigt supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup.&#xA;&#xA;Diese Abwesenheit Gottes macht Angst und verwirrt. Die Frauen freuen sich nicht am leeren Grab, sie erschrecken, und Petrus ist verwundert: θαυμάζων heißt es im Griechischen, das ist ein Gefühl der Bestürzung, in der sich das Alltägliche zum Geheimnis verwandelt. Wenn diese Tage vom Gründonnerstag über den Karfreitag und die Nacht des Karsamstags hin auf den Ostermorgen uns etwas zeigen, dann dies: Nur als Abwesender und Unverfügbarer kann Gott wirklich Gott sein für uns.&#xA;&#xA;Vor gut 700 Jahren, im Herbst 1293, als die Kathedrale von Notre-Dame als bildliche Vergegenwärtigung des Göttlichen gerade in der Mitte ihrer Bauphase stand, beginnt ein junger Dominikanermönch seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität. Während er sieht, wie das Haus Gottes auf Erden immer kunstvoller ausgebaut wird, setzt er dazu einen Gegenakzent. Es ist der Philosoph und Mystiker Meister Eckhart, der ganz gezielt diese Leerstelle in den Blick nimmt, mit der das leere Grab Jesu wie vielleicht nichts sonst auf Gottes Wesen verweist:&#xA;&#xA;  Das höchste und das nächste, das der Mensch lassen mag, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse.&#xA;&#xA;  Meister Eckhart, DW I, 196, 6-7&#xA;&#xA;Gott um Gottes willen lassen – damit ist auch das Geheimnis von Ostern auf den Punkt gebracht: Gottes Abwesenheit schafft einen Raum. Der Gespenster-Gott, der Macht-Gott, der dingfeste Gott, mit dem ich hantieren und über andere herrschen kann, der mich selbst beherrscht, ist weg; ich habe ihn »gelassen«. Sein Platz wird von niemandem mehr eingenommen. Während wir Gott gerne in geschlossene Denkgebäude und Räume bannen wollen supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup, in Steine und Kirchen und Dogmen, ist der Gott Jesu von Nazaret ein flüchtig-vorübergehender. Erst in der Abwesenheit eines greifbaren und von Menschen klein gemachten Gottes entsteht Raum für die Spur, die auf den immer größeren Gott hinweist. Er ist »nicht hier«. Nur einen Gott, der nicht »hier« ist, kann ich suchen supspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​4/span/sup. Nur ein Gott, der nicht »hier« ist, treibt mich an, dass ich über mich, über die Grenzen meines Wissens und Könnens, über die Grenzen meiner Erfahrung und sogar meines Denkens hinausgehe. Um Gottes willen lasse ich Gott – um seiner Spur zu folgen.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Aber wo hat sie sich eingezeichnet, diese Spur des abwesenden Gottes? Einige der Spuren haben wir schon gefunden. Im Erschrecken der Frauen entdecken wir eine solche Spur: Sie machen die Erfahrung, dass Gott nicht harmlos ist, dass er beunruhigt, Fragen aufreißt, Leerstellen lässt. Eine andere Spur zeigt sich in der Verwunderung des Petrus: Er sieht, dass längst nicht alles klar ist, die Welt und das Leben nicht so sind, wie er es sich zusammengereimt hatte. Nichts hören wir von einer Begegnung mit Jesus selbst; er bleibt abwesend. Erst später, wenn sie sich mit ihrer Unruhe und ihren Fragen auseinandergesetzt haben, können einige der Frauen und der Jünger Jesus sehen.