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    <title>Heilige &amp;mdash; Linkskatholisch</title>
    <link>https://linkskatholisch.de/tag:Heilige</link>
    <description>«linkskatholisch«</description>
    <pubDate>Mon, 25 May 2026 21:41:44 +0200</pubDate>
    <item>
      <title>Alle Lust will Ewigkeit</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/alle-lust-will-ewigkeit</link>
      <description>&lt;![CDATA[Sanduhr&#xA;&#xA;Lk 1,39–56, Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August)&#xA;&#xA;#Predigt #Heilige #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  O Mensch! Gib acht!&#xA;Was spricht die tiefe Mitternacht?&#xA;»Die Welt ist tief,&#xA;Und tiefer als der Tag gedacht.&#xA;Tief ist ihr Weh –,&#xA;Lust – tiefer noch als Herzeleid:&#xA;Weh spricht: Vergeh!&#xA;Doch alle Lust will Ewigkeit –,&#xA;will tiefe, tiefe Ewigkeit!«&#xA;&#xA;  Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Alle Lust will Ewigkeit. Das hat Friedrich Nietzsche, aus dessen »Zarathustra« diese Zeilen entnommen sind, ganz richtig gesehen. Wir wollen es nicht akzeptieren, dass das Schöne in unserem Leben, all die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die uns das Leben genießen lassen, all die heiteren und frohen Stunden, die tröstenden und ermutigenden Begegnungen, einfach ins Nichts sinken.&#xA;&#xA;Nietzsche warnte vor der Heraufkunft des Nihilismus, vor einer Lebensweise und Lebenseinstellung, die die tiefe Lust und Freude am Leben preisgibt und dem Nichts überantwortet. Er sah diesen Nihilismus kommen durch den Verfall derjenigen Werte, an denen sich die Menschheit bisher festgehalten hatte: Autoritäten, denen blinde Gefolgschaft geleistet wurde, die sich aber als hohl und unfähig erwiesen, Staatsgebilde, die keinem Sinn verpflichtet waren, außer der eigenen Bestandserhaltung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die Lebensfreude nicht fördert, sondern erstickt. Das alles ist nihilistisch, weil es das Leben verneint, anstatt es zu bejahen. Heute würde Nietzsche womöglich in unserer durch und durch von der Ökonomie beherrschten Welt die Vollendung des Nihilismus sehen: Alles, was es gibt, nicht nur Wohlstand und materielle Güter, sondern auch die Natur, Gesundheit, Bildung und Freundschaft, kann man in Geld umrechnen und damit die Frage verbinden: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem gleichen Wertmaßstab messen, hat keinen eigenen Wert – und ist am Ende darum gar nichts wert. Einfach nichts.&#xA;&#xA;Auch das Christentum war für Nietzsche solch ein Stück Nihilismus: Nicht nur zeigt die Kirche alle Merkmale nihilistischer Organisationen in ihrem Verlangen nach unbedingter Gefolgschaft und ihrem kompromisslosen Streben nach dem eigenen Machterhalt – was durch die Missbrauchskrise auf bittere Weise ans Licht getreten ist. Der christliche Glaube selbst scheint all das, was wir handfest als schön und genussvoll erfahren können, dem Untergang weihen zu wollen. Wir werden dazu angehalten, die sogenannten »irdischen Freuden« preiszugeben um des höheren Gutes des Himmels willen. Für dieses abstrakte und vage Versprechen eines besseren Jenseits wird das Hier und Jetzt, das wirklich und leibhaftig Schöne und Gute geopfert.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Gegen den Nihilismus – dagegen, dass die Schönheit des Lebens und die Freude daran nichts mehr wert sind – setzt Nietzsche sein großes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedanke der ewigen Wiederkehr: Nichts vergeht, sondern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wieder. Aktuell stehen technologische und medizinische Visionen hoch im Kurs, die das menschliche Leben nicht nur in nie gekannter Weise auf Jahrhunderte verlängern supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup​, sondern auch den menschlichen Körper durch Implantate oder genetische Veränderungen verbessern wollen. Diese transhumanistischen Bewegungen finden sogar ein Echo in Teilen der Theologie, die darin eine Erfüllung der menschlichen Ewigkeitshoffnung erblicken will ​supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup​. Damit könnte Nietzsches Traum einer ewigen Bejahung dieses Lebens tatsächlich möglich werden.&#xA;&#xA;Aber wäre das wirklich besser? Wenn es mit uns ewig so auf Erden weiterginge, hunderte oder tausende von Jahren und wieder und wieder, dann wären wir auf immer und ewig gefangen in diesem irdischen Dasein ohne Aussicht auf Entrinnen – gefangen in unserer Unwissenheit, gefangen in den Grenzen unserer Vorstellungskraft, in den Grenzen unserer Fähigkeit zu handeln, ja sogar zu lieben. Als wahre Horrorvision schildert dies die Episode »Todessehnsucht« der Science Fiction-Serie »Star Trek: Raumschiff Voyager«; dort bittet ein Angehöriger der Q, die innerhalb des endlichen Universums quasi-allmächtig und unsterblich sind, um Asyl auf der Voyager, weil er das unendliche Immer-Weiter-So nicht mehr ertragen kann und daher freiwillig aus dem Leben scheiden möchte ​supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup​.&#xA;&#xA;Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkunden, nicht alles fühlen, nicht alles kennenlernen, nicht alles erleben, was es auf dieser Welt gibt. Nur einen winzig kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit können wir erfahren, und die Älteren unter uns wissen es: Je länger wir leben, desto mehr werden uns auch unsere Grenzen bewusst. Alle Lust will Ewigkeit, aber sie will auch Unendlichkeit, will die Aufhebung und Überwindung unserer menschlichen Begrenztheit. Dagegen ist die Vorstellung von einem wie auch immer schönen Leben, das ewig auf dieser Erde weiterginge, eine »schlechte Unendlichkeit«. Treffend bringt dies G.W.F. Hegel in seiner »Wissenschaft der Logik« auf den Punkt: »Diese schlechte Unendlichkeit …] ist zwar die Negation des Endlichen, aber sie vermag sich nicht in Wahrheit davon zu befreien; dies tritt an ihr selbst wieder hervor, als ihr Anderes, weil dies Unendliche nur ist als in Beziehung auf das ihm andere Endliche. Der Progreß ins Unendliche ist daher nur die sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen.« supspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​[4/span/sup​&#xA;&#xA;Schlecht ist diese Form der Unendlichkeit deswegen, weil sie uns Menschen keine Perspektive gibt auf ein Leben, das über unsere Grenzen hinausweist, auf ein Leben, das nur die Berührung mit einer ganz anderen Wirklichkeit und die Gemeinschaft mit demjenigen uns gewähren könnte, den wir Gott nennen.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Davon, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Lust am Leben, spricht das Fest des heutigen Tages. Maria, so heißt es da, ein Mensch, der stellvertretend steht für alle Menschen, wurde aufgenommen in den Himmel. Das also ist nach christlicher Überzeugung unsere Zukunft und unsere Perspektive, nicht die schlechte Unendlichkeit des Immer-Weiter-So auf dieser Erde, sondern die wirkliche Unendlichkeit, geschenkt durch die unendlichen und unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. »Himmel« ist dabei natürlich kein Ort irgendwo über den Wolken oder in den Weiten des Universums, sondern dieses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht ausmalen können: für den lebendigen Gott und das Leben mit ihm, das uns versprochen ist. Deshalb feiern wir diesen Tag der Aufnahme Marias in den Himmel, weil wir heute daran denken, dass Gott an einem Menschen das vorweggenommen hat, was uns allen zugesagt ist: Ein Leben, in dem die Grenzen des Verstehens aufgehoben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen anderen Wesen verbunden fühlen, in dem uns die unendliche Vielfalt und die jetzt oft noch verstörende Fremdheit der anderen keine Schwierigkeiten mehr bereitet, sondern froh und glücklich macht. Ein Leben, in dem es keinen Streit und keine Verletzungen mehr gibt, sondern Versöhnung und Frieden. Wir ahnen es: Das wäre das wahre Leben, die wirkliche Unendlichkeit, nicht die schlechte des Immer-Weiter-So.&#xA;&#xA;Dieses große Ja zum Leben, das unser Glaube am heutigen Festtag sagt, beinhaltet aber ganz wesentlich noch etwas Weiteres: ein Ja zu unserem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist nämlich allein unser Leib, der uns in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu allen anderen lebendigen Wesen auf diesem Planeten. Wir können uns das leicht klarmachen durch ein Gedankenexperiment: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden ganz schnell merken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch –, sie alle zusammen formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken, egal ob im Himmel oder auf Erden.&#xA;&#xA;IV&#xA;Von dieser Warte aus betrachtet wird es verständlich, dass das Festgeheimnis des heutigen Tages darauf besteht: Wir feiern die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. In diesem Bildwort kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen eine untrennbare Ganzheit sind, bei der Leib und Seele zusammengehören. Das, was wir »Seele« nennen – der innerste Kern unseres Wesens – ist nicht zu trennen von unserer konkreten, ganz einmaligen Geschichte, die wir mit unserm Leib erfahren. Und darum sind wir auch zur Gemeinschaft mit Gott nicht als reine, makellose Seelen oder Geister berufen, von aller Erdenschwere befreit – sondern als ganze Menschen, mit Seele und Leib. Jedes noch so kleine und unbedeutende Detail unserer Lebensgeschichte gehört in die »Ewigkeit«, auf die wir hoffen, mit hinein, jede Erfahrung und jedes Erlebnis, sei es freudig oder schmerzvoll.&#xA;&#xA;Natürlich hat es nicht viel Sinn, sich auszudenken, wie das genau sein könnte. Auch der Gedanke des heutigen Festtages von der leiblichen Aufnahme Marias zu Gott ist ein menschliches Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Beispiel des Lebens Marias sagen möchte, was im Tiefsten und Letzten für uns alle gilt: Die Fülle des Lebens in Gott liegt nicht in einem weltfernen Geisterreich, sondern es ist eine Fülle, in der unsere eigene Geschichte, unser eigenes Leben unverzichtbar mit dazugehören. Und dieses Bild der Lebensfreude hat die Frömmigkeit gerade bei Maria in den buntesten Farben gemalt: Mit der Schönheit der Welt, der Natur, der Blumen ist sie umgeben, und selbst ist sie als eine schöne Frau dargestellt, die – wie die Kunst es uns zeigt – ihrem Sohn mit Zärtlichkeit verbunden ist. Man kann sich vorstellen, dass sie gerne gelebt hat.&#xA;&#xA;Alle Lust will Ewigkeit? Ganz sicher. Darin sind Nietzsche und unser christlicher Glaube sich einig (auch wenn die Christen das oft vergessen haben und die Kirche sich lange, teilweise bis heute, als eine Institution gebärdet, die die Lust am Leben verderben möchte). Der heutige Tag sagt uns: Unsere Lebenslust will diese Ewigkeit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Bahnsen, Ulrich: Forscher wollen das Altern besiegt haben. URL https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy. – abgerufen am 2019-08-16. — ZEIT Online&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Göcke, Paul Benedikt: Christian Cyborgs: A Plea For a Moderate Transhumanism. In: Faith And Philosophy Bd. 34 (2017), Nr. 3&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Todessehnsucht. URL https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht. – abgerufen am 2019-08-16. — Memory Alpha&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein [1832]. Hamburg : Meiner, 1990&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/b5/db/a49697f2ce5eed553df7a2ca41c0.webp" alt="Sanduhr"></p>

