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    <title>Lk &amp;mdash; Linkskatholisch</title>
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    <pubDate>Sun, 03 May 2026 13:41:41 +0200</pubDate>
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      <title>Warten auf das Leben</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Warten auf das Leben&#xA;&#xA;Lk 24,13-35, Ostermontag&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?&#xA;&#xA;Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.&#xA;&#xA;Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?&#xA;&#xA;Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.&#xA;&#xA;Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.&#xA;&#xA;Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.&#xA;&#xA;Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.&#xA;&#xA;Bild (c) esthermm / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/85/54/efa83da326d15a9ca49f89d318cf.webp" alt="Warten auf das Leben"></p>

<h3 id="lk-24-13-35-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c13-35-ostermontag"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C13-35">Lk 24,13-35</a>, Ostermontag</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist.</p></blockquote>



<p>Was Martin Walser in seinem autobiographisch geprägten Roman »Ein springender Brunnen« <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup> über das Leben sagt, steht als unausgesprochene Frage über vielen Lebensgeschichten: Wann beginnt eigentlich das „richtige“ Leben? »Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde« – vieles von dem, was wir tun, wird uns als Vorbereitung auf das Leben verkauft. Schule, Studium und Ausbildung wirken eher wie ein Probelauf für das richtige Leben. Ich muss Fähigkeiten erwerben, die ich – angeblich – für später brauche. Ich muss mich qualifizieren durch Noten und Leistung. Wofür? Immer mehr empfinden vor allem das Studium und die ersten Berufsjahre so, als müssten sie sich qualifizieren, bevor sie überhaupt ein »richtiges« Leben führen dürften. Und bei vielen geht das dann später immer so weiter. Ziehen wir mal ehrlich Bilanz auf der Grundlage der ganz unterschiedlichen Lebensabschnitte, in denen wir uns befinden. Womit verbringe ich mehr Zeit: mit der Vorbereitung auf das Leben, das ich einmal führen möchte, mit dem Warten darauf – oder mit dem Leben selbst?</p>

<p>Erst muss ich meine Prüfungen bestehen, muss meinen Abschluss schaffen und muss noch ein wenig warten, damit ich dann das richtige Leben genießen kann, das ich mit diesem Studium anstrebe. Erst muss ich mich beruflich etablieren und muss noch ein wenig warten, bis ich wirklich leben kann und mir das gönne, was ich mir unter einem »echten« Leben vorstelle. Erst muss ich für meine Familie und mich eine feste Grundlage schaffen, Geld sparen, ein Haus bauen. Erst muss ich noch ein wenig warten, bevor ich mich entspannen und des Lebens freuen kann. Erst muss ich im Ruhestand sein, muss noch ein wenig warten, um dann die Dinge tun zu können, die ich schon lange tun wollte. Immerzu muss ich noch ein wenig warten, um dann bald, sicher bald! alles so weit vorbereitet zu haben, dass ich »richtig« leben kann.</p>

<p>Wenn ich Glück habe, kann ich in dieser Wartezeit wenigstens schon das ein oder andere Mal eine Vorahnung davon bekommen, wie das wirkliche Leben sein könnte. Aber in vielen Fällen verschiebe ich das Leben nur immer weiter und weiter in eine ferne, unbestimmte Zukunft. Und je weiter ich das Leben aufschiebe, desto stärker bekomme ich es mit der Angst zu tun, dass ich das wahre, echte Leben, auf das es mir so sehr ankommt, nicht mehr erreiche. Je mehr ich das Leben aufschiebe, desto mehr treibt mich die Sorge um, dass meine Vorbereitungen auf das Leben nicht gut genug gewesen sein könnten. Habe ich genug gelernt, genug Fähigkeiten und Qualifikationen erworben, um das Leben bestehen zu können? Habe ich viel genug für mein Auskommen und meine berufliche Stellung getan, um ein festes Fundament für mein Leben zu haben? Habe ich viel genug Zeit mit dem Menschen verbracht, mit dem ich mein Leben teilen möchte, um ihm wirklich vertrauen zu können?</p>

<p>Je länger ich auf das Leben warte, desto mehr trauere ich auch den verpassten Gelegenheiten nach, den vielen Augenblicken, in denen ich vielleicht hätte leben können, es mir aber versagt habe. Auch jenen Momenten unbeschwerten Lebens trauere ich nach, die ich genossen habe, und die viel zu kurz waren, um zu einem »richtigen Leben« zu werden: dem sorglosen Glück der Kinder- und Jugendzeit, den schönen Stunden mit Freunden oder einem lieben Menschen. Vor lauter Angst und Sorge, das richtige Leben könnte an mir vorbeigehen, vor lauter Warten auf den günstigsten Moment, sehe ich überhaupt nicht mehr, dass ich jetzt, in diesem Augenblick, leben könnte. Anstatt in der Gegenwart zu leben und sie zu genießen, lebe ich in der Angst, die aus meiner Vergangenheit kommt, oder in der Sorge um die Zukunft.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>So geht es auch den beiden Jüngern, die von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind. Voller Trauer und Enttäuschung über das Vergangene sind sie, und eine Zukunft sehen sie schon gar nicht mehr. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen sie. Sie hatten wohl gedacht, die Zeit mit Jesus, manchmal wunderbar, manchmal auch anstrengend oder gefährlich, sei nur so etwas wie eine Vorbereitung auf das »richtige« Leben, das erst kommen würde. Dann, wenn Jesus Israel erlösen würde, vielleicht die politische Unterdrückung beseitigen oder zumindest das Elend und die Nöte so vieler Armer, Kranker und Leidender in Freude und Glück verwandeln.</p>

<p>Aber dieses »richtige« Leben wird nicht mehr kommen. Jesus ist tot. Das Warten war vergeblich, hat sich nicht gelohnt. »Wir hatten eine Hoffnung …«, sagen die Jünger. Das heißt, sie haben nie richtig in der Gegenwart gelebt. Als Jesus noch bei ihnen war, lebten sie in der Zukunft, haben nicht begriffen, dass das »richtige« Leben (Jesus nannte es das Reich Gottes) schon jetzt begonnen hatte. Und nach Jesu Tod leben sie nur noch in der Vergangenheit einer Hoffnung, die einmal war.</p>

<p>Und dabei geht doch die Hoffnung, geht das »richtige« Leben mit ihnen, an ihrer Seite. Sie müssten nur die Augen aufmachen, um dieses Leben zu sehen. Echtes, richtiges Leben ist da, ist jetzt, ist in der Gegenwart. Die Gemeinschaft, die Jesus gestiftet hatte, ist jetzt erfahrbar: eine Gemeinschaft, in der für alle genug an Lebensmöglichkeiten da ist, in der ich das Leben teilen kann, ohne dass es weniger wird. Freunde, die mir nahe sein möchten, mit denen ich mich austauschen und verständigen kann, kann ich jetzt begegnen, mich ihnen öffnen und anvertrauen. Menschen, die dankbar sind für meine Hilfe und Anteilnahme, warten jetzt auf mich. Ziele, für die ich mich engagieren kann, die meinem Leben und dem vieler anderer eine Perspektive geben, kann ich mir jetzt setzen.</p>

<p>Den Emmausjüngern wird das klar, als Jesus das Brot mit ihnen bricht. Da gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen, dass das richtige Leben nicht irgendwann einmal war oder erst kommen wird, sondern dass es jetzt und hier stattfindet. Sie spüren das in einem Augenblick der Freude und des Genusses. Könnte es nicht sein, dass auch mir die Augen aufgehen, wenn ich mir etwas gönne, wenn ich Freude jetzt zulasse, und nicht länger darauf warte? – Warten wir nicht länger, dass wir bald einmal leben werden. Fangen wir jetzt zu leben an. Am besten in dieser Stunde, in der Jesus uns das Brot bricht, damit auch unsere Augen aufgehen für das Leben und unser Herz brennt für die Freude, die es jetzt für uns bereithält.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Walser, Martin: Ein springender Brunnen, Frankfurt : Suhrkamp, 1998.</p>

<p><em>Bild © esthermm / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/warten-auf-das-leben</guid>
      <pubDate>Mon, 18 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>The man in the water</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Rettungsring in stürmischer See&#xA;&#xA;Lk 24,1–12, Osternacht C&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.&#xA;!--more--&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.&#xA;&#xA;Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.&#xA;&#xA;Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.&#xA;&#xA;Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.&#xA;&#xA;Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.&#xA;&#xA;Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.&#xA;&#xA;Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des &#34;man in the water&#34; zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.&#xA;&#xA;Bild (c) Romolo Tavani / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/4f/4b/34d011e2a9c91b2a6740c376ae89.webp" alt="Rettungsring in stürmischer See"></p>

<h3 id="lk-24-1-12-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c1-12-osternacht-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C1-12">Lk 24,1–12</a>, Osternacht C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Wir schreiben den 13. Januar 1982; eine Boeing 737 startet unter schwierigen Wetterbedingungen vom Washington International Airport und kollidiert wenig später mit einem hoch aufragenden Brückenpfeiler. Mitten in einem dicht besiedelten Gebiet stürzt das Flugzeug in den zu dieser Jahreszeit eiskalten Potomac River. Einige Passagiere überleben den Absturz und treiben nun zwischen den Trümmern des Flugzeugwracks hilflos im Wasser – ohne Rettungswesten, denn unmittelbar nach dem Start hatte niemand mit so einer Situation gerechnet. Es ist allenfalls eine Frage von Minuten, bis man da die Kraft verliert und untergeht.

Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht und sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen? Es ist ganz unterschiedlich, wie man sich in solcher allerhöchsten Not verhalten kann. Manche verlieren womöglich nach dem ersten Schock den Mut und fügen sich in das Unvermeidliche. Andere wehren sich und versuchen, sich so lange es geht über Wasser zu halten. Und wieder andere gehen vielleicht sogar aufeinander los, kämpfen um den letzten Strohhalm, an dem sie sich festhalten können. Not lehrt beten, sagt das Sprichwort. Vielleicht tun einige das auch, aber nicht immer weckt die Not das Beste in uns Menschen.</p>

<p>Auch wenn wir selbst hoffentlich niemals in derartige Situationen kommen, kennen wir doch Vergleichbares aus dem gesellschaftlichen Zusammenleben oder sogar aus eigener Erfahrung. Dass ich in eine Lage gerate, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, habe ich an Tiefpunkten meines Lebens vermutlich schon einmal erlebt. Da ist jemand in seinem Studium gescheitert, mit seiner ganzen Lebensplanung auf Grund gelaufen. Jemand anderer verliert seine berufliche Existenz und die Lebensgrundlage für sich und seine Familie. In weniger sicheren Gegenden dieser Welt tun sich noch ganz andere Abgründe auf: Menschen geraten zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges oder sind der Gewalt eines totalitären Regimes ausgeliefert, haben Gefängnis und Folter vor Augen. Gerade müssen wir zusehen, wie nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt ganze Städte in Schutt und Asche gebombt werden und die Einwohner, wenn sie denn überleben, buchstäblich vor dem Nichts stehen. Nicht alle resignieren in solchen Situationen, manche kämpfen gegen das Schicksal an, leisten Widerstand gegen Diktaturen oder fliehen zumindest irgendwohin, wo es vielleicht besser ist. Hunderttausende greifen nach dem letzten Strohhalm der Hoffnung und machen sich in kleinen Booten auf einen halsbrecherischen Weg über das Mittelmeer nach Europa.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Im Januar 1982 gestaltet sich die Rettung der Überlebenden des Flugzeugabsturzes äußerst schwierig. Der Besatzung eines Polizeihubschraubers gelingt es schließlich, über der Unglücksstelle eine Rettungsleine auszuwerfen, an der aber immer nur ein im Wasser treibender Passagier hochgezogen werden kann. Die meisten von ihnen sind so entkräftet, dass sie Mühe haben, sich an der Leine festzuhalten. Einer der Überlebenden aber ist besonnen und kräftig genug. Er greift nach der Rettungsleine und reicht sie an den Passagier neben ihm, der vom Hubschrauber ans Ufer geschleppt wird. Der Hubschrauber kehrt zurück und wieder greift dieser im Wasser treibende Mann nach der Leine und reicht sie weiter. Fünfmal geht das so, der Mann greift nach der Leine und reicht sie weiter, um jemand anderen zu retten. Ein weiteres Mal kehrt der Hubschrauber zurück, um auch diesen letzten Überlebenden zu bergen – da hat das Wrack sich gedreht und er ist untergegangen.</p>