&#xA;&#xA;So ist die deutlichste Spur des abwesenden Gottes das Leuchten auf dem Gesicht der beiden Männer, die die Frauen am Grab antreffen. Sie leuchten nicht aus sich selbst. Die beiden waren die einzigen Zeugen der Auferstehung, und davon ist der Glanz geblieben. Sie sind selbst reiner Glanz, reine Spur; sonst nichts. Wir finden diesen Glanz wieder bei allen, die sich von Jesus und seiner Botschaft haben berühren lassen. Bei allen, die anderen helfen zu wachsen und sich zu entfalten; bei allen, die ihre Mitmenschen in der Not nicht alleine lassen, die bereit sind zu teilen, weil sie spüren, dass genug Leben für alle da ist. Wir finden den Glanz bei denen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer bergen. Wir finden ihn bei denen, die für Traurige und Verzweifelte einfach da sind, ohne sie zu belehren. Diesen Glanz finden wir bei allen, die der Spur des verborgenen Gottes folgen, weil sie fasziniert sind von seinem Geheimnis und mit nichts anderem zufrieden. Wir finden den Glanz bei jenen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, wer Gott ist und was er will und wen er ermächtigt habe, in seinem Namen zu sprechen. Wir finden den Glanz bei allen, die den Lebenden nicht bei den Toten suchen, nicht bei toten Formeln, sondern mitten im Leben in all seiner Rätselhaftigkeit.&#xA;&#xA;Wenn wir einander anschauen und in unseren Augen diesen Glanz entdecken, dann könnte es sein, dass wir in die Spur gekommen sind; dass sich in uns ein Raum eröffnet, der uns auf diesen Gott hin zieht, und es Ostern geworden ist in uns. Denn in uns und für uns hat er das Leben neu geschaffen.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Vgl. dazu die Äußerungen von Lucetta Scaraffia in einem Kommentar für die italienische Zeitung »Quotidiano«, zusammengefasst auf katholisch.de. Zur Kritik an einer identitätspolitischen Instrumentalisierung der Kathedrale vgl. z. B. Groebner, Valentin, Das nationale Superzeichen. Notre-Dame und die Gefühle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.04.2019.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup »Der HERR, der an Mose vorübergeht, so daß dieser ihn nur im Vorübergehen sieht und nicht von Angesicht zu Angesicht, zeigt sich nicht in der Gegenwart bzw. als Gegenwart, sondern im Futur anterieur: Er wird vorübergegangen sein. Was davon bleibt, ‚ist‘ nicht mehr, ist nicht sagbar, im Sinne der Gegenwärtigkeit verbürgenden Logik der Sprache. Was bleibt, ist eine Spur.« (Beyrich, Tilman: Ist Glauben wiederholbar?: Derrida liest Kierkegaard, Berlin – New York : De Gruyter, 2001, S. 93).&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Byung-Chul Han sieht die Neigung der westlichen Kultur zu geschlossenen metaphysischen Formen in deren Architektur widergespiegelt. Unter Berufung auf Hegel hält er auch das christliche Denken für ein Denken der Innerlichkeit, das sich »im ganz geschlossenen Gotteshaus« seinen Ausdruck verschafft; vgl.: Han, Byung-Chul, Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin : Merve, 2007, S. 43-46. Ob damit der »christliche Geist« und die breite Tradition abendländischer Philosophie wirklich umfassend getroffen sind, sei dahingestellt.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Für Hartmut Rosa liegt ein zentraler Wesenszug der Moderne in dem Bestreben, sich einen immer größeren Teil der Welt verfügbar zu machen – womit aber gleichzeitig das Verfügbare verstummt und keine Beziehung mehr zu ihm hergestellt werden kann. Es wäre zu überlegen, ob dies auch für das Gottesverhältnis zutrifft: Ist Gott erst verfügbar geworden, ist er auch tot; erst wenn ich ihn in die Abwesenheit entlasse, kann er wieder zu mir in Beziehung treten. Vgl. Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit, Salzburg : Residenz, 2018.&#xA;&#xA;Bild (c) Marind, Incendie de Notre Dame à Paris, vue depuis le ministère de la recherche. 7, CC BY-SA 4.0&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/29/46/e3bed6923645f509498b89b8b12c.webp" alt="Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris"></p>