<h2 id="lk-1-39-56-https-www-bibleserver-com-eu-lukas1-2c39-56-fest-der-aufnahme-marias-in-den-himmel-15-august"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas1%2C39-56">Lk 1,39–56</a>, Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August)</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Heilige" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Heilige</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</p>

<p>Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil</p></blockquote>



<p>Alle Lust will Ewigkeit. Das hat Friedrich Nietzsche, aus dessen »Zarathustra« diese Zeilen entnommen sind, ganz richtig gesehen. Wir wollen es nicht akzeptieren, dass das Schöne in unserem Leben, all die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die uns das Leben genießen lassen, all die heiteren und frohen Stunden, die tröstenden und ermutigenden Begegnungen, einfach ins Nichts sinken.</p>

<p>Nietzsche warnte vor der Heraufkunft des Nihilismus, vor einer Lebensweise und Lebenseinstellung, die die tiefe Lust und Freude am Leben preisgibt und dem Nichts überantwortet. Er sah diesen Nihilismus kommen durch den Verfall derjenigen Werte, an denen sich die Menschheit bisher festgehalten hatte: Autoritäten, denen blinde Gefolgschaft geleistet wurde, die sich aber als hohl und unfähig erwiesen, Staatsgebilde, die keinem Sinn verpflichtet waren, außer der eigenen Bestandserhaltung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die Lebensfreude nicht fördert, sondern erstickt. Das alles ist nihilistisch, weil es das Leben verneint, anstatt es zu bejahen. Heute würde Nietzsche womöglich in unserer durch und durch von der Ökonomie beherrschten Welt die Vollendung des Nihilismus sehen: Alles, was es gibt, nicht nur Wohlstand und materielle Güter, sondern auch die Natur, Gesundheit, Bildung und Freundschaft, kann man in Geld umrechnen und damit die Frage verbinden: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem gleichen Wertmaßstab messen, hat keinen eigenen Wert – und ist am Ende darum gar nichts wert. Einfach nichts.</p>

<p>Auch das Christentum war für Nietzsche solch ein Stück Nihilismus: Nicht nur zeigt die Kirche alle Merkmale nihilistischer Organisationen in ihrem Verlangen nach unbedingter Gefolgschaft und ihrem kompromisslosen Streben nach dem eigenen Machterhalt – was durch die Missbrauchskrise auf bittere Weise ans Licht getreten ist. Der christliche Glaube selbst scheint all das, was wir handfest als schön und genussvoll erfahren können, dem Untergang weihen zu wollen. Wir werden dazu angehalten, die sogenannten »irdischen Freuden« preiszugeben um des höheren Gutes des Himmels willen. Für dieses abstrakte und vage Versprechen eines besseren Jenseits wird das Hier und Jetzt, das wirklich und leibhaftig Schöne und Gute geopfert.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Gegen den Nihilismus – dagegen, dass die Schönheit des Lebens und die Freude daran nichts mehr wert sind – setzt Nietzsche sein großes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedanke der ewigen Wiederkehr: Nichts vergeht, sondern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wieder. Aktuell stehen technologische und medizinische Visionen hoch im Kurs, die das menschliche Leben nicht nur in nie gekannter Weise auf Jahrhunderte verlängern <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>​, sondern auch den menschlichen Körper durch Implantate oder genetische Veränderungen verbessern wollen. Diese transhumanistischen Bewegungen finden sogar ein Echo in Teilen der Theologie, die darin eine Erfüllung der menschlichen Ewigkeitshoffnung erblicken will ​<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>​. Damit könnte Nietzsches Traum einer ewigen Bejahung dieses Lebens tatsächlich möglich werden.</p>

<p>Aber wäre das wirklich besser? Wenn es mit uns ewig so auf Erden weiterginge, hunderte oder tausende von Jahren und wieder und wieder, dann wären wir auf immer und ewig gefangen in diesem irdischen Dasein ohne Aussicht auf Entrinnen – gefangen in unserer Unwissenheit, gefangen in den Grenzen unserer Vorstellungskraft, in den Grenzen unserer Fähigkeit zu handeln, ja sogar zu lieben. Als wahre Horrorvision schildert dies die Episode »Todessehnsucht« der Science Fiction-Serie »Star Trek: Raumschiff Voyager«; dort bittet ein Angehöriger der Q, die innerhalb des endlichen Universums quasi-allmächtig und unsterblich sind, um Asyl auf der Voyager, weil er das unendliche Immer-Weiter-So nicht mehr ertragen kann und daher freiwillig aus dem Leben scheiden möchte ​<sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>​.</p>

<p>Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkunden, nicht alles fühlen, nicht alles kennenlernen, nicht alles erleben, was es auf dieser Welt gibt. Nur einen winzig kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit können wir erfahren, und die Älteren unter uns wissen es: Je länger wir leben, desto mehr werden uns auch unsere Grenzen bewusst. Alle Lust will Ewigkeit, aber sie will auch Unendlichkeit, will die Aufhebung und Überwindung unserer menschlichen Begrenztheit. Dagegen ist die Vorstellung von einem wie auch immer schönen Leben, das ewig auf dieser Erde weiterginge, eine »schlechte Unendlichkeit«. Treffend bringt dies G.W.F. Hegel in seiner »Wissenschaft der Logik« auf den Punkt: »Diese schlechte Unendlichkeit […] ist zwar die Negation des Endlichen, aber sie vermag sich nicht in Wahrheit davon zu befreien; dies tritt an ihr selbst wieder hervor, als ihr Anderes, weil dies Unendliche nur ist als in Beziehung auf das ihm andere Endliche. Der Progreß ins Unendliche ist daher nur die sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen.« <sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>​</p>

<p>Schlecht ist diese Form der Unendlichkeit deswegen, weil sie uns Menschen keine Perspektive gibt auf ein Leben, das über unsere Grenzen hinausweist, auf ein Leben, das nur die Berührung mit einer ganz anderen Wirklichkeit und die Gemeinschaft mit demjenigen uns gewähren könnte, den wir Gott nennen.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Davon, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Lust am Leben, spricht das Fest des heutigen Tages. Maria, so heißt es da, ein Mensch, der stellvertretend steht für alle Menschen, wurde aufgenommen in den Himmel. Das also ist nach christlicher Überzeugung unsere Zukunft und unsere Perspektive, nicht die schlechte Unendlichkeit des Immer-Weiter-So auf dieser Erde, sondern die wirkliche Unendlichkeit, geschenkt durch die unendlichen und unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. »Himmel« ist dabei natürlich kein Ort irgendwo über den Wolken oder in den Weiten des Universums, sondern dieses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht ausmalen können: für den lebendigen Gott und das Leben mit ihm, das uns versprochen ist. Deshalb feiern wir diesen Tag der Aufnahme Marias in den Himmel, weil wir heute daran denken, dass Gott an einem Menschen das vorweggenommen hat, was uns allen zugesagt ist: Ein Leben, in dem die Grenzen des Verstehens aufgehoben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen anderen Wesen verbunden fühlen, in dem uns die unendliche Vielfalt und die jetzt oft noch verstörende Fremdheit der anderen keine Schwierigkeiten mehr bereitet, sondern froh und glücklich macht. Ein Leben, in dem es keinen Streit und keine Verletzungen mehr gibt, sondern Versöhnung und Frieden. Wir ahnen es: Das wäre das wahre Leben, die wirkliche Unendlichkeit, nicht die schlechte des Immer-Weiter-So.</p>