<p>Was tun Menschen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht? Wie viele wären wohl mutig und selbstlos genug, erst an alle anderen zu denken und zuletzt an sich selbst, auch dann, wenn dieses Handeln sie ihr Leben kostet? Kaum einer von uns würde sich das wohl einfach so von sich zu behaupten trauen. Und doch ist uns auch solch ein Verhalten vermutlich schon begegnet, wenngleich nicht unbedingt in der dramatischen Zuspitzung wie bei dem »man in the water« inmitten des Potomac. Aber es gibt Menschen, die sich aufzehren in der Fürsorge und Hilfeleistung für andere. In einem sozialen Beruf, als Ärzte und Pflegekräfte, wo sie so aufgehen, dass sie ihr eigenes Wohlergehen und oft auch ihre Gesundheit hintanstellen. Als Hilfskräfte in Krisengebieten oder Entwicklungsländern. Oft auch in der ganz kleinen Welt einer Familie in der Sorge für schwer kranke oder behinderte Angehörige.</p>

<p>Warum tut jemand so etwas? Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen. Ist es doch vernünftig, das eigene Wohl nicht zu vernachlässigen, denn nur, wenn ich mich selbst schütze, kann ich auch andere schützen und ihnen helfen. Sehr wohl kann es Motive für eine maßlose Hilfsbereitschaft geben, die fragwürdig sind. Der Mann in den Fluten des Potomac hat vermutlich gar nicht über die Motive seines Handelns nachgedacht. Er hat keine theoretischen Überlegungen angestellt und auch keinen Ethikrat befragt – dann wären alle tot gewesen. Er hat einfach das Leben ganz ungeheuer geliebt, sicher sein eigenes, aber noch mehr das seiner Mitmenschen. Der Mann hat den Tod nicht gesucht, um damit irgendetwas zu demonstrieren. Er hat sich nur völlig selbst vergessen, aus Solidarität mit den anderen, aus Ehrfurcht vor deren Leben und aus der Bereitschaft, zuerst für die Schwächeren da zu sein.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Und wie war das bei Jesus? Er wurde, so heißt es, gekreuzigt, um uns Menschen damit von unseren Sünden zu erlösen. Hatte Gott solch ein Opfer nötig, brauchte er unbedingt diesen Tod und wollte Jesus ihn? Alles, was wir von Jesus wissen, deutet darauf hin, dass es auch ihm um das Leben ging, nicht um den Tod. Er hat gern gelebt und hat das Leben genossen, die Schönheit der Blumen ebenso wie das Essen und Trinken mit seinen Freunden. Und solch ein schönes und gutes Leben wollte er nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Das war seine Mission, den Menschen zu zeigen: Ein solches Leben ist möglich. Ein Leben ohne Neid und Konkurrenzkampf, ohne Hass und Gier, ohne Machtausübung und Gewalt. Eigentlich ist so ein Leben sogar ganz leicht zu haben. Ich muss nur darauf vertrauen, dass Gott es mit mir und allen anderen Menschen gut meint, dass er uns das Leben gönnt, ohne Unterschied und ohne Vorleistung. Dann kann ich leben, ohne die Angst, zu kurz zu kommen, denn ich weiß: Es ist genug für alle da.</p>

<p>Was so einfach scheint, erzeugt aber Widerstand und Ablehnung. Denn die Lebensweise Jesu stellt eine Bedrohung dar für all jene, die ihr Leben auf den Willen zur Macht gegründet haben, auf die Herrschaft von Menschen über Menschen, auf Privilegien und Besitz. Weil Jesus das Leben liebte und weil er immer mehr Menschen so sehr von dieser Liebe zum Leben begeisterte, musste er beseitigt werden. Jesus wusste, dass er in Gefahr war, aber er ließ sich dadurch nicht beirren. Er machte einfach weiter. Die unbedingte Geborgenheit in Gott, den er seinen liebenden Vater nannte, war seine Rettungsleine – und die gab er weiter und immer wieder weiter, solange er konnte. An alle, die schon mit dem Leben abgeschlossen, keinen Mut und keine Kraft mehr hatten, einfach nicht mehr wollten: die Kranken, für die es keine Heilung zu geben schien; die Armen, denen keiner helfen mochte; die Menschen, die unter Diskriminierung litten und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen waren; die Sünder, die im Grunde verzweifelt waren, weil sie dachten, Gott habe sie aufgegeben. An sie alle hat Jesus unermüdlich die Rettungsleine seiner Frohen Botschaft weitergereicht und sie damit vor dem Untergehen gerettet.</p>

<p>Darum nennt das Osterevangelium Jesus heute »den Lebendigen«, der nicht bei den Toten zu finden ist, sondern auch nach seinem Tod mitten im Leben. Jesus war auf eine einzigartige Weise lebendig und strahlte dieses Leben aus an alle um ihn herum. Wenn wir sagen, Jesus sei auferstanden, dann meinen wir: Seine Lebendigkeit war so groß und intensiv, dass nicht einmal der Tod sie auslöschen konnte. Wer Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft und seiner Art zu leben zuinnerst berührt wurde, der ist überzeugt: Dieses Leben kommt von Gott, dem Ursprung und Grund allen Lebens. Das ist die letzte Rettungsleine, die auch dann hält, wenn alle anderen reißen.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Ich bin nicht Jesus, ich habe nicht seine Kraft, sein Gottvertrauen, seine Lebendigkeit. Bei weitem nicht einmal habe ich den Mut des »man in the water« im Potomac. Ich muss das auch nicht haben, das wäre Anmaßung und Überforderung zugleich. Aber ich kann lernen, das Leben zu lieben, wie Jesus es uns vorgelebt hat. Und ich kann im Rahmen meiner Kräfte anderen auch so eine Rettungsleine zuwerfen. Ich kann jemandem, der alles nur mehr grau in grau sieht, helfen, wieder die bunten Farben der Welt wahrzunehmen, indem ich da bin, Zeit aufbringe, zuhöre. Ich kann jemandem, der alleine nicht mehr zurechtkommt, meine helfende Hand reichen, durch einen wirklich guten Rat oder durch ganz praktische Unterstützung. Ich kann mich für soziale Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Umwelt einsetzen durch ein entsprechendes Engagement und vor allem durch eine Umstellung meiner Lebensweise. Eigentlich ganz schön viele Rettungsleinen, die ich auswerfen kann.</p>

<p>Die Identität des »man in the water« war zunächst unbekannt. Später dann, als man seinen Namen ermittelt hatte, wurde die Brücke, an der sich das Unglück ereignet hatte, in »Arland D. Williams Jr. Memorial Bridge« umbenannt. Wir sind alle schon umbenannt in unserer Taufe. Da haben wir den Namen Jesu Christi bekommen. Ostern wird es für uns, wenn wir anfangen, nach diesem Namen zu leben und aufstehen gegen den Tod.</p>

<hr>

<p><em>Vor vielen Jahren habe ich die Geschichte des “man in the water” zum ersten Mal von meinem theologischen Lehrer in Freiburg, Hansjürgen Verweyen gehört. Es lohnt sich, den Kontext nachzulesen, in dem diese Geschichte bei ihm steht, z. B. in: Verweyen, Hansjürgen, Gottes letztes Wort. Grundriss der Fundamentaltheologie, Regensburg : Pustet, 2002.</em></p>