<h3 id="lk-24-1-12-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c1-12-osternacht-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C1-12">Lk 24,1-12</a>, Osternacht C</h3>

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<h4 id="i">I</h4>

<p>Aus dem Dachstuhl von Notre-Dame in Paris schlägt lichterloh das Feuer. Eine Zeitlang ist nicht klar, ob diese Kirche gerettet werden kann. Erschütterung bricht sich auch in ganz und gar weltlichen Beobachtern des Geschehens ihre Bahn: Beinahe, so heißt es, wären das »Herz und die Seele« einer Nation, ja ganz Europas, in Schutt und Asche gelegen. Schon ist von einer notwendigen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln die Rede, und sogar davon, dass die säkulare Kultur durch den Verlust des Glaubens diese Katastrophe irgendwie mit verschuldet hätte <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>. Jetzt habe man es buchstäblich vor Augen, wie mit dem Glauben auch die eigene Identität verloren ginge.</p>

<p>Wenn das die Konsequenz aus dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame sein sollte, dann wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre ein Raub der Flammen geworden, so sehr es mir bitter leid getan hätte um dieses unersetzliche Zeugnis europäischer Geschichte und Kultur.
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<p>Aber noch schlimmer als ein solcher Verlust wäre es, wenn wir Gott identifizieren würden mit der mystischen Aura eines Bauwerks, mit dem Stolz auf eine große Geschichte oder gar mit der Macht, die durch solche symbolischen Repräsentationen des Göttlichen ausgeübt wird. Gehört doch das, wonach manche sich jetzt offenbar wieder so sehr sehnen, eben zu den Gründen, warum der Glaube nicht erst in den Flammen von Notre-Dame verbrannt ist, sondern schon lange vorher in den Herzen so vieler Menschen zu Asche wurde. Als identitätsstiftender Faktor hat der Glaube zweifellos eine über Jahrhunderte bis hinein in unsere Gegenwart äußerst stabile Ordnung etabliert. Eine Ordnung, die Sicherheit gab, aber auch ganz genau bestimmte, wie man zu leben hatte; die festlegte, welche Lebensweisen und Lebensformen erlaubt waren und welche als »unnatürlich« galten oder als »gegen die Ordnung des Schöpfers gerichtet« (wie es manchmal immer noch heißt). Das Wort »in Stein gemeißelt« bekommt hier einen fatalen Doppelsinn. So stand und steht der Name »Gott« nicht nur für unendliche Hoffnungen nach immerwährendem Glück und unvergänglichem Leben, sondern auch für namenlosen Schrecken, für Hölle und Verdammnis und für die Auslöschung aller, die nicht an ihn glauben oder nicht so an ihn glauben wie jene, die in Gottes Namen die Macht ausüben. Denn diejenigen, die das Wissen über Gott beanspruchen und behaupten, seinen Willen zu kennen, haben damit auch die Macht über alle anderen, die nicht in dieser privilegierten Position sind. Eine Macht, die sich bis hin zu Ausbeutung und Missbrauch steigern kann und deren Mechanismen in unserer Gegenwart auf erschreckende Weise offenbar geworden sind.</p>

<p>Der Gott, der Sicherheit und Hoffnung geben sollte, hat sich als grausam entpuppt und als einer, dem die leidenden Menschen egal sind. So wurde die Hoffnung zum Schrecken. Bis irgendwann die Ahnung aufkeimte, dass es diesen Gott so nicht gibt, dass er unser eigenes Konstrukt ist, ein Name bloß für unsere Wünsche und Ängste und ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Diese Einsicht hat Gott bei vielen Menschen nicht überlebt. Und ich muss sagen: Ich bin wirklich froh, dass er tot ist. Ich wünsche mir nicht, dass dieses Bild von Gott aus der Asche von Notre-Dame oder anderswo wieder aufersteht. Ich bin froh, dass dieser Gott gestorben ist, diese Vorstellung, die mit so vielen menschlichen Fantasien besetzt war. Fantasien, die der Herrschaft über Menschen dienten, aber nicht zuletzt auch der Herrschaft über Gott; die Gott zum Objekt gemacht haben, zum Gegenstand, den man für die eigenen Interessen und gegen die Interessen anderer trefflich verwenden kann. Da, wo man diesen Gott noch antrifft, ist er längst entlarvt: als ein in den Himmel erhobener Patriarch, als gesellschaftliches Über-Ich, als Relikt einer verklemmten und lebensfeindlichen Moral. Angebetet nur mehr von denen, die partout nicht erwachsen werden wollen, ist er zum Gespenst geworden.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Jesus hingegen ist kein Gespenst, nicht als Toter und als Auferstandener erst recht nicht. Er spukt nirgendwo herum; er ist gegangen, ist weg, »nicht hier«, wie die Männer in leuchtenden Gewändern zu den Frauen sagen, die am Morgen des dritten Tages das Grab besuchen. Nicht erst in unseren Tagen, schon mit Jesus ist der Gespenster-Gott gestorben. Gestorben ist der Gott, der immer schon alles weiß und in unveränderliche, versteinerte Regeln gegossen hat, sodass es im Grunde keine Entwicklung mehr geben kann; gestorben ist der Gott, der seinen Jüngern die Sicherheit gibt, dass sie immer alles richtig machen, wenn sie ihm nur blind folgen. Gestorben ist der Gott, der alles kann, der Herrscher und König ist, unangreifbar und unbesiegbar; gestorben ist der Wille zur Macht, der seinen Jüngern Anteil gibt an der Macht. Gestorben ist der Gott, der dingfest zu machen ist, dessen Eigenschaften festgelegt sind, bekannt und analysiert durch die Dogmatik und das Lehramt der Kirche, durch den seine Jünger selbst zu Göttern werden, weil sie ihren Gott in der Hand haben.</p>