<p>Dieses große Ja zum Leben, das unser Glaube am heutigen Festtag sagt, beinhaltet aber ganz wesentlich noch etwas Weiteres: ein Ja zu unserem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist nämlich allein unser Leib, der uns in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu allen anderen lebendigen Wesen auf diesem Planeten. Wir können uns das leicht klarmachen durch ein Gedankenexperiment: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden ganz schnell merken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch –, sie alle zusammen formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken, egal ob im Himmel oder auf Erden.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Von dieser Warte aus betrachtet wird es verständlich, dass das Festgeheimnis des heutigen Tages darauf besteht: Wir feiern die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. In diesem Bildwort kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen eine untrennbare Ganzheit sind, bei der Leib und Seele zusammengehören. Das, was wir »Seele« nennen – der innerste Kern unseres Wesens – ist nicht zu trennen von unserer konkreten, ganz einmaligen Geschichte, die wir mit unserm Leib erfahren. Und darum sind wir auch zur Gemeinschaft mit Gott nicht als reine, makellose Seelen oder Geister berufen, von aller Erdenschwere befreit – sondern als ganze Menschen, mit Seele und Leib. Jedes noch so kleine und unbedeutende Detail unserer Lebensgeschichte gehört in die »Ewigkeit«, auf die wir hoffen, mit hinein, jede Erfahrung und jedes Erlebnis, sei es freudig oder schmerzvoll.</p>

<p>Natürlich hat es nicht viel Sinn, sich auszudenken, wie das genau sein könnte. Auch der Gedanke des heutigen Festtages von der leiblichen Aufnahme Marias zu Gott ist ein menschliches Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Beispiel des Lebens Marias sagen möchte, was im Tiefsten und Letzten für uns alle gilt: Die Fülle des Lebens in Gott liegt nicht in einem weltfernen Geisterreich, sondern es ist eine Fülle, in der unsere eigene Geschichte, unser eigenes Leben unverzichtbar mit dazugehören. Und dieses Bild der Lebensfreude hat die Frömmigkeit gerade bei Maria in den buntesten Farben gemalt: Mit der Schönheit der Welt, der Natur, der Blumen ist sie umgeben, und selbst ist sie als eine schöne Frau dargestellt, die – wie die Kunst es uns zeigt – ihrem Sohn mit Zärtlichkeit verbunden ist. Man kann sich vorstellen, dass sie gerne gelebt hat.</p>

<p>Alle Lust will Ewigkeit? Ganz sicher. Darin sind Nietzsche und unser christlicher Glaube sich einig (auch wenn die Christen das oft vergessen haben und die Kirche sich lange, teilweise bis heute, als eine Institution gebärdet, die die Lust am Leben verderben möchte). Der heutige Tag sagt uns: Unsere Lebenslust will diese Ewigkeit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Bahnsen, Ulrich: Forscher wollen das Altern besiegt haben. URL <a href="https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy">https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy</a>. – abgerufen am 2019-08-16. — ZEIT Online</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Göcke, Paul Benedikt: Christian Cyborgs: A Plea For a Moderate Transhumanism. In: Faith And Philosophy Bd. 34 (2017), Nr. 3</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Todessehnsucht. URL <a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht">https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht</a>. – abgerufen am 2019-08-16. — Memory Alpha</p>

<p><sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein [1832]. Hamburg : Meiner, 1990</p>