<p><em>Bild © Romolo Tavani / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/the-man-in-the-water</guid>
      <pubDate>Sun, 17 Apr 2022 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title>Alle Lust will Ewigkeit</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/alle-lust-will-ewigkeit</link>
      <description>&lt;![CDATA[Sanduhr&#xA;&#xA;Lk 1,39–56, Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August)&#xA;&#xA;#Predigt #Heilige #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  O Mensch! Gib acht!&#xA;Was spricht die tiefe Mitternacht?&#xA;»Die Welt ist tief,&#xA;Und tiefer als der Tag gedacht.&#xA;Tief ist ihr Weh –,&#xA;Lust – tiefer noch als Herzeleid:&#xA;Weh spricht: Vergeh!&#xA;Doch alle Lust will Ewigkeit –,&#xA;will tiefe, tiefe Ewigkeit!«&#xA;&#xA;  Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Alle Lust will Ewigkeit. Das hat Friedrich Nietzsche, aus dessen »Zarathustra« diese Zeilen entnommen sind, ganz richtig gesehen. Wir wollen es nicht akzeptieren, dass das Schöne in unserem Leben, all die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die uns das Leben genießen lassen, all die heiteren und frohen Stunden, die tröstenden und ermutigenden Begegnungen, einfach ins Nichts sinken.&#xA;&#xA;Nietzsche warnte vor der Heraufkunft des Nihilismus, vor einer Lebensweise und Lebenseinstellung, die die tiefe Lust und Freude am Leben preisgibt und dem Nichts überantwortet. Er sah diesen Nihilismus kommen durch den Verfall derjenigen Werte, an denen sich die Menschheit bisher festgehalten hatte: Autoritäten, denen blinde Gefolgschaft geleistet wurde, die sich aber als hohl und unfähig erwiesen, Staatsgebilde, die keinem Sinn verpflichtet waren, außer der eigenen Bestandserhaltung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die Lebensfreude nicht fördert, sondern erstickt. Das alles ist nihilistisch, weil es das Leben verneint, anstatt es zu bejahen. Heute würde Nietzsche womöglich in unserer durch und durch von der Ökonomie beherrschten Welt die Vollendung des Nihilismus sehen: Alles, was es gibt, nicht nur Wohlstand und materielle Güter, sondern auch die Natur, Gesundheit, Bildung und Freundschaft, kann man in Geld umrechnen und damit die Frage verbinden: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem gleichen Wertmaßstab messen, hat keinen eigenen Wert – und ist am Ende darum gar nichts wert. Einfach nichts.&#xA;&#xA;Auch das Christentum war für Nietzsche solch ein Stück Nihilismus: Nicht nur zeigt die Kirche alle Merkmale nihilistischer Organisationen in ihrem Verlangen nach unbedingter Gefolgschaft und ihrem kompromisslosen Streben nach dem eigenen Machterhalt – was durch die Missbrauchskrise auf bittere Weise ans Licht getreten ist. Der christliche Glaube selbst scheint all das, was wir handfest als schön und genussvoll erfahren können, dem Untergang weihen zu wollen. Wir werden dazu angehalten, die sogenannten »irdischen Freuden« preiszugeben um des höheren Gutes des Himmels willen. Für dieses abstrakte und vage Versprechen eines besseren Jenseits wird das Hier und Jetzt, das wirklich und leibhaftig Schöne und Gute geopfert.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Gegen den Nihilismus – dagegen, dass die Schönheit des Lebens und die Freude daran nichts mehr wert sind – setzt Nietzsche sein großes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedanke der ewigen Wiederkehr: Nichts vergeht, sondern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wieder. Aktuell stehen technologische und medizinische Visionen hoch im Kurs, die das menschliche Leben nicht nur in nie gekannter Weise auf Jahrhunderte verlängern supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup​, sondern auch den menschlichen Körper durch Implantate oder genetische Veränderungen verbessern wollen. Diese transhumanistischen Bewegungen finden sogar ein Echo in Teilen der Theologie, die darin eine Erfüllung der menschlichen Ewigkeitshoffnung erblicken will ​supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup​. Damit könnte Nietzsches Traum einer ewigen Bejahung dieses Lebens tatsächlich möglich werden.&#xA;&#xA;Aber wäre das wirklich besser? Wenn es mit uns ewig so auf Erden weiterginge, hunderte oder tausende von Jahren und wieder und wieder, dann wären wir auf immer und ewig gefangen in diesem irdischen Dasein ohne Aussicht auf Entrinnen – gefangen in unserer Unwissenheit, gefangen in den Grenzen unserer Vorstellungskraft, in den Grenzen unserer Fähigkeit zu handeln, ja sogar zu lieben. Als wahre Horrorvision schildert dies die Episode »Todessehnsucht« der Science Fiction-Serie »Star Trek: Raumschiff Voyager«; dort bittet ein Angehöriger der Q, die innerhalb des endlichen Universums quasi-allmächtig und unsterblich sind, um Asyl auf der Voyager, weil er das unendliche Immer-Weiter-So nicht mehr ertragen kann und daher freiwillig aus dem Leben scheiden möchte ​supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup​.&#xA;&#xA;Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkunden, nicht alles fühlen, nicht alles kennenlernen, nicht alles erleben, was es auf dieser Welt gibt. Nur einen winzig kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit können wir erfahren, und die Älteren unter uns wissen es: Je länger wir leben, desto mehr werden uns auch unsere Grenzen bewusst. Alle Lust will Ewigkeit, aber sie will auch Unendlichkeit, will die Aufhebung und Überwindung unserer menschlichen Begrenztheit. Dagegen ist die Vorstellung von einem wie auch immer schönen Leben, das ewig auf dieser Erde weiterginge, eine »schlechte Unendlichkeit«. Treffend bringt dies G.W.F. Hegel in seiner »Wissenschaft der Logik« auf den Punkt: »Diese schlechte Unendlichkeit …] ist zwar die Negation des Endlichen, aber sie vermag sich nicht in Wahrheit davon zu befreien; dies tritt an ihr selbst wieder hervor, als ihr Anderes, weil dies Unendliche nur ist als in Beziehung auf das ihm andere Endliche. Der Progreß ins Unendliche ist daher nur die sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen.« supspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​[4/span/sup​&#xA;&#xA;Schlecht ist diese Form der Unendlichkeit deswegen, weil sie uns Menschen keine Perspektive gibt auf ein Leben, das über unsere Grenzen hinausweist, auf ein Leben, das nur die Berührung mit einer ganz anderen Wirklichkeit und die Gemeinschaft mit demjenigen uns gewähren könnte, den wir Gott nennen.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Davon, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Lust am Leben, spricht das Fest des heutigen Tages. Maria, so heißt es da, ein Mensch, der stellvertretend steht für alle Menschen, wurde aufgenommen in den Himmel. Das also ist nach christlicher Überzeugung unsere Zukunft und unsere Perspektive, nicht die schlechte Unendlichkeit des Immer-Weiter-So auf dieser Erde, sondern die wirkliche Unendlichkeit, geschenkt durch die unendlichen und unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. »Himmel« ist dabei natürlich kein Ort irgendwo über den Wolken oder in den Weiten des Universums, sondern dieses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht ausmalen können: für den lebendigen Gott und das Leben mit ihm, das uns versprochen ist. Deshalb feiern wir diesen Tag der Aufnahme Marias in den Himmel, weil wir heute daran denken, dass Gott an einem Menschen das vorweggenommen hat, was uns allen zugesagt ist: Ein Leben, in dem die Grenzen des Verstehens aufgehoben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen anderen Wesen verbunden fühlen, in dem uns die unendliche Vielfalt und die jetzt oft noch verstörende Fremdheit der anderen keine Schwierigkeiten mehr bereitet, sondern froh und glücklich macht. Ein Leben, in dem es keinen Streit und keine Verletzungen mehr gibt, sondern Versöhnung und Frieden. Wir ahnen es: Das wäre das wahre Leben, die wirkliche Unendlichkeit, nicht die schlechte des Immer-Weiter-So.&#xA;&#xA;Dieses große Ja zum Leben, das unser Glaube am heutigen Festtag sagt, beinhaltet aber ganz wesentlich noch etwas Weiteres: ein Ja zu unserem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist nämlich allein unser Leib, der uns in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu allen anderen lebendigen Wesen auf diesem Planeten. Wir können uns das leicht klarmachen durch ein Gedankenexperiment: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden ganz schnell merken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch –, sie alle zusammen formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken, egal ob im Himmel oder auf Erden.&#xA;&#xA;IV&#xA;Von dieser Warte aus betrachtet wird es verständlich, dass das Festgeheimnis des heutigen Tages darauf besteht: Wir feiern die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. In diesem Bildwort kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen eine untrennbare Ganzheit sind, bei der Leib und Seele zusammengehören. Das, was wir »Seele« nennen – der innerste Kern unseres Wesens – ist nicht zu trennen von unserer konkreten, ganz einmaligen Geschichte, die wir mit unserm Leib erfahren. Und darum sind wir auch zur Gemeinschaft mit Gott nicht als reine, makellose Seelen oder Geister berufen, von aller Erdenschwere befreit – sondern als ganze Menschen, mit Seele und Leib. Jedes noch so kleine und unbedeutende Detail unserer Lebensgeschichte gehört in die »Ewigkeit«, auf die wir hoffen, mit hinein, jede Erfahrung und jedes Erlebnis, sei es freudig oder schmerzvoll.&#xA;&#xA;Natürlich hat es nicht viel Sinn, sich auszudenken, wie das genau sein könnte. Auch der Gedanke des heutigen Festtages von der leiblichen Aufnahme Marias zu Gott ist ein menschliches Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Beispiel des Lebens Marias sagen möchte, was im Tiefsten und Letzten für uns alle gilt: Die Fülle des Lebens in Gott liegt nicht in einem weltfernen Geisterreich, sondern es ist eine Fülle, in der unsere eigene Geschichte, unser eigenes Leben unverzichtbar mit dazugehören. Und dieses Bild der Lebensfreude hat die Frömmigkeit gerade bei Maria in den buntesten Farben gemalt: Mit der Schönheit der Welt, der Natur, der Blumen ist sie umgeben, und selbst ist sie als eine schöne Frau dargestellt, die – wie die Kunst es uns zeigt – ihrem Sohn mit Zärtlichkeit verbunden ist. Man kann sich vorstellen, dass sie gerne gelebt hat.&#xA;&#xA;Alle Lust will Ewigkeit? Ganz sicher. Darin sind Nietzsche und unser christlicher Glaube sich einig (auch wenn die Christen das oft vergessen haben und die Kirche sich lange, teilweise bis heute, als eine Institution gebärdet, die die Lust am Leben verderben möchte). Der heutige Tag sagt uns: Unsere Lebenslust will diese Ewigkeit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Bahnsen, Ulrich: Forscher wollen das Altern besiegt haben. URL https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy. – abgerufen am 2019-08-16. — ZEIT Online&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Göcke, Paul Benedikt: Christian Cyborgs: A Plea For a Moderate Transhumanism. In: Faith And Philosophy Bd. 34 (2017), Nr. 3&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Todessehnsucht. URL https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht. – abgerufen am 2019-08-16. — Memory Alpha&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein [1832]. Hamburg : Meiner, 1990&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/b5/db/a49697f2ce5eed553df7a2ca41c0.webp" alt="Sanduhr"></p>

<h2 id="lk-1-39-56-https-www-bibleserver-com-eu-lukas1-2c39-56-fest-der-aufnahme-marias-in-den-himmel-15-august"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas1%2C39-56">Lk 1,39–56</a>, Fest der Aufnahme Marias in den Himmel (15. August)</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Heilige" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Heilige</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh –,
Lust – tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit –,
will tiefe, tiefe Ewigkeit!«</p>

<p>Friedrich Nietzsche, Das trunkne Lied, aus: Also sprach Zarathustra. Vierter und letzter Teil</p></blockquote>



<p>Alle Lust will Ewigkeit. Das hat Friedrich Nietzsche, aus dessen »Zarathustra« diese Zeilen entnommen sind, ganz richtig gesehen. Wir wollen es nicht akzeptieren, dass das Schöne in unserem Leben, all die vielen Erlebnisse und Erfahrungen, die uns das Leben genießen lassen, all die heiteren und frohen Stunden, die tröstenden und ermutigenden Begegnungen, einfach ins Nichts sinken.</p>

<p>Nietzsche warnte vor der Heraufkunft des Nihilismus, vor einer Lebensweise und Lebenseinstellung, die die tiefe Lust und Freude am Leben preisgibt und dem Nichts überantwortet. Er sah diesen Nihilismus kommen durch den Verfall derjenigen Werte, an denen sich die Menschheit bisher festgehalten hatte: Autoritäten, denen blinde Gefolgschaft geleistet wurde, die sich aber als hohl und unfähig erwiesen, Staatsgebilde, die keinem Sinn verpflichtet waren, außer der eigenen Bestandserhaltung, eine Moral, die nichts als Lüge war und die Lebensfreude nicht fördert, sondern erstickt. Das alles ist nihilistisch, weil es das Leben verneint, anstatt es zu bejahen. Heute würde Nietzsche womöglich in unserer durch und durch von der Ökonomie beherrschten Welt die Vollendung des Nihilismus sehen: Alles, was es gibt, nicht nur Wohlstand und materielle Güter, sondern auch die Natur, Gesundheit, Bildung und Freundschaft, kann man in Geld umrechnen und damit die Frage verbinden: Was bringt mir das? Was ist es wert? Alles lässt sich nach dem gleichen Wertmaßstab messen, hat keinen eigenen Wert – und ist am Ende darum gar nichts wert. Einfach nichts.</p>

<p>Auch das Christentum war für Nietzsche solch ein Stück Nihilismus: Nicht nur zeigt die Kirche alle Merkmale nihilistischer Organisationen in ihrem Verlangen nach unbedingter Gefolgschaft und ihrem kompromisslosen Streben nach dem eigenen Machterhalt – was durch die Missbrauchskrise auf bittere Weise ans Licht getreten ist. Der christliche Glaube selbst scheint all das, was wir handfest als schön und genussvoll erfahren können, dem Untergang weihen zu wollen. Wir werden dazu angehalten, die sogenannten »irdischen Freuden« preiszugeben um des höheren Gutes des Himmels willen. Für dieses abstrakte und vage Versprechen eines besseren Jenseits wird das Hier und Jetzt, das wirklich und leibhaftig Schöne und Gute geopfert.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Gegen den Nihilismus – dagegen, dass die Schönheit des Lebens und die Freude daran nichts mehr wert sind – setzt Nietzsche sein großes Ja zum Leben. Das war für ihn der Gedanke der ewigen Wiederkehr: Nichts vergeht, sondern alles, was ist und was geschieht, kommt immer aufs Neue wieder. Aktuell stehen technologische und medizinische Visionen hoch im Kurs, die das menschliche Leben nicht nur in nie gekannter Weise auf Jahrhunderte verlängern <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>​, sondern auch den menschlichen Körper durch Implantate oder genetische Veränderungen verbessern wollen. Diese transhumanistischen Bewegungen finden sogar ein Echo in Teilen der Theologie, die darin eine Erfüllung der menschlichen Ewigkeitshoffnung erblicken will ​<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>​. Damit könnte Nietzsches Traum einer ewigen Bejahung dieses Lebens tatsächlich möglich werden.</p>

<p>Aber wäre das wirklich besser? Wenn es mit uns ewig so auf Erden weiterginge, hunderte oder tausende von Jahren und wieder und wieder, dann wären wir auf immer und ewig gefangen in diesem irdischen Dasein ohne Aussicht auf Entrinnen – gefangen in unserer Unwissenheit, gefangen in den Grenzen unserer Vorstellungskraft, in den Grenzen unserer Fähigkeit zu handeln, ja sogar zu lieben. Als wahre Horrorvision schildert dies die Episode »Todessehnsucht« der Science Fiction-Serie »Star Trek: Raumschiff Voyager«; dort bittet ein Angehöriger der Q, die innerhalb des endlichen Universums quasi-allmächtig und unsterblich sind, um Asyl auf der Voyager, weil er das unendliche Immer-Weiter-So nicht mehr ertragen kann und daher freiwillig aus dem Leben scheiden möchte ​<sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>​.</p>

<p>Mag unser Herz noch so groß und weit sein, es kann nicht alles erkunden, nicht alles fühlen, nicht alles kennenlernen, nicht alles erleben, was es auf dieser Welt gibt. Nur einen winzig kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit können wir erfahren, und die Älteren unter uns wissen es: Je länger wir leben, desto mehr werden uns auch unsere Grenzen bewusst. Alle Lust will Ewigkeit, aber sie will auch Unendlichkeit, will die Aufhebung und Überwindung unserer menschlichen Begrenztheit. Dagegen ist die Vorstellung von einem wie auch immer schönen Leben, das ewig auf dieser Erde weiterginge, eine »schlechte Unendlichkeit«. Treffend bringt dies G.W.F. Hegel in seiner »Wissenschaft der Logik« auf den Punkt: »Diese schlechte Unendlichkeit […] ist zwar die Negation des Endlichen, aber sie vermag sich nicht in Wahrheit davon zu befreien; dies tritt an ihr selbst wieder hervor, als ihr Anderes, weil dies Unendliche nur ist als in Beziehung auf das ihm andere Endliche. Der Progreß ins Unendliche ist daher nur die sich wiederholende Einerleiheit, eine und dieselbe langweilige Abwechslung dieses Endlichen und Unendlichen.« <sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>​</p>