<p>Von diesem gestorbenen Gott bleibt auch keine Leerstelle. Nichts, was man vermissen würde, jenseits oberflächlicher Identitätspolitik und regressiver Ordnungsvorstellungen. Jesus hingegen hinterlässt sehr wohl eine solche Leerstelle. Er ist, um es noch einmal mit den Worten des Evangeliums zu sagen, »nicht hier«. Und diese Leerstelle ist wesentlich für die Art und Weise, in der Jesus für Gott Zeugnis ablegen wollte – in seinem Leben bis hinein in seinen Tod. Darum wird Jesus auch nach intensiver Suche nicht gefunden; selbst Petrus bleibt verwirrt am Grab zurück.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Was also ist geblieben von diesem seltsamen Gott, der sich in Jesus kreuzigen ließ und sterben wollte? Geblieben ist seine Spur, geblieben ist seine Abwesenheit. Der Gott Jesu von Nazaret ist ein abwesender Gott; einer, der »nicht hier« ist. Damit ist nicht nur ein bestimmter Ort gemeint, es ist jeder Ort, der fest bezeichnet werden könnte. Gott ist nirgendwo »hier«, er ist da nicht und da nicht und da nicht. So war Gott schon immer: Er war immer ein abwesender Gott, der nur im Vorübergang erfahren werden konnte. Das hat Jesus durch sein Leben und Sterben offenbar gemacht; deshalb heißt es von ihm, an ihm habe sich die Schrift erfüllt. Gott ist der »ich-bin-da«; aber er ist da als Abwesender: als Namenloser, Bildloser, Gestaltloser, als Feuer- und Wolkensäule, als Regenbogen, als Windhauch, der an Elija vorüberzieht; als Schatten, der dem Mose nur den Rücken zeigt <sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>.</p>

<p>Diese Abwesenheit Gottes macht Angst und verwirrt. Die Frauen freuen sich nicht am leeren Grab, sie erschrecken, und Petrus ist verwundert: θαυμάζων heißt es im Griechischen, das ist ein Gefühl der Bestürzung, in der sich das Alltägliche zum Geheimnis verwandelt. Wenn diese Tage vom Gründonnerstag über den Karfreitag und die Nacht des Karsamstags hin auf den Ostermorgen uns etwas zeigen, dann dies: Nur als Abwesender und Unverfügbarer kann Gott wirklich Gott sein für uns.</p>

<p>Vor gut 700 Jahren, im Herbst 1293, als die Kathedrale von Notre-Dame als bildliche Vergegenwärtigung des Göttlichen gerade in der Mitte ihrer Bauphase stand, beginnt ein junger Dominikanermönch seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität. Während er sieht, wie das Haus Gottes auf Erden immer kunstvoller ausgebaut wird, setzt er dazu einen Gegenakzent. Es ist der Philosoph und Mystiker Meister Eckhart, der ganz gezielt diese Leerstelle in den Blick nimmt, mit der das leere Grab Jesu wie vielleicht nichts sonst auf Gottes Wesen verweist:</p>

<blockquote><p>Das höchste und das nächste, das der Mensch lassen mag, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse.</p>

<p>Meister Eckhart, DW I, 196, 6-7</p></blockquote>

<p>Gott um Gottes willen lassen – damit ist auch das Geheimnis von Ostern auf den Punkt gebracht: Gottes Abwesenheit schafft einen Raum. Der Gespenster-Gott, der Macht-Gott, der dingfeste Gott, mit dem ich hantieren und über andere herrschen kann, der mich selbst beherrscht, ist weg; ich habe ihn »gelassen«. Sein Platz wird von niemandem mehr eingenommen. Während wir Gott gerne in geschlossene Denkgebäude und Räume bannen wollen <sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>, in Steine und Kirchen und Dogmen, ist der Gott Jesu von Nazaret ein flüchtig-vorübergehender. Erst in der Abwesenheit eines greifbaren und von Menschen klein gemachten Gottes entsteht Raum für die Spur, die auf den immer größeren Gott hinweist. Er ist »nicht hier«. Nur einen Gott, der nicht »hier« ist, kann ich suchen <sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>. Nur ein Gott, der nicht »hier« ist, treibt mich an, dass ich über mich, über die Grenzen meines Wissens und Könnens, über die Grenzen meiner Erfahrung und sogar meines Denkens hinausgehe. Um Gottes willen lasse ich Gott – um seiner Spur zu folgen.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Aber wo hat sie sich eingezeichnet, diese Spur des abwesenden Gottes? Einige der Spuren haben wir schon gefunden. Im Erschrecken der Frauen entdecken wir eine solche Spur: Sie machen die Erfahrung, dass Gott nicht harmlos ist, dass er beunruhigt, Fragen aufreißt, Leerstellen lässt. Eine andere Spur zeigt sich in der Verwunderung des Petrus: Er sieht, dass längst nicht alles klar ist, die Welt und das Leben nicht so sind, wie er es sich zusammengereimt hatte. Nichts hören wir von einer Begegnung mit Jesus selbst; er bleibt abwesend. Erst später, wenn sie sich mit ihrer Unruhe und ihren Fragen auseinandergesetzt haben, können einige der Frauen und der Jünger Jesus sehen.</p>