<div class="about-box">
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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/alle-lust-will-ewigkeit</guid>
      <pubDate>Thu, 15 Aug 2019 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Laurentiustränen</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/laurentiustraenen</link>
      <description>&lt;![CDATA[Sternschnuppen&#xA;&#xA;Joh 12,24–26, Heiliger Laurentius (10. August)&#xA;&#xA;#Predigt #Heilige #Joh&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Lange laue Sommernächte wie im Urlaub in südlichen Ländern konnten wir in den letzten Wochen genießen: draußen sitzen, die angenehme Abendluft spüren, miteinander plaudern und uns unter den Sternen am Himmel ganz leicht und frei fühlen. Nach einer kurzen Abkühlung könnte heute wieder so eine Nacht sein. Wer morgen nicht gleich früh aufstehen muss, kann sich ein Plätzchen mit freier Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Besonderes am nächtlichen Himmel beobachten: Sternschnuppen. Und weil es regelmäßig um genau die Zeit des Jahres herum, wo wir das Fest des heiligen Laurentius feiern, ungewöhnlich viele Sternschnuppen sind, nennt man dieses Phänomen seit alter Zeit auch die Laurentiustränen. Man bringt diese kleinen glühenden Spuren am Himmel in Verbindung mit dem Martyrium des Laurentius, der in der Glut zu Tode gekommen sein soll und so ein Zeugnis für seinen Glauben abgelegt hat.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Heute wissen wir, dass die Laurentiustränen von den Trümmern des Kometen Swift-Tuttle verursacht werden, dessen Bahn die Erde seit Jahrtausenden um genau diese Jahreszeit kreuzt. Mit 200.000 Kilometern pro Stunde rasen die winzigen Kometenteile durch die Erdatmosphäre und verglühen in großer Höhe über uns. Weil momentan Neumond ist, gibt es nicht so viel störendes Licht und die Bedingungen, um Sternschnuppen zu sehen, sind sehr günstig. Wer also die Chance hat, diese Nacht einen einigermaßen dunklen Ort zu finden, sollte dies tun. Denn: Wer eine Sternschnuppe sieht, darf sich etwas wünschen.&#xA;&#xA;Auch ohne ganz detaillierte astronomische Kenntnisse hatten die Menschen immer schon die Ahnung, dass die Sternschnuppen von ganz weit her zu uns kommen. Sie legen gewissermaßen Zeugnis ab für die unendliche Weite des Universums, für die riesigen Entfernungen und sein unvorstellbares Alter: Milliarden an Jahren, Milliarden und Abermilliarden an Himmelskörpern, die uns da oben am Firmament leuchten. Wenn uns ein kleines Stück dieser riesigen weiten Welt ganz nahe kommt, uns berührt und einen Augenblick für uns aufleuchtet, dann ist das wie ein Gruß, der uns Menschen an unsere Stellung im Kosmos erinnert. Daran, wie klein und zerbrechlich unsere Welt ist. Daran auch, wie begrenzt unsere menschlichen Möglichkeiten trotz der rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik immer noch sind und wie sehr wir als endliche Wesen abhängig sind, von den Kreisläufen der Natur, die älter und dauerhafter und stärker sind als alles, was wir ins Werk setzen können.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Fragt sich nur, was wir uns denn eigentlich wünschen sollen, wenn uns solch ein Gruß aus dieser größeren und weiteren Welt des Kosmos erreicht. Gerade die ungewöhnlich klaren und heißen Sommernächte, die wir in diesem Jahr seit Wochen erleben, können uns auf mehrfache Weise ein Denkanstoß sein. Sie sind von den unmittelbar positiven Effekten auf unsere Freizeit abgesehen nicht nur ein gutes Zeichen. Dass dieser Sommer einer der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sein wird, ist beunruhigend. Zumal er sich in eine Folge heißer Sommer einreiht, die hinter uns liegen und von denen wir mit großer Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren noch mehr erleben werden. Diese heißen Sommer sind ein untrüglicher Hinweis auf den von uns Menschen durch unsere Eingriffe in die Natur verursachten Wandel des Klimas, mit dem wir unsere Erde viel mehr zum Glühen bringen, als es die Laurentiustränen jemals vermöchten.&#xA;&#xA;Vielleicht also sollten wir uns mehr Bescheidenheit wünschen, mehr Vorsicht und mehr Rücksichtnahme in unserem Handeln. Mehr Respekt vor der Natur und ihrem unglaublich fein ausbalancierten Gleichgewicht, das sich nur mehr schwer oder gar nicht mehr wieder einspielt, wenn es einmal zerstört ist (vgl. Papst Franziskus: »Gott verzeiht immer, …] die Natur verzeiht nie.« supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​[1/span/sup​, S. 9). Was wir momentan mit unserem Lebensstil, der auf Überfluss und Verschwendung ausgerichtet ist, anrichten, wird unabsehbare Folgen haben, nicht nur für die nächsten Jahre, sondern für Jahrhunderte und Jahrtausende. Zum ersten Mal überhaupt greifen wir so sehr in die Prozesse auf unserer Erde ein, dass man das sogar aus dem Weltraum beobachten kann. Alexander Gerst, der deutsche Astronaut, der sich momentan auf der Internationalen Raumstation ISS befindet, hat uns Bilder gesandt, die ihn selbst betroffen gemacht haben, weil man auf ihnen die über weite Landstriche ausgedörrte Erde sehen kann. »Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-Überflügen. Schockierender Anblick.«, schreibt er auf Twitter zu seinen Beobachtungen. »Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.«​ supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup​&#xA;&#xA;Alexander Gerst: Schockierender Anblick&#xA;&#xA;Was der Astronaut aus der Distanz sieht, das können die Landwirte hier bei uns und anderswo aus nächster Nähe erleben: Die ausgetrockneten Äcker lassen die Feldfrüchte verkümmern, und allein bei uns in Deutschland sind dadurch Schäden in Milliardenhöhe zu erwarten. Ähnlich besorgt sind die Naturschützer: Sie registrieren, wie durch die Veränderungen des Klimas sich auch die Tier- und Pflanzenwelt verändert. Tierarten, die auf eine kühlere und feuchte Umgebung angewiesen sind, ziehen sich zurück, andere wandern aus wärmeren Gegenden zu uns ein und bringen damit nicht nur ein wenig Exotik zu uns, sondern womöglich auch Krankheiten aus den Tropen, auf die wir nicht eingestellt sind (vgl. eine aktuelle Meldung ​supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup​ auf tagesschau.de).&#xA;&#xA;Die Folgen unseres Handelns spüren nicht nur Pflanzen und Tiere, auch wir Menschen selbst werden davon erfasst. Schon jetzt werden mehr und mehr Landstriche auf unserer Erde unbewohnbar und bieten kaum noch eine ausreichende Lebensgrundlage. Die Verteilungskämpfe um ausreichend Wasser und andere natürliche Ressourcen werden zunehmen. Hunger und Armut und gewaltsame Auseinandersetzungen werden die Folge sein. Ein nicht geringer Teil derjenigen Menschen, die an den europäischen Grenzen an unsere Tür klopfen, ist vor den sich verschlechternden natürlichen Lebensbedingungen in ihrer Heimat geflohen. Und die Zahl der Klimaflüchtlinge wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter wachsen – wahrscheinlich so sehr, dass das, was wir momentan an Flucht und Migration erleben, nur ein kleiner Vorgeschmack ist.