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    <title>Fastenzeit &amp;mdash; Linkskatholisch</title>
    <link>https://linkskatholisch.de/tag:Fastenzeit</link>
    <description>«linkskatholisch«</description>
    <pubDate>Fri, 17 Apr 2026 07:59:53 +0200</pubDate>
    <item>
      <title>Aufbrechen, wohin ich will</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/aufbrechen-wohin-ich-will</link>
      <description>&lt;![CDATA[image&#xA;&#xA;Mt 17,1–9, 2\. Fastensonntag A&#xA;&#xA;#Predigt #Mt #Fastenzeit&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;  Nie, sterblichen Meistern gleich&#xA;Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,&#xA;Dass ich wüsste, mit Vorsicht&#xA;Mich des ebenen Pfads geführt.&#xA;&#xA;  Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,&#xA;dass er kräftig genährt, danken für alles lern&#xA;und verstehe die Freiheit,&#xA;aufzubrechen, wohin er will. supspan id=&#34;Verweis1&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​1/span/sup&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Nicht des ebenen Pfads führen die Erzählungen der Evangelien Jesus und seine Jünger am Zweiten Fastensonntagsupspan id=&#34;Verweis2&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​2/span/sup, sondern zunächst auf einen geheimnisvollen Berg und von dort ins Ungewisse. Wo diese Begebenheit stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht genau. Die spätere Überlieferung hat den Berg als den Tabor identifiziert, der schon lange vor Jesu Zeiten ein heiliger Ort war. Einsam und weithin sichtbar ragt der Tabor über den See Genezareth und das weite Land der Jesreʿel-Ebene auf. Ihn zu besteigen ist ein gemütlicher Spaziergang, und doch fühlt man sich auf dem Gipfel herausgehoben aus dem Alltag, abgeschirmt vom täglichen Trubel und beschützt.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Erzähler des Matthäus-Evangeliums hat diese Szene bewusst komponiert, als Zwischenetappe auf dem Weg Jesu nach Jerusalem. In der Rückschau wusste man, dass ihn dort sein Prozess und die Hinrichtung erwarten würden. Das Evangelium spricht davon in Andeutungen, die die Jünger nicht verstehen. Kurz vorher schon haben sie geradezu wütend reagiert, als Jesus sein Schicksal angedeutet hat (Mt 16,22-23).&#xA;&#xA;Wir sind jetzt in den Wochen der Fastenzeit mit Jesus unterwegs. Wir gehen mit ihm auf den Karfreitag und auf Ostern zu. Vielleicht haben wir dieselben Fragen wie die Jünger damals: War es unausweichlich, dass Jesus auf den Tod zugeht? Hätte er nicht einfach auch Erfolg haben können mit seiner Botschaft eines bedingungslos liebenden und erbarmenden Gottes? So haben es sich seine Anhänger erträumt und in Jerusalem erwartet. Die bittere Enttäuschung darüber sollte noch Jahrzehnte nach Jesu Tod nachwirken, bis die ersten christlichen Gemeinden tastend zu Deutungen des Geschehens fanden.&#xA;&#xA;Und Jesus selbst? Hat er diesen Tod gesucht? War er notwendig als Teil seiner Mission? Schon in den frühen Deutungsversuchen klingt das Motiv an: Jesus wäre gestorben wegen unserer Sünden oder für unsere Sünden. Später, in der mittelalterlichen Theologiesupspan id=&#34;Verweis3&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​3/span/sup, wurde diese Deutung zugespitzt. Jesus wäre gestorben, um die Ehre eines durch die menschlichen Sünden beleidigten Gottes wiederherzustellen, und hätte durch seinen Tod Satisfaktion geleistet. Eine Genugtuung, die – weil es ja Gott war, der beleidigt wurde – nur durch Gott selbst geleistet werden konnte. So wurde die gesamte Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret unter das Zeichen eines vorprogrammierten Todes gestellt.&#xA;&#xA;Diese Vorstellung hat unendlich viel Unheil angerichtet und unzählige Menschen von Gott und dem christlichen Glauben entfremdet. Nietzsche hat von einem »ehrsüchtigen Orientalen im Himmel« gesprochensupspan id=&#34;Verweis4&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​4/span/sup, der aus nichtigen Gründen ein grausames Opfer verlangt. Nimmt man zu diesem Bild von Gott ein Menschenbild hinzu, das den Menschen ausschließlich als unheilbaren Sünder sieht, dann ergibt sich daraus eine wahrhaft toxische Mischung. In den Händen der Mächtigen wurde sie zum Werkzeug, um Menschen moralisch unter Druck zu setzen: »Um deiner Sünden willen musste Jesus sterben, weil du so verdorben bist.  