<p>So ist die deutlichste Spur des abwesenden Gottes das Leuchten auf dem Gesicht der beiden Männer, die die Frauen am Grab antreffen. Sie leuchten nicht aus sich selbst. Die beiden waren die einzigen Zeugen der Auferstehung, und davon ist der Glanz geblieben. Sie sind selbst reiner Glanz, reine Spur; sonst nichts. Wir finden diesen Glanz wieder bei allen, die sich von Jesus und seiner Botschaft haben berühren lassen. Bei allen, die anderen helfen zu wachsen und sich zu entfalten; bei allen, die ihre Mitmenschen in der Not nicht alleine lassen, die bereit sind zu teilen, weil sie spüren, dass genug Leben für alle da ist. Wir finden den Glanz bei denen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer bergen. Wir finden ihn bei denen, die für Traurige und Verzweifelte einfach da sind, ohne sie zu belehren. Diesen Glanz finden wir bei allen, die der Spur des verborgenen Gottes folgen, weil sie fasziniert sind von seinem Geheimnis und mit nichts anderem zufrieden. Wir finden den Glanz bei jenen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, wer Gott ist und was er will und wen er ermächtigt habe, in seinem Namen zu sprechen. Wir finden den Glanz bei allen, die den Lebenden nicht bei den Toten suchen, nicht bei toten Formeln, sondern mitten im Leben in all seiner Rätselhaftigkeit.</p>

<p>Wenn wir einander anschauen und in unseren Augen diesen Glanz entdecken, dann könnte es sein, dass wir in die Spur gekommen sind; dass sich in uns ein Raum eröffnet, der uns auf diesen Gott hin zieht, und es Ostern geworden ist in uns. Denn in uns und für uns hat er das Leben neu geschaffen.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Vgl. dazu die Äußerungen von Lucetta Scaraffia in einem Kommentar für die italienische Zeitung »Quotidiano«, zusammengefasst auf katholisch.de. Zur Kritik an einer identitätspolitischen Instrumentalisierung der Kathedrale vgl. z. B. Groebner, Valentin, Das nationale Superzeichen. Notre-Dame und die Gefühle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.04.2019.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> »Der HERR, der an Mose vorübergeht, so daß dieser ihn nur im Vorübergehen sieht und nicht von Angesicht zu Angesicht, zeigt sich nicht in der Gegenwart bzw. als Gegenwart, sondern im Futur anterieur: Er wird vorübergegangen sein. Was davon bleibt, ‚ist‘ nicht mehr, ist nicht sagbar, im Sinne der Gegenwärtigkeit verbürgenden Logik der Sprache. Was bleibt, ist eine Spur.« (Beyrich, Tilman: Ist Glauben wiederholbar?: Derrida liest Kierkegaard, Berlin – New York : De Gruyter, 2001, S. 93).</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Byung-Chul Han sieht die Neigung der westlichen Kultur zu geschlossenen metaphysischen Formen in deren Architektur widergespiegelt. Unter Berufung auf Hegel hält er auch das christliche Denken für ein Denken der Innerlichkeit, das sich »im ganz geschlossenen Gotteshaus« seinen Ausdruck verschafft; vgl.: Han, Byung-Chul, Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin : Merve, 2007, S. 43-46. Ob damit der »christliche Geist« und die breite Tradition abendländischer Philosophie wirklich umfassend getroffen sind, sei dahingestellt.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Für Hartmut Rosa liegt ein zentraler Wesenszug der Moderne in dem Bestreben, sich einen immer größeren Teil der Welt verfügbar zu machen – womit aber gleichzeitig das Verfügbare verstummt und keine Beziehung mehr zu ihm hergestellt werden kann. Es wäre zu überlegen, ob dies auch für das Gottesverhältnis zutrifft: Ist Gott erst verfügbar geworden, ist er auch tot; erst wenn ich ihn in die Abwesenheit entlasse, kann er wieder zu mir in Beziehung treten. Vgl. Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit, Salzburg : Residenz, 2018.</p>

<p><em>Bild © <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Incendie_de_Notre_Dame_%C3%A0_Paris_.jpg">Marind, Incendie de Notre Dame à Paris, vue depuis le ministère de la recherche</a>. 7, CC BY-SA 4.0</em></p>

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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
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      <pubDate>Sun, 21 Apr 2019 16:00:00 +0000</pubDate>
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