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Laurentius hat also in diesen Tagen tatsächlich Tränen zu vergießen. Tränen über unsere Rücksichtslosigkeit, mit der wir die Natur ausbeuten. Über unsere Verantwortungslosigkeit, die uns immer noch nicht die Konsequenzen unseres Tuns bedenken lässt. Über unseren Egoismus in den reichen Industrieländern, mit dem wir uns an unseren Wohlstand und an unsere Verschwendung klammern. Über unsere Verblendung, die uns nicht sehen lässt, wie wir uns selbst die Probleme schaffen, mit denen wir dann irgendwann nicht mehr fertig werden. Das, was die Menschen besonders in den Ländern des Südens aus ihrer Heimat fliehen lässt, wird zu einem nicht geringen Teil von uns in den wohlhabenden Weltgegenden verursacht. Wir blasen die Treibhausgase in die Umwelt, wir ruinieren durch wirtschaftlichen Imperialismus die Märkte anderswo und wir exportieren dann auch noch die Waffen, mit denen die Konflikte in dieser buchstäblich aufgeheizten Atmosphäre geführt werden.&#xA;&#xA;Gerade der Laurentius kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir damit nicht nur gegen jede Vernunft verstoßen, sondern auch gegen unseren Auftrag als Christinnen und Christen. Denn Laurentius war der Überlieferung nach in der frühen christlichen Gemeinde einer der Diakone. Und damit war er vor allem zuständig für die praktischen Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen. Er hat sich besonders um die Notleidenden und Bedürftigen gekümmert, wie dies die ersten Christen als eine der wichtigsten Verpflichtungen verstanden haben, die sich aus dem Auftrag und der Frohen Botschaft Jesu ergeben. Christsein lebt aus dem Glauben und aus dem Gebet, aber es spielt sich immer in der ganz konkreten Wirklichkeit ab. Unser Glaube bewährt sich in der Art und Weise, wie wir mit den Herausforderungen umgehen, die das praktische Leben hier und jetzt uns stellt. Daher ist die christliche Urgemeinde eben nicht an Armut und Not ihrer Mitmenschen vorüber gegangen oder hat den Notleidenden einfach empfohlen, ihre Not geduldig und betend zu ertragen. Nein, sie hat eigens Gemeindemitglieder damit beauftragt, anzupacken und die Nöte zu lindern, hat dafür sogar ein eigenes Amt, nämlich das des Diakons, geschaffen.&#xA;&#xA;Heute sind es nicht mehr nur die Diakone, die sich beauftragt wissen sollen, ihren Mitmenschen beizustehen. Vielmehr sind wir alle ganz persönlich aus unserem Glauben heraus in die Verantwortung gerufen. Ich persönlich bin gefordert, meinen Lebensstil kritisch zu befragen. Und als Gemeinschaft, als Pfarrgemeinde und als Kirche müssen wir uns fragen lassen, ob wir zu einem nachhaltigen Handeln beitragen, das unserer Erde und der Menschheit gut tut. Nicht zuletzt Papst Franziskus mit seinem Schreiben „Laudato si’“ supspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​4/span/sup​ und vielen anderen Aufrufen erinnert uns immer wieder daran. Es mag für uns ungewohnt sein und wir tun uns vielfach noch schwer, es mit unserem Glauben in Verbindung zu bringen: Aber es geht uns auch und gerade als Christinnen und Christen etwas an, wie es um unsere Umwelt bestellt ist, wie wir die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft gestalten und wie wir uns um diejenigen Menschen kümmern, die durch wirtschaftliche oder ökologische Probleme unter die Räder zu kommen drohen. Laurentius und andere haben damit angefangen, und es war kein abstrakter und weltfremder, sondern dieser ganz und gar konkrete und greifbare Glaube, den sie mit ihrem Leben bezeugt haben. So kann Laurentius mit seinen Tränen uns auch heute Mahnung und Auftrag sein, dass wir selbst endlich bereit werden für die notwendigen Veränderungen in unserer Welt.&#xA;&#xA;Laurentius und seine Tränen können uns aber auch Hilfe sein, wenn wir uns mit diesem Auftrag manchmal überfordert fühlen; Mutlosigkeit und Resignation sind nämlich keine sinnvolle Antwort auf unsere Probleme. Die Laurentiustränen sind Botschafter aus der unendlichen Weite des Kosmos. Sie bringen uns damit zum einen ins Gedächtnis, wie fein abgestimmt die Gesetze dieses Kosmos sind, die wir heutzutage wissenschaftlich viel besser verstehen als früher. Und sie machen uns zum anderen bewusst, dass wir aller vermeintlichen menschlichen Macht und Größe zum Trotz nur ein kleiner Teil dieses Kosmos sind und von einer größeren Macht über uns abhängen: Wir sind in der Hand Gottes. Eine solche Abhängigkeit macht uns nicht klein, vielmehr bestärkt sie uns: Denn Gott liegen wir mitsamt unserer Welt am Herzen. Die Sternschnuppen sind Zeichen dafür, dass die Freuden und Leiden hier auf Erden sich am Himmel widerspiegeln und dass der Himmel die Kraft hat, alles, was für uns auf Erden schwer und schwierig ist, in etwas Gutes zu verwandeln. Bei aller Mahnung sind die Laurentiustränen daher am Ende doch zurecht ein Glückszeichen. Hinweis auf das Glück, das Gott für uns Menschen will. Gelingen wird dies freilich nur, wenn wir Gottes Angebot auch aufnehmen. Heute wäre ein guter Tag, um damit anzufangen.&#xA;&#xA;Die Pfarrei St. Laurentius in Neustadt an der Donau hatte mich als Prediger zum alljährlichen Pfarrfest eingeladen. Zu diesem Anlass habe ich versucht, das traditionelle Motiv der »Laurentiustränen« mit der aktuellen Sorge um Umwelt und Klima zu verbinden. Ich danke der Pfarrgemeinde für die Einladung sowie Andrea Edenharter und Michael Hauber für den Nachweis einiger Zitate.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Hellbach, Beate: Franziskus to go: Wegweisende Zitate von Papst Franziskus. Berlin : Neues Leben, 2016&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Alexander Gerst [@AstroAlex]. URL https://twitter.com/AstroAlex/status/1026581015853256705. – abgerufen am 2018-08-14. — Twitter&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Experten alarmiert: Tropische Zecke erreicht Deutschland. — tagesschau.de (Meldung von 14.08.2014, online nicht mehr verfügbar)&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Franziskus, Papst: Laudato si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus: Die Umwelt-Enzyklika mit Einführung und Themenschlüssel. Stuttgart : Katholisches Bibelwerk, 2015 — ISBN 978-3460321342&#xA;&#xA;Bild (c) paulista | Shutterstock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/3f/4a/78ec18686dbc2fde3d630efb4b8a.webp" alt="Sternschnuppen"></p>