<p>Schlecht ist diese Form der Unendlichkeit deswegen, weil sie uns Menschen keine Perspektive gibt auf ein Leben, das über unsere Grenzen hinausweist, auf ein Leben, das nur die Berührung mit einer ganz anderen Wirklichkeit und die Gemeinschaft mit demjenigen uns gewähren könnte, den wir Gott nennen.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Davon, von der Ewigkeit und Unendlichkeit der Lust am Leben, spricht das Fest des heutigen Tages. Maria, so heißt es da, ein Mensch, der stellvertretend steht für alle Menschen, wurde aufgenommen in den Himmel. Das also ist nach christlicher Überzeugung unsere Zukunft und unsere Perspektive, nicht die schlechte Unendlichkeit des Immer-Weiter-So auf dieser Erde, sondern die wirkliche Unendlichkeit, geschenkt durch die unendlichen und unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. »Himmel« ist dabei natürlich kein Ort irgendwo über den Wolken oder in den Weiten des Universums, sondern dieses Wort ist ein Bild für etwas, was wir uns nicht ausmalen können: für den lebendigen Gott und das Leben mit ihm, das uns versprochen ist. Deshalb feiern wir diesen Tag der Aufnahme Marias in den Himmel, weil wir heute daran denken, dass Gott an einem Menschen das vorweggenommen hat, was uns allen zugesagt ist: Ein Leben, in dem die Grenzen des Verstehens aufgehoben sind, in dem sich uns der Sinn von allem erschließt. Ein Leben, in dem wir uns mit allen anderen Wesen verbunden fühlen, in dem uns die unendliche Vielfalt und die jetzt oft noch verstörende Fremdheit der anderen keine Schwierigkeiten mehr bereitet, sondern froh und glücklich macht. Ein Leben, in dem es keinen Streit und keine Verletzungen mehr gibt, sondern Versöhnung und Frieden. Wir ahnen es: Das wäre das wahre Leben, die wirkliche Unendlichkeit, nicht die schlechte des Immer-Weiter-So.</p>

<p>Dieses große Ja zum Leben, das unser Glaube am heutigen Festtag sagt, beinhaltet aber ganz wesentlich noch etwas Weiteres: ein Ja zu unserem Leib. Denn ohne den Leib geht es nicht. Es ist nämlich allein unser Leib, der uns in Beziehung sein lässt zu unseren Mitmenschen und zu allen anderen lebendigen Wesen auf diesem Planeten. Wir können uns das leicht klarmachen durch ein Gedankenexperiment: Denken wir uns doch einfach einmal alle Möglichkeiten, die unser Leib uns verleiht, ganz radikal weg und fragen wir, was dann übrig bleibt. Wir werden ganz schnell merken: nichts. Gar nichts. Das Gesicht und die Gestalt eines lieben Menschen nehmen wir mit unseren Augen wahr, die vertraute Stimme mit unserem Gehör. Auch die anderen Sinne – Berührung, Geschmack, Geruch –, sie alle zusammen formen unser Bild der Welt so tief und unauslöschlich, dass wir ohne sie, ohne unseren Leib, keinen einzigen Gedanken fassen könnten, schon gar keinen gescheiten oder frommen. Wir haben überhaupt keine Ahnung, was ein Leben ohne Leib sein könnte, wir könnten so etwas nicht in Worte fassen, weder sagen noch denken, egal ob im Himmel oder auf Erden.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Von dieser Warte aus betrachtet wird es verständlich, dass das Festgeheimnis des heutigen Tages darauf besteht: Wir feiern die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel. In diesem Bildwort kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen eine untrennbare Ganzheit sind, bei der Leib und Seele zusammengehören. Das, was wir »Seele« nennen – der innerste Kern unseres Wesens – ist nicht zu trennen von unserer konkreten, ganz einmaligen Geschichte, die wir mit unserm Leib erfahren. Und darum sind wir auch zur Gemeinschaft mit Gott nicht als reine, makellose Seelen oder Geister berufen, von aller Erdenschwere befreit – sondern als ganze Menschen, mit Seele und Leib. Jedes noch so kleine und unbedeutende Detail unserer Lebensgeschichte gehört in die »Ewigkeit«, auf die wir hoffen, mit hinein, jede Erfahrung und jedes Erlebnis, sei es freudig oder schmerzvoll.</p>

<p>Natürlich hat es nicht viel Sinn, sich auszudenken, wie das genau sein könnte. Auch der Gedanke des heutigen Festtages von der leiblichen Aufnahme Marias zu Gott ist ein menschliches Bild. Aber es ist ein Bild, das uns am Beispiel des Lebens Marias sagen möchte, was im Tiefsten und Letzten für uns alle gilt: Die Fülle des Lebens in Gott liegt nicht in einem weltfernen Geisterreich, sondern es ist eine Fülle, in der unsere eigene Geschichte, unser eigenes Leben unverzichtbar mit dazugehören. Und dieses Bild der Lebensfreude hat die Frömmigkeit gerade bei Maria in den buntesten Farben gemalt: Mit der Schönheit der Welt, der Natur, der Blumen ist sie umgeben, und selbst ist sie als eine schöne Frau dargestellt, die – wie die Kunst es uns zeigt – ihrem Sohn mit Zärtlichkeit verbunden ist. Man kann sich vorstellen, dass sie gerne gelebt hat.</p>

<p>Alle Lust will Ewigkeit? Ganz sicher. Darin sind Nietzsche und unser christlicher Glaube sich einig (auch wenn die Christen das oft vergessen haben und die Kirche sich lange, teilweise bis heute, als eine Institution gebärdet, die die Lust am Leben verderben möchte). Der heutige Tag sagt uns: Unsere Lebenslust will diese Ewigkeit nicht nur, sie bekommt sie auch. Von Gott geschenkt, so wie Maria einst wir alle.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Bahnsen, Ulrich: Forscher wollen das Altern besiegt haben. URL <a href="https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy">https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-07/verjuengung-biologie-trim-studie-gregory-fahy</a>. – abgerufen am 2019-08-16. — ZEIT Online</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Göcke, Paul Benedikt: Christian Cyborgs: A Plea For a Moderate Transhumanism. In: Faith And Philosophy Bd. 34 (2017), Nr. 3</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Todessehnsucht. URL <a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht">https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Todessehnsucht</a>. – abgerufen am 2019-08-16. — Memory Alpha</p>