<h2 id="joh-12-24-26-https-www-bibleserver-com-eu-johannes12-2c24-26-heiliger-laurentius-10-august"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Johannes12%2C24-26">Joh 12,24–26</a>, Heiliger Laurentius (10. August)</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Heilige" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Heilige</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Joh" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Joh</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Lange laue Sommernächte wie im Urlaub in südlichen Ländern konnten wir in den letzten Wochen genießen: draußen sitzen, die angenehme Abendluft spüren, miteinander plaudern und uns unter den Sternen am Himmel ganz leicht und frei fühlen. Nach einer kurzen Abkühlung könnte heute wieder so eine Nacht sein. Wer morgen nicht gleich früh aufstehen muss, kann sich ein Plätzchen mit freier Sicht suchen und dann mit etwas Glück etwas Besonderes am nächtlichen Himmel beobachten: Sternschnuppen. Und weil es regelmäßig um genau die Zeit des Jahres herum, wo wir das Fest des heiligen Laurentius feiern, ungewöhnlich viele Sternschnuppen sind, nennt man dieses Phänomen seit alter Zeit auch die Laurentiustränen. Man bringt diese kleinen glühenden Spuren am Himmel in Verbindung mit dem Martyrium des Laurentius, der in der Glut zu Tode gekommen sein soll und so ein Zeugnis für seinen Glauben abgelegt hat.
</p>