<p><sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Hegel, G.W.F. ; Gawoll, H.-J. (Hrsg.): Wissenschaft der Logik. Die Lehre vom Sein [1832]. Hamburg : Meiner, 1990</p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/alle-lust-will-ewigkeit</guid>
      <pubDate>Thu, 15 Aug 2019 16:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Nicht hier. Ostern in der Spur des abwesenden Gottes</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/nicht-hier</link>
      <description>&lt;![CDATA[Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris&#xA;&#xA;Lk 24,1-12, Osternacht C&#xA;&#xA;#Predigt #Ostern #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Aus dem Dachstuhl von Notre-Dame in Paris schlägt lichterloh das Feuer. Eine Zeitlang ist nicht klar, ob diese Kirche gerettet werden kann. Erschütterung bricht sich auch in ganz und gar weltlichen Beobachtern des Geschehens ihre Bahn: Beinahe, so heißt es, wären das »Herz und die Seele« einer Nation, ja ganz Europas, in Schutt und Asche gelegen. Schon ist von einer notwendigen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln die Rede, und sogar davon, dass die säkulare Kultur durch den Verlust des Glaubens diese Katastrophe irgendwie mit verschuldet hätte supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup. Jetzt habe man es buchstäblich vor Augen, wie mit dem Glauben auch die eigene Identität verloren ginge.&#xA;&#xA;Wenn das die Konsequenz aus dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame sein sollte, dann wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre ein Raub der Flammen geworden, so sehr es mir bitter leid getan hätte um dieses unersetzliche Zeugnis europäischer Geschichte und Kultur.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Aber noch schlimmer als ein solcher Verlust wäre es, wenn wir Gott identifizieren würden mit der mystischen Aura eines Bauwerks, mit dem Stolz auf eine große Geschichte oder gar mit der Macht, die durch solche symbolischen Repräsentationen des Göttlichen ausgeübt wird. Gehört doch das, wonach manche sich jetzt offenbar wieder so sehr sehnen, eben zu den Gründen, warum der Glaube nicht erst in den Flammen von Notre-Dame verbrannt ist, sondern schon lange vorher in den Herzen so vieler Menschen zu Asche wurde. Als identitätsstiftender Faktor hat der Glaube zweifellos eine über Jahrhunderte bis hinein in unsere Gegenwart äußerst stabile Ordnung etabliert. Eine Ordnung, die Sicherheit gab, aber auch ganz genau bestimmte, wie man zu leben hatte; die festlegte, welche Lebensweisen und Lebensformen erlaubt waren und welche als »unnatürlich« galten oder als »gegen die Ordnung des Schöpfers gerichtet« (wie es manchmal immer noch heißt). Das Wort »in Stein gemeißelt« bekommt hier einen fatalen Doppelsinn. So stand und steht der Name »Gott« nicht nur für unendliche Hoffnungen nach immerwährendem Glück und unvergänglichem Leben, sondern auch für namenlosen Schrecken, für Hölle und Verdammnis und für die Auslöschung aller, die nicht an ihn glauben oder nicht so an ihn glauben wie jene, die in Gottes Namen die Macht ausüben. Denn diejenigen, die das Wissen über Gott beanspruchen und behaupten, seinen Willen zu kennen, haben damit auch die Macht über alle anderen, die nicht in dieser privilegierten Position sind. Eine Macht, die sich bis hin zu Ausbeutung und Missbrauch steigern kann und deren Mechanismen in unserer Gegenwart auf erschreckende Weise offenbar geworden sind.&#xA;&#xA;Der Gott, der Sicherheit und Hoffnung geben sollte, hat sich als grausam entpuppt und als einer, dem die leidenden Menschen egal sind. So wurde die Hoffnung zum Schrecken. Bis irgendwann die Ahnung aufkeimte, dass es diesen Gott so nicht gibt, dass er unser eigenes Konstrukt ist, ein Name bloß für unsere Wünsche und Ängste und ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Diese Einsicht hat Gott bei vielen Menschen nicht überlebt. Und ich muss sagen: Ich bin wirklich froh, dass er tot ist. Ich wünsche mir nicht, dass dieses Bild von Gott aus der Asche von Notre-Dame oder anderswo wieder aufersteht. Ich bin froh, dass dieser Gott gestorben ist, diese Vorstellung, die mit so vielen menschlichen Fantasien besetzt war. Fantasien, die der Herrschaft über Menschen dienten, aber nicht zuletzt auch der Herrschaft über Gott; die Gott zum Objekt gemacht haben, zum Gegenstand, den man für die eigenen Interessen und gegen die Interessen anderer trefflich verwenden kann. Da, wo man diesen Gott noch antrifft, ist er längst entlarvt: als ein in den Himmel erhobener Patriarch, als gesellschaftliches Über-Ich, als Relikt einer verklemmten und lebensfeindlichen Moral. Angebetet nur mehr von denen, die partout nicht erwachsen werden wollen, ist er zum Gespenst geworden.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Jesus hingegen ist kein Gespenst, nicht als Toter und als Auferstandener erst recht nicht. Er spukt nirgendwo herum; er ist gegangen, ist weg, »nicht hier«, wie die Männer in leuchtenden Gewändern zu den Frauen sagen, die am Morgen des dritten Tages das Grab besuchen. Nicht erst in unseren Tagen, schon mit Jesus ist der Gespenster-Gott gestorben. Gestorben ist der Gott, der immer schon alles weiß und in unveränderliche, versteinerte Regeln gegossen hat, sodass es im Grunde keine Entwicklung mehr geben kann; gestorben ist der Gott, der seinen Jüngern die Sicherheit gibt, dass sie immer alles richtig machen, wenn sie ihm nur blind folgen. Gestorben ist der Gott, der alles kann, der Herrscher und König ist, unangreifbar und unbesiegbar; gestorben ist der Wille zur Macht, der seinen Jüngern Anteil gibt an der Macht. Gestorben ist der Gott, der dingfest zu machen ist, dessen Eigenschaften festgelegt sind, bekannt und analysiert durch die Dogmatik und das Lehramt der Kirche, durch den seine Jünger selbst zu Göttern werden, weil sie ihren Gott in der Hand haben.&#xA;&#xA;Von diesem gestorbenen Gott bleibt auch keine Leerstelle. Nichts, was man vermissen würde, jenseits oberflächlicher Identitätspolitik und regressiver Ordnungsvorstellungen. Jesus hingegen hinterlässt sehr wohl eine solche Leerstelle. Er ist, um es noch einmal mit den Worten des Evangeliums zu sagen, »nicht hier«. Und diese Leerstelle ist wesentlich für die Art und Weise, in der Jesus für Gott Zeugnis ablegen wollte – in seinem Leben bis hinein in seinen Tod. Darum wird Jesus auch nach intensiver Suche nicht gefunden; selbst Petrus bleibt verwirrt am Grab zurück.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Was also ist geblieben von diesem seltsamen Gott, der sich in Jesus kreuzigen ließ und sterben wollte? Geblieben ist seine Spur, geblieben ist seine Abwesenheit. Der Gott Jesu von Nazaret ist ein abwesender Gott; einer, der »nicht hier« ist. Damit ist nicht nur ein bestimmter Ort gemeint, es ist jeder Ort, der fest bezeichnet werden könnte. Gott ist nirgendwo »hier«, er ist da nicht und da nicht und da nicht. So war Gott schon immer: Er war immer ein abwesender Gott, der nur im Vorübergang erfahren werden konnte. Das hat Jesus durch sein Leben und Sterben offenbar gemacht; deshalb heißt es von ihm, an ihm habe sich die Schrift erfüllt. Gott ist der »ich-bin-da«; aber er ist da als Abwesender: als Namenloser, Bildloser, Gestaltloser, als Feuer- und Wolkensäule, als Regenbogen, als Windhauch, der an Elija vorüberzieht; als Schatten, der dem Mose nur den Rücken zeigt supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup.&#xA;&#xA;Diese Abwesenheit Gottes macht Angst und verwirrt. Die Frauen freuen sich nicht am leeren Grab, sie erschrecken, und Petrus ist verwundert: θαυμάζων heißt es im Griechischen, das ist ein Gefühl der Bestürzung, in der sich das Alltägliche zum Geheimnis verwandelt. Wenn diese Tage vom Gründonnerstag über den Karfreitag und die Nacht des Karsamstags hin auf den Ostermorgen uns etwas zeigen, dann dies: Nur als Abwesender und Unverfügbarer kann Gott wirklich Gott sein für uns.&#xA;&#xA;Vor gut 700 Jahren, im Herbst 1293, als die Kathedrale von Notre-Dame als bildliche Vergegenwärtigung des Göttlichen gerade in der Mitte ihrer Bauphase stand, beginnt ein junger Dominikanermönch seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität. Während er sieht, wie das Haus Gottes auf Erden immer kunstvoller ausgebaut wird, setzt er dazu einen Gegenakzent. Es ist der Philosoph und Mystiker Meister Eckhart, der ganz gezielt diese Leerstelle in den Blick nimmt, mit der das leere Grab Jesu wie vielleicht nichts sonst auf Gottes Wesen verweist:&#xA;&#xA;  Das höchste und das nächste, das der Mensch lassen mag, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse.&#xA;&#xA;  Meister Eckhart, DW I, 196, 6-7&#xA;&#xA;Gott um Gottes willen lassen – damit ist auch das Geheimnis von Ostern auf den Punkt gebracht: Gottes Abwesenheit schafft einen Raum. Der Gespenster-Gott, der Macht-Gott, der dingfeste Gott, mit dem ich hantieren und über andere herrschen kann, der mich selbst beherrscht, ist weg; ich habe ihn »gelassen«. Sein Platz wird von niemandem mehr eingenommen. Während wir Gott gerne in geschlossene Denkgebäude und Räume bannen wollen supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup, in Steine und Kirchen und Dogmen, ist der Gott Jesu von Nazaret ein flüchtig-vorübergehender. Erst in der Abwesenheit eines greifbaren und von Menschen klein gemachten Gottes entsteht Raum für die Spur, die auf den immer größeren Gott hinweist. Er ist »nicht hier«. Nur einen Gott, der nicht »hier« ist, kann ich suchen supspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​4/span/sup. Nur ein Gott, der nicht »hier« ist, treibt mich an, dass ich über mich, über die Grenzen meines Wissens und Könnens, über die Grenzen meiner Erfahrung und sogar meines Denkens hinausgehe. Um Gottes willen lasse ich Gott – um seiner Spur zu folgen.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Aber wo hat sie sich eingezeichnet, diese Spur des abwesenden Gottes? Einige der Spuren haben wir schon gefunden. Im Erschrecken der Frauen entdecken wir eine solche Spur: Sie machen die Erfahrung, dass Gott nicht harmlos ist, dass er beunruhigt, Fragen aufreißt, Leerstellen lässt. Eine andere Spur zeigt sich in der Verwunderung des Petrus: Er sieht, dass längst nicht alles klar ist, die Welt und das Leben nicht so sind, wie er es sich zusammengereimt hatte. Nichts hören wir von einer Begegnung mit Jesus selbst; er bleibt abwesend. Erst später, wenn sie sich mit ihrer Unruhe und ihren Fragen auseinandergesetzt haben, können einige der Frauen und der Jünger Jesus sehen.&#xA;&#xA;So ist die deutlichste Spur des abwesenden Gottes das Leuchten auf dem Gesicht der beiden Männer, die die Frauen am Grab antreffen. Sie leuchten nicht aus sich selbst. Die beiden waren die einzigen Zeugen der Auferstehung, und davon ist der Glanz geblieben. Sie sind selbst reiner Glanz, reine Spur; sonst nichts. Wir finden diesen Glanz wieder bei allen, die sich von Jesus und seiner Botschaft haben berühren lassen. Bei allen, die anderen helfen zu wachsen und sich zu entfalten; bei allen, die ihre Mitmenschen in der Not nicht alleine lassen, die bereit sind zu teilen, weil sie spüren, dass genug Leben für alle da ist. Wir finden den Glanz bei denen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer bergen. Wir finden ihn bei denen, die für Traurige und Verzweifelte einfach da sind, ohne sie zu belehren. Diesen Glanz finden wir bei allen, die der Spur des verborgenen Gottes folgen, weil sie fasziniert sind von seinem Geheimnis und mit nichts anderem zufrieden. Wir finden den Glanz bei jenen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, wer Gott ist und was er will und wen er ermächtigt habe, in seinem Namen zu sprechen. Wir finden den Glanz bei allen, die den Lebenden nicht bei den Toten suchen, nicht bei toten Formeln, sondern mitten im Leben in all seiner Rätselhaftigkeit.&#xA;&#xA;Wenn wir einander anschauen und in unseren Augen diesen Glanz entdecken, dann könnte es sein, dass wir in die Spur gekommen sind; dass sich in uns ein Raum eröffnet, der uns auf diesen Gott hin zieht, und es Ostern geworden ist in uns. Denn in uns und für uns hat er das Leben neu geschaffen.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Vgl. dazu die Äußerungen von Lucetta Scaraffia in einem Kommentar für die italienische Zeitung »Quotidiano«, zusammengefasst auf katholisch.de. Zur Kritik an einer identitätspolitischen Instrumentalisierung der Kathedrale vgl. z. B. Groebner, Valentin, Das nationale Superzeichen. Notre-Dame und die Gefühle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.04.2019.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup »Der HERR, der an Mose vorübergeht, so daß dieser ihn nur im Vorübergehen sieht und nicht von Angesicht zu Angesicht, zeigt sich nicht in der Gegenwart bzw. als Gegenwart, sondern im Futur anterieur: Er wird vorübergegangen sein. Was davon bleibt, ‚ist‘ nicht mehr, ist nicht sagbar, im Sinne der Gegenwärtigkeit verbürgenden Logik der Sprache. Was bleibt, ist eine Spur.« (Beyrich, Tilman: Ist Glauben wiederholbar?: Derrida liest Kierkegaard, Berlin – New York : De Gruyter, 2001, S. 93).&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Byung-Chul Han sieht die Neigung der westlichen Kultur zu geschlossenen metaphysischen Formen in deren Architektur widergespiegelt. Unter Berufung auf Hegel hält er auch das christliche Denken für ein Denken der Innerlichkeit, das sich »im ganz geschlossenen Gotteshaus« seinen Ausdruck verschafft; vgl.: Han, Byung-Chul, Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin : Merve, 2007, S. 43-46. Ob damit der »christliche Geist« und die breite Tradition abendländischer Philosophie wirklich umfassend getroffen sind, sei dahingestellt.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Für Hartmut Rosa liegt ein zentraler Wesenszug der Moderne in dem Bestreben, sich einen immer größeren Teil der Welt verfügbar zu machen – womit aber gleichzeitig das Verfügbare verstummt und keine Beziehung mehr zu ihm hergestellt werden kann. Es wäre zu überlegen, ob dies auch für das Gottesverhältnis zutrifft: Ist Gott erst verfügbar geworden, ist er auch tot; erst wenn ich ihn in die Abwesenheit entlasse, kann er wieder zu mir in Beziehung treten. Vgl. Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit, Salzburg : Residenz, 2018.&#xA;&#xA;Bild (c) Marind, Incendie de Notre Dame à Paris, vue depuis le ministère de la recherche. 7, CC BY-SA 4.0&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/29/46/e3bed6923645f509498b89b8b12c.webp" alt="Die brennende Kathedrale Notre Dame in Paris"></p>

<h3 id="lk-24-1-12-https-www-bibleserver-com-eu-lukas24-2c1-12-osternacht-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas24%2C1-12">Lk 24,1-12</a>, Osternacht C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Ostern" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Ostern</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Aus dem Dachstuhl von Notre-Dame in Paris schlägt lichterloh das Feuer. Eine Zeitlang ist nicht klar, ob diese Kirche gerettet werden kann. Erschütterung bricht sich auch in ganz und gar weltlichen Beobachtern des Geschehens ihre Bahn: Beinahe, so heißt es, wären das »Herz und die Seele« einer Nation, ja ganz Europas, in Schutt und Asche gelegen. Schon ist von einer notwendigen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln die Rede, und sogar davon, dass die säkulare Kultur durch den Verlust des Glaubens diese Katastrophe irgendwie mit verschuldet hätte <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup>. Jetzt habe man es buchstäblich vor Augen, wie mit dem Glauben auch die eigene Identität verloren ginge.</p>

<p>Wenn das die Konsequenz aus dem Brand der Kathedrale von Notre-Dame sein sollte, dann wäre es vielleicht besser gewesen, sie wäre ein Raub der Flammen geworden, so sehr es mir bitter leid getan hätte um dieses unersetzliche Zeugnis europäischer Geschichte und Kultur.
</p>

<p>Aber noch schlimmer als ein solcher Verlust wäre es, wenn wir Gott identifizieren würden mit der mystischen Aura eines Bauwerks, mit dem Stolz auf eine große Geschichte oder gar mit der Macht, die durch solche symbolischen Repräsentationen des Göttlichen ausgeübt wird. Gehört doch das, wonach manche sich jetzt offenbar wieder so sehr sehnen, eben zu den Gründen, warum der Glaube nicht erst in den Flammen von Notre-Dame verbrannt ist, sondern schon lange vorher in den Herzen so vieler Menschen zu Asche wurde. Als identitätsstiftender Faktor hat der Glaube zweifellos eine über Jahrhunderte bis hinein in unsere Gegenwart äußerst stabile Ordnung etabliert. Eine Ordnung, die Sicherheit gab, aber auch ganz genau bestimmte, wie man zu leben hatte; die festlegte, welche Lebensweisen und Lebensformen erlaubt waren und welche als »unnatürlich« galten oder als »gegen die Ordnung des Schöpfers gerichtet« (wie es manchmal immer noch heißt). Das Wort »in Stein gemeißelt« bekommt hier einen fatalen Doppelsinn. So stand und steht der Name »Gott« nicht nur für unendliche Hoffnungen nach immerwährendem Glück und unvergänglichem Leben, sondern auch für namenlosen Schrecken, für Hölle und Verdammnis und für die Auslöschung aller, die nicht an ihn glauben oder nicht so an ihn glauben wie jene, die in Gottes Namen die Macht ausüben. Denn diejenigen, die das Wissen über Gott beanspruchen und behaupten, seinen Willen zu kennen, haben damit auch die Macht über alle anderen, die nicht in dieser privilegierten Position sind. Eine Macht, die sich bis hin zu Ausbeutung und Missbrauch steigern kann und deren Mechanismen in unserer Gegenwart auf erschreckende Weise offenbar geworden sind.</p>

<p>Der Gott, der Sicherheit und Hoffnung geben sollte, hat sich als grausam entpuppt und als einer, dem die leidenden Menschen egal sind. So wurde die Hoffnung zum Schrecken. Bis irgendwann die Ahnung aufkeimte, dass es diesen Gott so nicht gibt, dass er unser eigenes Konstrukt ist, ein Name bloß für unsere Wünsche und Ängste und ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Diese Einsicht hat Gott bei vielen Menschen nicht überlebt. Und ich muss sagen: Ich bin wirklich froh, dass er tot ist. Ich wünsche mir nicht, dass dieses Bild von Gott aus der Asche von Notre-Dame oder anderswo wieder aufersteht. Ich bin froh, dass dieser Gott gestorben ist, diese Vorstellung, die mit so vielen menschlichen Fantasien besetzt war. Fantasien, die der Herrschaft über Menschen dienten, aber nicht zuletzt auch der Herrschaft über Gott; die Gott zum Objekt gemacht haben, zum Gegenstand, den man für die eigenen Interessen und gegen die Interessen anderer trefflich verwenden kann. Da, wo man diesen Gott noch antrifft, ist er längst entlarvt: als ein in den Himmel erhobener Patriarch, als gesellschaftliches Über-Ich, als Relikt einer verklemmten und lebensfeindlichen Moral. Angebetet nur mehr von denen, die partout nicht erwachsen werden wollen, ist er zum Gespenst geworden.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Jesus hingegen ist kein Gespenst, nicht als Toter und als Auferstandener erst recht nicht. Er spukt nirgendwo herum; er ist gegangen, ist weg, »nicht hier«, wie die Männer in leuchtenden Gewändern zu den Frauen sagen, die am Morgen des dritten Tages das Grab besuchen. Nicht erst in unseren Tagen, schon mit Jesus ist der Gespenster-Gott gestorben. Gestorben ist der Gott, der immer schon alles weiß und in unveränderliche, versteinerte Regeln gegossen hat, sodass es im Grunde keine Entwicklung mehr geben kann; gestorben ist der Gott, der seinen Jüngern die Sicherheit gibt, dass sie immer alles richtig machen, wenn sie ihm nur blind folgen. Gestorben ist der Gott, der alles kann, der Herrscher und König ist, unangreifbar und unbesiegbar; gestorben ist der Wille zur Macht, der seinen Jüngern Anteil gibt an der Macht. Gestorben ist der Gott, der dingfest zu machen ist, dessen Eigenschaften festgelegt sind, bekannt und analysiert durch die Dogmatik und das Lehramt der Kirche, durch den seine Jünger selbst zu Göttern werden, weil sie ihren Gott in der Hand haben.</p>

<p>Von diesem gestorbenen Gott bleibt auch keine Leerstelle. Nichts, was man vermissen würde, jenseits oberflächlicher Identitätspolitik und regressiver Ordnungsvorstellungen. Jesus hingegen hinterlässt sehr wohl eine solche Leerstelle. Er ist, um es noch einmal mit den Worten des Evangeliums zu sagen, »nicht hier«. Und diese Leerstelle ist wesentlich für die Art und Weise, in der Jesus für Gott Zeugnis ablegen wollte – in seinem Leben bis hinein in seinen Tod. Darum wird Jesus auch nach intensiver Suche nicht gefunden; selbst Petrus bleibt verwirrt am Grab zurück.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Was also ist geblieben von diesem seltsamen Gott, der sich in Jesus kreuzigen ließ und sterben wollte? Geblieben ist seine Spur, geblieben ist seine Abwesenheit. Der Gott Jesu von Nazaret ist ein abwesender Gott; einer, der »nicht hier« ist. Damit ist nicht nur ein bestimmter Ort gemeint, es ist jeder Ort, der fest bezeichnet werden könnte. Gott ist nirgendwo »hier«, er ist da nicht und da nicht und da nicht. So war Gott schon immer: Er war immer ein abwesender Gott, der nur im Vorübergang erfahren werden konnte. Das hat Jesus durch sein Leben und Sterben offenbar gemacht; deshalb heißt es von ihm, an ihm habe sich die Schrift erfüllt. Gott ist der »ich-bin-da«; aber er ist da als Abwesender: als Namenloser, Bildloser, Gestaltloser, als Feuer- und Wolkensäule, als Regenbogen, als Windhauch, der an Elija vorüberzieht; als Schatten, der dem Mose nur den Rücken zeigt <sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>.</p>

<p>Diese Abwesenheit Gottes macht Angst und verwirrt. Die Frauen freuen sich nicht am leeren Grab, sie erschrecken, und Petrus ist verwundert: θαυμάζων heißt es im Griechischen, das ist ein Gefühl der Bestürzung, in der sich das Alltägliche zum Geheimnis verwandelt. Wenn diese Tage vom Gründonnerstag über den Karfreitag und die Nacht des Karsamstags hin auf den Ostermorgen uns etwas zeigen, dann dies: Nur als Abwesender und Unverfügbarer kann Gott wirklich Gott sein für uns.</p>

<p>Vor gut 700 Jahren, im Herbst 1293, als die Kathedrale von Notre-Dame als bildliche Vergegenwärtigung des Göttlichen gerade in der Mitte ihrer Bauphase stand, beginnt ein junger Dominikanermönch seine Lehrtätigkeit an der Pariser Universität. Während er sieht, wie das Haus Gottes auf Erden immer kunstvoller ausgebaut wird, setzt er dazu einen Gegenakzent. Es ist der Philosoph und Mystiker Meister Eckhart, der ganz gezielt diese Leerstelle in den Blick nimmt, mit der das leere Grab Jesu wie vielleicht nichts sonst auf Gottes Wesen verweist:</p>

<blockquote><p>Das höchste und das nächste, das der Mensch lassen mag, das ist, dass er Gott um Gottes willen lasse.</p>

<p>Meister Eckhart, DW I, 196, 6-7</p></blockquote>

<p>Gott um Gottes willen lassen – damit ist auch das Geheimnis von Ostern auf den Punkt gebracht: Gottes Abwesenheit schafft einen Raum. Der Gespenster-Gott, der Macht-Gott, der dingfeste Gott, mit dem ich hantieren und über andere herrschen kann, der mich selbst beherrscht, ist weg; ich habe ihn »gelassen«. Sein Platz wird von niemandem mehr eingenommen. Während wir Gott gerne in geschlossene Denkgebäude und Räume bannen wollen <sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>, in Steine und Kirchen und Dogmen, ist der Gott Jesu von Nazaret ein flüchtig-vorübergehender. Erst in der Abwesenheit eines greifbaren und von Menschen klein gemachten Gottes entsteht Raum für die Spur, die auf den immer größeren Gott hinweist. Er ist »nicht hier«. Nur einen Gott, der nicht »hier« ist, kann ich suchen <sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>. Nur ein Gott, der nicht »hier« ist, treibt mich an, dass ich über mich, über die Grenzen meines Wissens und Könnens, über die Grenzen meiner Erfahrung und sogar meines Denkens hinausgehe. Um Gottes willen lasse ich Gott – um seiner Spur zu folgen.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Aber wo hat sie sich eingezeichnet, diese Spur des abwesenden Gottes? Einige der Spuren haben wir schon gefunden. Im Erschrecken der Frauen entdecken wir eine solche Spur: Sie machen die Erfahrung, dass Gott nicht harmlos ist, dass er beunruhigt, Fragen aufreißt, Leerstellen lässt. Eine andere Spur zeigt sich in der Verwunderung des Petrus: Er sieht, dass längst nicht alles klar ist, die Welt und das Leben nicht so sind, wie er es sich zusammengereimt hatte. Nichts hören wir von einer Begegnung mit Jesus selbst; er bleibt abwesend. Erst später, wenn sie sich mit ihrer Unruhe und ihren Fragen auseinandergesetzt haben, können einige der Frauen und der Jünger Jesus sehen.</p>

<p>So ist die deutlichste Spur des abwesenden Gottes das Leuchten auf dem Gesicht der beiden Männer, die die Frauen am Grab antreffen. Sie leuchten nicht aus sich selbst. Die beiden waren die einzigen Zeugen der Auferstehung, und davon ist der Glanz geblieben. Sie sind selbst reiner Glanz, reine Spur; sonst nichts. Wir finden diesen Glanz wieder bei allen, die sich von Jesus und seiner Botschaft haben berühren lassen. Bei allen, die anderen helfen zu wachsen und sich zu entfalten; bei allen, die ihre Mitmenschen in der Not nicht alleine lassen, die bereit sind zu teilen, weil sie spüren, dass genug Leben für alle da ist. Wir finden den Glanz bei denen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer bergen. Wir finden ihn bei denen, die für Traurige und Verzweifelte einfach da sind, ohne sie zu belehren. Diesen Glanz finden wir bei allen, die der Spur des verborgenen Gottes folgen, weil sie fasziniert sind von seinem Geheimnis und mit nichts anderem zufrieden. Wir finden den Glanz bei jenen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, wer Gott ist und was er will und wen er ermächtigt habe, in seinem Namen zu sprechen. Wir finden den Glanz bei allen, die den Lebenden nicht bei den Toten suchen, nicht bei toten Formeln, sondern mitten im Leben in all seiner Rätselhaftigkeit.</p>

<p>Wenn wir einander anschauen und in unseren Augen diesen Glanz entdecken, dann könnte es sein, dass wir in die Spur gekommen sind; dass sich in uns ein Raum eröffnet, der uns auf diesen Gott hin zieht, und es Ostern geworden ist in uns. Denn in uns und für uns hat er das Leben neu geschaffen.</p>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Vgl. dazu die Äußerungen von Lucetta Scaraffia in einem Kommentar für die italienische Zeitung »Quotidiano«, zusammengefasst auf katholisch.de. Zur Kritik an einer identitätspolitischen Instrumentalisierung der Kathedrale vgl. z. B. Groebner, Valentin, Das nationale Superzeichen. Notre-Dame und die Gefühle, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.04.2019.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> »Der HERR, der an Mose vorübergeht, so daß dieser ihn nur im Vorübergehen sieht und nicht von Angesicht zu Angesicht, zeigt sich nicht in der Gegenwart bzw. als Gegenwart, sondern im Futur anterieur: Er wird vorübergegangen sein. Was davon bleibt, ‚ist‘ nicht mehr, ist nicht sagbar, im Sinne der Gegenwärtigkeit verbürgenden Logik der Sprache. Was bleibt, ist eine Spur.« (Beyrich, Tilman: Ist Glauben wiederholbar?: Derrida liest Kierkegaard, Berlin – New York : De Gruyter, 2001, S. 93).</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Byung-Chul Han sieht die Neigung der westlichen Kultur zu geschlossenen metaphysischen Formen in deren Architektur widergespiegelt. Unter Berufung auf Hegel hält er auch das christliche Denken für ein Denken der Innerlichkeit, das sich »im ganz geschlossenen Gotteshaus« seinen Ausdruck verschafft; vgl.: Han, Byung-Chul, Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin : Merve, 2007, S. 43-46. Ob damit der »christliche Geist« und die breite Tradition abendländischer Philosophie wirklich umfassend getroffen sind, sei dahingestellt.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Für Hartmut Rosa liegt ein zentraler Wesenszug der Moderne in dem Bestreben, sich einen immer größeren Teil der Welt verfügbar zu machen – womit aber gleichzeitig das Verfügbare verstummt und keine Beziehung mehr zu ihm hergestellt werden kann. Es wäre zu überlegen, ob dies auch für das Gottesverhältnis zutrifft: Ist Gott erst verfügbar geworden, ist er auch tot; erst wenn ich ihn in die Abwesenheit entlasse, kann er wieder zu mir in Beziehung treten. Vgl. Rosa, Hartmut, Unverfügbarkeit, Salzburg : Residenz, 2018.</p>