<p>Heute wissen wir, dass die Laurentiustränen von den Trümmern des Kometen Swift-Tuttle verursacht werden, dessen Bahn die Erde seit Jahrtausenden um genau diese Jahreszeit kreuzt. Mit 200.000 Kilometern pro Stunde rasen die winzigen Kometenteile durch die Erdatmosphäre und verglühen in großer Höhe über uns. Weil momentan Neumond ist, gibt es nicht so viel störendes Licht und die Bedingungen, um Sternschnuppen zu sehen, sind sehr günstig. Wer also die Chance hat, diese Nacht einen einigermaßen dunklen Ort zu finden, sollte dies tun. Denn: Wer eine Sternschnuppe sieht, darf sich etwas wünschen.</p>

<p>Auch ohne ganz detaillierte astronomische Kenntnisse hatten die Menschen immer schon die Ahnung, dass die Sternschnuppen von ganz weit her zu uns kommen. Sie legen gewissermaßen Zeugnis ab für die unendliche Weite des Universums, für die riesigen Entfernungen und sein unvorstellbares Alter: Milliarden an Jahren, Milliarden und Abermilliarden an Himmelskörpern, die uns da oben am Firmament leuchten. Wenn uns ein kleines Stück dieser riesigen weiten Welt ganz nahe kommt, uns berührt und einen Augenblick für uns aufleuchtet, dann ist das wie ein Gruß, der uns Menschen an unsere Stellung im Kosmos erinnert. Daran, wie klein und zerbrechlich unsere Welt ist. Daran auch, wie begrenzt unsere menschlichen Möglichkeiten trotz der rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik immer noch sind und wie sehr wir als endliche Wesen abhängig sind, von den Kreisläufen der Natur, die älter und dauerhafter und stärker sind als alles, was wir ins Werk setzen können.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Fragt sich nur, was wir uns denn eigentlich wünschen sollen, wenn uns solch ein Gruß aus dieser größeren und weiteren Welt des Kosmos erreicht. Gerade die ungewöhnlich klaren und heißen Sommernächte, die wir in diesem Jahr seit Wochen erleben, können uns auf mehrfache Weise ein Denkanstoß sein. Sie sind von den unmittelbar positiven Effekten auf unsere Freizeit abgesehen nicht nur ein gutes Zeichen. Dass dieser Sommer einer der wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sein wird, ist beunruhigend. Zumal er sich in eine Folge heißer Sommer einreiht, die hinter uns liegen und von denen wir mit großer Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren noch mehr erleben werden. Diese heißen Sommer sind ein untrüglicher Hinweis auf den von uns Menschen durch unsere Eingriffe in die Natur verursachten Wandel des Klimas, mit dem wir unsere Erde viel mehr zum Glühen bringen, als es die Laurentiustränen jemals vermöchten.</p>

<p>Vielleicht also sollten wir uns mehr Bescheidenheit wünschen, mehr Vorsicht und mehr Rücksichtnahme in unserem Handeln. Mehr Respekt vor der Natur und ihrem unglaublich fein ausbalancierten Gleichgewicht, das sich nur mehr schwer oder gar nicht mehr wieder einspielt, wenn es einmal zerstört ist (vgl. Papst Franziskus: »Gott verzeiht immer, […] die Natur verzeiht nie.« <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>​, S. 9). Was wir momentan mit unserem Lebensstil, der auf Überfluss und Verschwendung ausgerichtet ist, anrichten, wird unabsehbare Folgen haben, nicht nur für die nächsten Jahre, sondern für Jahrhunderte und Jahrtausende. Zum ersten Mal überhaupt greifen wir so sehr in die Prozesse auf unserer Erde ein, dass man das sogar aus dem Weltraum beobachten kann. Alexander Gerst, der deutsche Astronaut, der sich momentan auf der Internationalen Raumstation ISS befindet, hat uns Bilder gesandt, die ihn selbst betroffen gemacht haben, weil man auf ihnen die über weite Landstriche ausgedörrte Erde sehen kann. »Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-Überflügen. Schockierender Anblick.«, schreibt er auf Twitter zu seinen Beobachtungen. »Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.«​ <sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>​</p>

<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/db/1d/26cd148bd816c3982328de12c8e5.webp" alt="Alexander Gerst: Schockierender Anblick"></p>

<p>Was der Astronaut aus der Distanz sieht, das können die Landwirte hier bei uns und anderswo aus nächster Nähe erleben: Die ausgetrockneten Äcker lassen die Feldfrüchte verkümmern, und allein bei uns in Deutschland sind dadurch Schäden in Milliardenhöhe zu erwarten. Ähnlich besorgt sind die Naturschützer: Sie registrieren, wie durch die Veränderungen des Klimas sich auch die Tier- und Pflanzenwelt verändert. Tierarten, die auf eine kühlere und feuchte Umgebung angewiesen sind, ziehen sich zurück, andere wandern aus wärmeren Gegenden zu uns ein und bringen damit nicht nur ein wenig Exotik zu uns, sondern womöglich auch Krankheiten aus den Tropen, auf die wir nicht eingestellt sind (vgl. eine aktuelle Meldung ​<sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>​ auf tagesschau.de).</p>

<p>Die Folgen unseres Handelns spüren nicht nur Pflanzen und Tiere, auch wir Menschen selbst werden davon erfasst. Schon jetzt werden mehr und mehr Landstriche auf unserer Erde unbewohnbar und bieten kaum noch eine ausreichende Lebensgrundlage. Die Verteilungskämpfe um ausreichend Wasser und andere natürliche Ressourcen werden zunehmen. Hunger und Armut und gewaltsame Auseinandersetzungen werden die Folge sein. Ein nicht geringer Teil derjenigen Menschen, die an den europäischen Grenzen an unsere Tür klopfen, ist vor den sich verschlechternden natürlichen Lebensbedingungen in ihrer Heimat geflohen. Und die Zahl der Klimaflüchtlinge wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten weiter wachsen – wahrscheinlich so sehr, dass das, was wir momentan an Flucht und Migration erleben, nur ein kleiner Vorgeschmack ist.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Laurentius hat also in diesen Tagen tatsächlich Tränen zu vergießen. Tränen über unsere Rücksichtslosigkeit, mit der wir die Natur ausbeuten. Über unsere Verantwortungslosigkeit, die uns immer noch nicht die Konsequenzen unseres Tuns bedenken lässt. Über unseren Egoismus in den reichen Industrieländern, mit dem wir uns an unseren Wohlstand und an unsere Verschwendung klammern. Über unsere Verblendung, die uns nicht sehen lässt, wie wir uns selbst die Probleme schaffen, mit denen wir dann irgendwann nicht mehr fertig werden. Das, was die Menschen besonders in den Ländern des Südens aus ihrer Heimat fliehen lässt, wird zu einem nicht geringen Teil von uns in den wohlhabenden Weltgegenden verursacht. Wir blasen die Treibhausgase in die Umwelt, wir ruinieren durch wirtschaftlichen Imperialismus die Märkte anderswo und wir exportieren dann auch noch die Waffen, mit denen die Konflikte in dieser buchstäblich aufgeheizten Atmosphäre geführt werden.</p>