<p><em>Bild © <a href="https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Incendie_de_Notre_Dame_%C3%A0_Paris_.jpg">Marind, Incendie de Notre Dame à Paris, vue depuis le ministère de la recherche</a>. 7, CC BY-SA 4.0</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <pubDate>Sun, 21 Apr 2019 16:00:00 +0000</pubDate>
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      <title>Zeit, dass es Zeit wird</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/zeit-dass-es-zeit-wird</link>
      <description>&lt;![CDATA[Zerfließende Zeit&#xA;&#xA;Lk 1,1–4; 4,14–21, Dritter Sonntag im Jahreskreis C&#xA;&#xA;#Predigt #Lk&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Corona&#xA;&#xA;  Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt:&#xA;  wir sind Freunde.&#xA;Wir schälen die Zeit aus den Nüssen&#xA;  und lehren sie gehn:&#xA;die Zeit kehrt zurück in die Schale.&#xA;!--more--&#xA;  Im Spiegel ist Sonntag,&#xA;im Traum wird geschlafen,&#xA;der Mund redet wahr.&#xA;&#xA;  Mein Aug steigt hinab&#xA;  zum Geschlecht der Geliebten:&#xA;wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles,&#xA;wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,&#xA;wir schlafen wie Wein in den Muscheln,&#xA;wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.&#xA;&#xA;  Wir stehen umschlungen im Fenster,&#xA;  sie sehen uns zu von der Straße:&#xA;es ist Zeit, daß man weiß!&#xA;&#xA;  Es ist Zeit,&#xA;daß der Stein sich zu blühen bequemt,&#xA;daß der Unrast ein Herz schlägt.&#xA;Es ist Zeit, daß es Zeit wird.&#xA;&#xA;  Es ist Zeit.&#xA;&#xA;  Paul Celan ​supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Jetzt im Winter sitze ich manchmal am Schreibtisch oder brüte über einem Buch – und nebenbei knacke ich ein paar Walnüsse. Das kann ich machen, ohne dass ich viel denken müsste. Und doch kann diese beinahe schon meditative Tätigkeit einiges in mir auslösen. Ich breche die Schalen auf und löse die ganz eigenartig wie zwei Gehirnhälften geformten Nüsse heraus. Wenn sie noch frisch sind, befreie ich sie von der bitter schmeckenden dünnen Haut und genieße schließlich den unverwechselbaren Geschmack. Wir Menschen sind Sinnenwesen und viele prägende Erfahrungen sind mit sinnlichen Erlebnissen, mit Geschmack und Geruch verbunden. So gehen, während ich die Nüsse esse, meine Erinnerungen zurück an meine Kindheit. An einen alten, wettergegerbten Mann aus dem Bayerischen Wald, einen Bekannten meiner Großmutter, der uns jedes Jahr im Herbst frische Walnüsse gebracht hat. Ich erinnere mich an die besondere Stimmung der dunklen Wintertage, den ersten Schneefall, den Rauhreif am Morgen, den Schulweg in der Kälte und Dunkelheit. Nach und nach kehren dann auch die Gedanken, Gefühle und Erwartungen wieder, mit denen ich als Kind, als Jugendlicher und Heranwachsender in die Welt hinein geschaut habe.&#xA;&#xA;  Wir schälen die Zeit aus den Nüssen&#xA;  und lehren sie gehn.&#xA;&#xA;Der alte Mann aus dem Bayerischen Wald hat mir vielleicht eine erste Ahnung davon gebracht, dass es »da draußen« eine weite, mir noch gänzlich unbekannte Welt geben musste. Mit der Zeit ist der Radius meiner Welt natürlich größer geworden, aber das Unbekannte ist geblieben: die Orte, an denen ich noch nicht gewesen bin, die Erfahrungen, die ich noch nicht gemacht habe, die Pläne, die ich noch nicht umsetzen konnte. Ich wundere mich, wie viel Zeit in meinem Leben schon vergangen ist, was ich schon alles erhofft und mir vorgenommen habe – und ich erschrecke, dass ich so vieles davon immer noch nicht verwirklichen konnte. Später – vielleicht bald – werde ich dies und das tun. Ich mache der Zeit Beine, lehre sie gehen. Werde so und so viele Bücher lesen, Sprachen lernen, besser Klavier spielen können. Und natürlich werde ich einiges im Leben erreicht haben, habe ein Studium geschafft, mich beruflich etabliert und bin zufrieden.&#xA;&#xA;Manches von dem, was ich mir da ausgedacht habe, ist so gekommen. Vieles aber auch nicht. Vor allem nicht, dass ich zufrieden bin und das Gefühl habe, ich hätte meine Zeit gut genutzt. Sie ist mir davon gelaufen, die Zeit und je mehr von meinen Hoffnungen und Erwartungen ich vor mir her schiebe, desto mehr droht sie mir zu entgleiten.&#xA;&#xA;III&#xA;Es gibt aber besondere Momente, in denen die Zeit in ihre Schale zurückkehrt. Gewissermaßen noch einmal an den Ausgangspunkt, wo alle Möglichkeiten wieder offen stehen und meine Zeit sich neu entfalten kann. Augenblicke des Glücks sind das, in denen wir dieses Gefühl verspüren. Für den Dichter Celan ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem anderen Menschen, die das Verrinnen der Zeit bändigt.&#xA;&#xA;  Wir stehen umschlungen im Fenster,&#xA;  sie sehen uns zu von der Straße:&#xA;es ist Zeit, daß man weiß!&#xA;&#xA;Die Sehnsucht nach Glück und Geborgenheit, nach Verstehen und Verstanden-Werden in einem Gegenüber erfüllt zu sehen, kann tatsächlich die Zeit still stehen lassen. Wonach ich mich so sehr gesehnt habe, ist nun endlich gekommen: Meine Hoffnung war nicht vergebens und alles, was ich bisher in der mir zur Verfügung stehenden Zeit unternommen habe, bekommt jetzt einen Sinn; mein Streben nach Wissen, mein Fleiß, meine Arbeit an mir selbst und meinem Charakter. Auch mit dem Misslungenen und mit dem, wozu mir bislang die Zeit noch nicht geblieben war, kann ich dann versöhnt sein.&#xA;&#xA;Aber auch andere Erfahrungen als die eines liebenden Gegenübers können ähnliches Glück mit sich bringen: das Aufgehobensein in der Harmonie der Natur, das Erreichen eines wichtigen persönlichen oder gesellschaftlichen Ziels, das Meistern einer großen Gefahr. Der Dichter ordnet das persönliche Versöhnt-Sein daher ein in eine umfassende Perspektive der Versöhnung.&#xA;&#xA;  Mein Aug steigt hinab&#xA;  zum Geschlecht der Geliebten:&#xA;wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles,&#xA;wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis.&#xA;&#xA;Neben dem unverkennbar erotischen Sinn dieser Zeilen lässt das Gedicht hier noch etwas Anderes anklingen. Mit dem »Geschlecht der Geliebten« meint Celan auch das Geschlecht des jüdischen Volkes, das in der Shoah ausgerottet wurde; seine Familie, die vollständig ums Leben kam, die Mutter, deren Verlust er zeitlebens besonders betrauert. Ihnen allen gilt die Zuneigung des Dichters, er liebt sie »wie Mohn und Gedächtnis«, will sagen: Immer wieder tauchen sie aus dem Dunkel und dem Vergessen auf, das sie, wie ein Betäubungsmittel aus dem Mohn gewonnen, umgeben hatte, und werden in der Erinnerung lebendig. Kann es sein, dass das Verlorene doch nicht für immer verschwunden und vergangen ist?&#xA;&#xA;Solche Fragen kennen wir, auch wenn unsere eigene Lebensgeschichte gottlob meist nicht von derart schmerzlichen Erfahrungen gekennzeichnet ist. Aber das Verrinnen der Zeit und das Schwinden der Lebensmöglichkeiten sind für einen jeden Menschen schlimm genug. So viele ungenutzte Chancen, die unwiederbringlich dahin sind. So viele falsche Entscheidungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. So viele zerbrochene Freundschaften und Beziehungen, die Verletzungen zurücklassen. Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffe, meine Vorsätze wenigstens halbwegs umzusetzen. Ich weiß nicht, ob ich jemals so glücklich und zufrieden sein werde, wie ich es mir einmal erhofft hatte. Zumal sich manche Ziele auch ausschließen und ich auch im besten Falle nur fragmentarisch erreichen könnte, was ich mir wünsche.&#xA;&#xA;Nicht nur für uns persönlich bedeutet das Vergehen der Zeit unwiederbringliche Verluste. Mehr denn je spüren wir heute, dass auch die Menschheit nicht unendlich viel Zeit hat. Auf eine umweltverträgliche Energieversorgung können wir nicht irgendwann später umstellen, dann wird es zu spät sein und das Klima ist schon gekippt. Um eine Lebensweise, die die natürliche Vielfalt der Lebewesen auf unserem Planeten erhält, können wir uns nicht erst später bemühen. Dann ist es zu spät und das Artensterben nicht mehr rückgängig zu machen. Eine Gesellschaftsordnung, die auf Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität setzt, brauchen wir nicht erst später. Dann wird es zu spät sein und die historische Friedensordnung der letzten Jahrzehnte ist im Chaos versunken.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Darum enthält unser Gedicht auch einen eindringlichen Appell.&#xA;&#xA;  Es ist Zeit,&#xA;daß der Stein sich zu blühen bequemt,&#xA;daß der Unrast ein Herz schlägt.&#xA;Es ist Zeit, daß es Zeit wird.&#xA;&#xA;Wir können und dürfen nicht länger warten, um die Dinge zu tun, die uns wirklich wichtig sind, die für uns und unsere Mitmenschen entscheidend sind. Es wäre fahrlässig und naiv, alles auf später zu verschieben. Wenn wir immer nur darauf warten, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir uns ganz auf Freundschaft, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft konzentrieren können, aber wir jetzt erst unseren Geschäften nachgehen – dann wird diese Zeit nie kommen. Wenn wir immer nur darauf warten, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir unsere Begabungen und Talente entfalten und uns mit dem beschäftigen können, was uns zuinnerst am Herzen liegt, aber jetzt nur nach äußeren Vorgaben funktionieren und ein Programm abspulen, das uns von außen auferlegt wurde – dann wird diese Zeit nie kommen.&#xA;&#xA;Die Zeit, wirklich zu leben, ist jetzt und nicht später. Die Zeit, glücklich zu sein, ist jetzt. Die Zeit, menschlich miteinander umzugehen, ist jetzt. Die Zeit, unsere Erde für die Zukunft zu bewahren, ist jetzt.&#xA;&#xA;Genau das meint auch Jesus supspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup als er in der Synagoge von Nazaret steht und aus den Verheißungen des Prophetenbuches Jesaja vorträgt. Die Zeit, in der die Armen eine gute Nachricht erhalten, die Trauernden Hoffnung schöpfen, die Zerschlagenen neuen Mut, ist nicht irgendwann später, sie ist jetzt, sagt Jesus. Heute. supspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup&#xA;&#xA;  Es ist Zeit, daß es Zeit wird.&#xA;Es ist Zeit.&#xA;&#xA;Ob Jesus recht hat, mit dem, was er da verkündet? Oder ob das auch wieder nur leere Versprechungen sind? Das liegt letztlich mit an mir. Wenn ich möchte, dass die erfüllte Zeit – das, was Jesus das Reich Gottes nennt – in mir und durch mich anbricht, dann muss ich aufhören, mein Leben auf später zu verschieben. Dann muss ich die zu Stein gewordene Lebensfreude in mir wieder erblühen lassen; dann muss ich der Unrast in mir Raum geben, die sich nicht abspeisen lässt mit ein bisschen Leben, sondern die das ganze Leben in Fülle will.&#xA;&#xA;  Es ist Zeit, daß es Zeit wird.&#xA;Es ist Zeit.&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Celan, Paul: Gesammelte Werke in fünf Bänden, Erster Band: Gedichte I. Frankfurt : Suhrkamp, 1986.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Mit diesen Überlegungen soll Celans Gedicht keineswegs verengend hin auf eine Glaubensbotschaft gedeutet werden. Vielmehr will ich eine Analogie der Haltungen aufzeigen, die ich sowohl im Gedicht als auch im Evangelium zu erkennen meine.&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Es geht hier nicht darum, dass Jesus die Verheißungen des »Alten Bundes« erfüllt und diese damit in ihrer Eigenständigkeit entwertet. Vielmehr ist der Augenblick, in dem Verheißungen erfüllt werden, immer »jetzt«, bei Jesaja, bei Jesus und bei uns heute. Jedes »jetzt« hat sein eigenes Recht.&#xA;&#xA;Bild (c) photonetworkde / Fotolia&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/fc/bd/18d4b411b92340f4de457b982d70.webp" alt="Zerfließende Zeit"></p>