<p>Gerade der Laurentius kann uns darauf aufmerksam machen, dass wir damit nicht nur gegen jede Vernunft verstoßen, sondern auch gegen unseren Auftrag als Christinnen und Christen. Denn Laurentius war der Überlieferung nach in der frühen christlichen Gemeinde einer der Diakone. Und damit war er vor allem zuständig für die praktischen Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen. Er hat sich besonders um die Notleidenden und Bedürftigen gekümmert, wie dies die ersten Christen als eine der wichtigsten Verpflichtungen verstanden haben, die sich aus dem Auftrag und der Frohen Botschaft Jesu ergeben. Christsein lebt aus dem Glauben und aus dem Gebet, aber es spielt sich immer in der ganz konkreten Wirklichkeit ab. Unser Glaube bewährt sich in der Art und Weise, wie wir mit den Herausforderungen umgehen, die das praktische Leben hier und jetzt uns stellt. Daher ist die christliche Urgemeinde eben nicht an Armut und Not ihrer Mitmenschen vorüber gegangen oder hat den Notleidenden einfach empfohlen, ihre Not geduldig und betend zu ertragen. Nein, sie hat eigens Gemeindemitglieder damit beauftragt, anzupacken und die Nöte zu lindern, hat dafür sogar ein eigenes Amt, nämlich das des Diakons, geschaffen.</p>

<p>Heute sind es nicht mehr nur die Diakone, die sich beauftragt wissen sollen, ihren Mitmenschen beizustehen. Vielmehr sind wir alle ganz persönlich aus unserem Glauben heraus in die Verantwortung gerufen. Ich persönlich bin gefordert, meinen Lebensstil kritisch zu befragen. Und als Gemeinschaft, als Pfarrgemeinde und als Kirche müssen wir uns fragen lassen, ob wir zu einem nachhaltigen Handeln beitragen, das unserer Erde und der Menschheit gut tut. Nicht zuletzt Papst Franziskus mit seinem Schreiben „Laudato si’“ <sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>​ und vielen anderen Aufrufen erinnert uns immer wieder daran. Es mag für uns ungewohnt sein und wir tun uns vielfach noch schwer, es mit unserem Glauben in Verbindung zu bringen: Aber es geht uns auch und gerade als Christinnen und Christen etwas an, wie es um unsere Umwelt bestellt ist, wie wir die Rahmenbedingungen in Wirtschaft und Gesellschaft gestalten und wie wir uns um diejenigen Menschen kümmern, die durch wirtschaftliche oder ökologische Probleme unter die Räder zu kommen drohen. Laurentius und andere haben damit angefangen, und es war kein abstrakter und weltfremder, sondern dieser ganz und gar konkrete und greifbare Glaube, den sie mit ihrem Leben bezeugt haben. So kann Laurentius mit seinen Tränen uns auch heute Mahnung und Auftrag sein, dass wir selbst endlich bereit werden für die notwendigen Veränderungen in unserer Welt.</p>

<p>Laurentius und seine Tränen können uns aber auch Hilfe sein, wenn wir uns mit diesem Auftrag manchmal überfordert fühlen; Mutlosigkeit und Resignation sind nämlich keine sinnvolle Antwort auf unsere Probleme. Die Laurentiustränen sind Botschafter aus der unendlichen Weite des Kosmos. Sie bringen uns damit zum einen ins Gedächtnis, wie fein abgestimmt die Gesetze dieses Kosmos sind, die wir heutzutage wissenschaftlich viel besser verstehen als früher. Und sie machen uns zum anderen bewusst, dass wir aller vermeintlichen menschlichen Macht und Größe zum Trotz nur ein kleiner Teil dieses Kosmos sind und von einer größeren Macht über uns abhängen: Wir sind in der Hand Gottes. Eine solche Abhängigkeit macht uns nicht klein, vielmehr bestärkt sie uns: Denn Gott liegen wir mitsamt unserer Welt am Herzen. Die Sternschnuppen sind Zeichen dafür, dass die Freuden und Leiden hier auf Erden sich am Himmel widerspiegeln und dass der Himmel die Kraft hat, alles, was für uns auf Erden schwer und schwierig ist, in etwas Gutes zu verwandeln. Bei aller Mahnung sind die Laurentiustränen daher am Ende doch zurecht ein Glückszeichen. Hinweis auf das Glück, das Gott für uns Menschen will. Gelingen wird dies freilich nur, wenn wir Gottes Angebot auch aufnehmen. Heute wäre ein guter Tag, um damit anzufangen.</p>

<p><em>Die Pfarrei St. Laurentius in Neustadt an der Donau hatte mich als Prediger zum alljährlichen Pfarrfest eingeladen. Zu diesem Anlass habe ich versucht, das traditionelle Motiv der »Laurentiustränen« mit der aktuellen Sorge um Umwelt und Klima zu verbinden. Ich danke der Pfarrgemeinde für die Einladung sowie Andrea Edenharter und Michael Hauber für den Nachweis einiger Zitate.</em></p>

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<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Hellbach, Beate: Franziskus to go: Wegweisende Zitate von Papst Franziskus. Berlin : Neues Leben, 2016</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Alexander Gerst [@Astro<em>Alex]. URL <a href="https://twitter.com/Astro">https://twitter.com/Astro</a></em>Alex/status/1026581015853256705. – abgerufen am 2018-08-14. — Twitter</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Experten alarmiert: Tropische Zecke erreicht Deutschland. — tagesschau.de (Meldung von 14.08.2014, online nicht mehr verfügbar)</p>

<p><sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Franziskus, Papst: Laudato si’. Über die Sorge für das gemeinsame Haus: Die Umwelt-Enzyklika mit Einführung und Themenschlüssel. Stuttgart : Katholisches Bibelwerk, 2015 — ISBN 978-3460321342</p>

<p><em>Bild © paulista | Shutterstock</em></p>

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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <pubDate>Tue, 14 Aug 2018 16:00:00 +0000</pubDate>
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