<h3 id="lk-1-1-4-4-14-21-https-www-bibleserver-com-eu-lukas4-2c14-21-dritter-sonntag-im-jahreskreis-c"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas4%2C14-21">Lk 1,1–4; 4,14–21</a>, Dritter Sonntag im Jahreskreis C</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Lk" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lk</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Corona</p>

<p>Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt:
  wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen
  und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.</p>

<p>Mein Aug steigt hinab
  zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.</p>

<p>Wir stehen umschlungen im Fenster,
  sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!</p>

<p>Es ist Zeit,
daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.</p>

<p>Es ist Zeit.</p>

<p>Paul Celan ​<sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup></p></blockquote>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Jetzt im Winter sitze ich manchmal am Schreibtisch oder brüte über einem Buch – und nebenbei knacke ich ein paar Walnüsse. Das kann ich machen, ohne dass ich viel denken müsste. Und doch kann diese beinahe schon meditative Tätigkeit einiges in mir auslösen. Ich breche die Schalen auf und löse die ganz eigenartig wie zwei Gehirnhälften geformten Nüsse heraus. Wenn sie noch frisch sind, befreie ich sie von der bitter schmeckenden dünnen Haut und genieße schließlich den unverwechselbaren Geschmack. Wir Menschen sind Sinnenwesen und viele prägende Erfahrungen sind mit sinnlichen Erlebnissen, mit Geschmack und Geruch verbunden. So gehen, während ich die Nüsse esse, meine Erinnerungen zurück an meine Kindheit. An einen alten, wettergegerbten Mann aus dem Bayerischen Wald, einen Bekannten meiner Großmutter, der uns jedes Jahr im Herbst frische Walnüsse gebracht hat. Ich erinnere mich an die besondere Stimmung der dunklen Wintertage, den ersten Schneefall, den Rauhreif am Morgen, den Schulweg in der Kälte und Dunkelheit. Nach und nach kehren dann auch die Gedanken, Gefühle und Erwartungen wieder, mit denen ich als Kind, als Jugendlicher und Heranwachsender in die Welt hinein geschaut habe.</p>

<blockquote><p>Wir schälen die Zeit aus den Nüssen
  und lehren sie gehn.</p></blockquote>

<p>Der alte Mann aus dem Bayerischen Wald hat mir vielleicht eine erste Ahnung davon gebracht, dass es »da draußen« eine weite, mir noch gänzlich unbekannte Welt geben musste. Mit der Zeit ist der Radius meiner Welt natürlich größer geworden, aber das Unbekannte ist geblieben: die Orte, an denen ich noch nicht gewesen bin, die Erfahrungen, die ich noch nicht gemacht habe, die Pläne, die ich noch nicht umsetzen konnte. Ich wundere mich, wie viel Zeit in meinem Leben schon vergangen ist, was ich schon alles erhofft und mir vorgenommen habe – und ich erschrecke, dass ich so vieles davon immer noch nicht verwirklichen konnte. Später – vielleicht bald – werde ich dies und das tun. Ich mache der Zeit Beine, lehre sie gehen. Werde so und so viele Bücher lesen, Sprachen lernen, besser Klavier spielen können. Und natürlich werde ich einiges im Leben erreicht haben, habe ein Studium geschafft, mich beruflich etabliert und bin zufrieden.</p>

<p>Manches von dem, was ich mir da ausgedacht habe, ist so gekommen. Vieles aber auch nicht. Vor allem nicht, dass ich zufrieden bin und das Gefühl habe, ich hätte meine Zeit gut genutzt. Sie ist mir davon gelaufen, die Zeit und je mehr von meinen Hoffnungen und Erwartungen ich vor mir her schiebe, desto mehr droht sie mir zu entgleiten.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Es gibt aber besondere Momente, in denen die Zeit in ihre Schale zurückkehrt. Gewissermaßen noch einmal an den Ausgangspunkt, wo alle Möglichkeiten wieder offen stehen und meine Zeit sich neu entfalten kann. Augenblicke des Glücks sind das, in denen wir dieses Gefühl verspüren. Für den Dichter Celan ist es die liebevolle Verbundenheit mit einem anderen Menschen, die das Verrinnen der Zeit bändigt.</p>

<blockquote><p>Wir stehen umschlungen im Fenster,
  sie sehen uns zu von der Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!</p></blockquote>

<p>Die Sehnsucht nach Glück und Geborgenheit, nach Verstehen und Verstanden-Werden in einem Gegenüber erfüllt zu sehen, kann tatsächlich die Zeit still stehen lassen. Wonach ich mich so sehr gesehnt habe, ist nun endlich gekommen: Meine Hoffnung war nicht vergebens und alles, was ich bisher in der mir zur Verfügung stehenden Zeit unternommen habe, bekommt jetzt einen Sinn; mein Streben nach Wissen, mein Fleiß, meine Arbeit an mir selbst und meinem Charakter. Auch mit dem Misslungenen und mit dem, wozu mir bislang die Zeit noch nicht geblieben war, kann ich dann versöhnt sein.</p>

<p>Aber auch andere Erfahrungen als die eines liebenden Gegenübers können ähnliches Glück mit sich bringen: das Aufgehobensein in der Harmonie der Natur, das Erreichen eines wichtigen persönlichen oder gesellschaftlichen Ziels, das Meistern einer großen Gefahr. Der Dichter ordnet das persönliche Versöhnt-Sein daher ein in eine umfassende Perspektive der Versöhnung.</p>

<blockquote><p>Mein Aug steigt hinab
  zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an, wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis.</p></blockquote>

<p>Neben dem unverkennbar erotischen Sinn dieser Zeilen lässt das Gedicht hier noch etwas Anderes anklingen. Mit dem »Geschlecht der Geliebten« meint Celan auch das Geschlecht des jüdischen Volkes, das in der Shoah ausgerottet wurde; seine Familie, die vollständig ums Leben kam, die Mutter, deren Verlust er zeitlebens besonders betrauert. Ihnen allen gilt die Zuneigung des Dichters, er liebt sie »wie Mohn und Gedächtnis«, will sagen: Immer wieder tauchen sie aus dem Dunkel und dem Vergessen auf, das sie, wie ein Betäubungsmittel aus dem Mohn gewonnen, umgeben hatte, und werden in der Erinnerung lebendig. Kann es sein, dass das Verlorene doch nicht für immer verschwunden und vergangen ist?</p>

<p>Solche Fragen kennen wir, auch wenn unsere eigene Lebensgeschichte gottlob meist nicht von derart schmerzlichen Erfahrungen gekennzeichnet ist. Aber das Verrinnen der Zeit und das Schwinden der Lebensmöglichkeiten sind für einen jeden Menschen schlimm genug. So viele ungenutzte Chancen, die unwiederbringlich dahin sind. So viele falsche Entscheidungen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. So viele zerbrochene Freundschaften und Beziehungen, die Verletzungen zurücklassen. Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffe, meine Vorsätze wenigstens halbwegs umzusetzen. Ich weiß nicht, ob ich jemals so glücklich und zufrieden sein werde, wie ich es mir einmal erhofft hatte. Zumal sich manche Ziele auch ausschließen und ich auch im besten Falle nur fragmentarisch erreichen könnte, was ich mir wünsche.</p>

<p>Nicht nur für uns persönlich bedeutet das Vergehen der Zeit unwiederbringliche Verluste. Mehr denn je spüren wir heute, dass auch die Menschheit nicht unendlich viel Zeit hat. Auf eine umweltverträgliche Energieversorgung können wir nicht irgendwann später umstellen, dann wird es zu spät sein und das Klima ist schon gekippt. Um eine Lebensweise, die die natürliche Vielfalt der Lebewesen auf unserem Planeten erhält, können wir uns nicht erst später bemühen. Dann ist es zu spät und das Artensterben nicht mehr rückgängig zu machen. Eine Gesellschaftsordnung, die auf Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität setzt, brauchen wir nicht erst später. Dann wird es zu spät sein und die historische Friedensordnung der letzten Jahrzehnte ist im Chaos versunken.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Darum enthält unser Gedicht auch einen eindringlichen Appell.</p>

<blockquote><p>Es ist Zeit,
daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.</p></blockquote>

<p>Wir können und dürfen nicht länger warten, um die Dinge zu tun, die uns wirklich wichtig sind, die für uns und unsere Mitmenschen entscheidend sind. Es wäre fahrlässig und naiv, alles auf später zu verschieben. Wenn wir immer nur darauf warten, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir uns ganz auf Freundschaft, Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft konzentrieren können, aber wir jetzt erst unseren Geschäften nachgehen – dann wird diese Zeit nie kommen. Wenn wir immer nur darauf warten, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir unsere Begabungen und Talente entfalten und uns mit dem beschäftigen können, was uns zuinnerst am Herzen liegt, aber jetzt nur nach äußeren Vorgaben funktionieren und ein Programm abspulen, das uns von außen auferlegt wurde – dann wird diese Zeit nie kommen.</p>

<p>Die Zeit, wirklich zu leben, ist jetzt und nicht später. Die Zeit, glücklich zu sein, ist jetzt. Die Zeit, menschlich miteinander umzugehen, ist jetzt. Die Zeit, unsere Erde für die Zukunft zu bewahren, ist jetzt.</p>

<p>Genau das meint auch Jesus <sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup> als er in der Synagoge von Nazaret steht und aus den Verheißungen des Prophetenbuches Jesaja vorträgt. Die Zeit, in der die Armen eine gute Nachricht erhalten, die Trauernden Hoffnung schöpfen, die Zerschlagenen neuen Mut, ist nicht irgendwann später, sie ist jetzt, sagt Jesus. Heute. <sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup></p>

<blockquote><p>Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.</p></blockquote>

<p>Ob Jesus recht hat, mit dem, was er da verkündet? Oder ob das auch wieder nur leere Versprechungen sind? Das liegt letztlich mit an mir. Wenn ich möchte, dass die erfüllte Zeit – das, was Jesus das Reich Gottes nennt – in mir und durch mich anbricht, dann muss ich aufhören, mein Leben auf später zu verschieben. Dann muss ich die zu Stein gewordene Lebensfreude in mir wieder erblühen lassen; dann muss ich der Unrast in mir Raum geben, die sich nicht abspeisen lässt mit ein bisschen Leben, sondern die das ganze Leben in Fülle will.</p>

<blockquote><p>Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.</p></blockquote>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Celan, Paul: Gesammelte Werke in fünf Bänden, Erster Band: Gedichte I. Frankfurt : Suhrkamp, 1986.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Mit diesen Überlegungen soll Celans Gedicht keineswegs verengend hin auf eine Glaubensbotschaft gedeutet werden. Vielmehr will ich eine Analogie der Haltungen aufzeigen, die ich sowohl im Gedicht als auch im Evangelium zu erkennen meine.</p>

<p><sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Es geht hier nicht darum, dass Jesus die Verheißungen des »Alten Bundes« erfüllt und diese damit in ihrer Eigenständigkeit entwertet. Vielmehr ist der Augenblick, in dem Verheißungen erfüllt werden, immer »jetzt«, bei Jesaja, bei Jesus und bei uns heute. Jedes »jetzt« hat sein eigenes Recht.</p>

<p><em>Bild © photonetworkde / Fotolia</em></p>

<div class="about-box">
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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/zeit-dass-es-zeit-wird</guid>
      <pubDate>Sun, 27 Jan 2019 17:00:00 +0000</pubDate>
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