Darum hast du all deinen natürlichen Lebensregungen zu misstrauen: deiner Sehnsucht nach Glück, deiner Freude am Genuss, deinem Verlangen nach Zuneigung und Liebe. Das alles ist böse und wird erst dann wieder gut, wenn Jesus am Kreuz dafür Sühne geleistet hat.«&#xA;&#xA;Nicht ohne Grund haben Religionskritiker wie Nietzsche und Freud diesen Glauben als krankmachend eingeschätzt. »Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war«, schrieb der 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilmann Mosersupspan id=&#34;Verweis5&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​5/span/sup. Ganz aktuell hat der Exeget Peter Trummer in einem Beitrag der Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« und weiter ausgearbeitet in einem Buchsupspan id=&#34;Verweis6&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​6/span/sup diese Form von Theologie attackiert und vorgeschlagen, wir sollten am besten gleich ganz auf den Gedanken eines Gottmenschen Jesus Christus verzichten, der für uns Menschen hätte leiden müssen. Jesus habe so etwas nie gewollt.&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Ist es also eine Erfindung, dass der Evangelist die herrliche, lichterfüllte Begebenheit am Tabor unter den Schatten des bevorstehenden Todes Jesu stellt? Denn genau das meint der geheimnisvolle Schlusssatz, erst nach der Auferstehung und damit auch dem Kreuz, dürfe von alldem berichtet werden.&#xA;&#xA;Jesus hat das Leben ganz sicher leidenschaftlich geliebt. Das zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Armen, Kranken, Notleidenden und Entrechteten. Das zeigt sich auch in Jesu Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Und an der Zärtlichkeit, mit der er die unscheinbarsten Dinge wertgeschätzt hat: die Lilien und die Spatzen auf den Feldern. Nirgendwo ist davon die Rede, dass der Gott, für den Jesus so unermüdlich Zeugnis abgelegt hat, für sein Erbarmen und seine Zuneigung eine Gegenleistung verlangen würde. Im Gegenteil: Der Gott Jesu Christi liebt bedingungslos und unterschiedslos.&#xA;&#xA;Warum also geht der Abstieg vom Tabor in den Tod hinein? Es wäre ein allzu harmloses Bild von Jesus und seiner Botschaft, wenn wir ihn zu einem naiven Charismatiker machen würden, der das Schwere, das uns in unserem Leben begegnet, Schmerz und Krankheit, Hass und Gewalt, und vieles zweifellos Böse, was sich im Menschenherzen findet, einfach weglächeln würde. »Alles ist gut und Gott ist ganz ungeheuer nett.«  Die so von Gott sprechen, hat der Grazer Philosoph Peter Strasser zurecht »Seligkeitsidioten«supspan id=&#34;Verweis7&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​7/span/sup genannt.&#xA;&#xA;Jesus war gekommen, um von dem liebenden Gott zu sprechen, aber auch, um dem Bösen, für das er einen sehr realistischen Blick hatte, etwas entgegenzusetzen. Jesus reiht sich ein in die Machtkritik der Propheten des Ersten Testaments. Er weiß um den Willen zur Macht eines Herodes, der alles totmachen möchte, was sich seiner Herrschaft entgegenstellt, er weiß um den Fanatismus derer, die – am liebsten mit ihm als Anführer – als Gotteskrieger die Römer vertreiben wollen, er weiß um die sozialen Gegensätze, die von der Spitze der Gesellschaft bis in den Alltag der kleinen Leute hineinwirken, er weiß um die Kaltherzigkeit, mit der gerade jene, die eigentlich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind, anderen das Leben neiden. Und er weiß um die Heuchelei der frommen Funktionäre, die damals wie heute mit vermeintlich göttlichen Geboten andere schikanieren.&#xA;&#xA;Und ebensowenig, wie er sich davon abbringen lässt, von Gottes Güte zu sprechen, hält Jesus den Mund, wenn es darum geht, diese Missstände zu benennen. Jesus ist sich dessen klar bewusst, dass er damit sein Leben riskiert. Mit beidem, mit seiner Gottesrede und seiner Machtkritik, bringt er die Großen und die Frommen zur Raserei. Wenn nämlich gilt, was Jesus sagt, und wenn die Menschen ihm glauben, dann untergräbt das jede Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Weg Jesu nach Jerusalem hin zu Verurteilung und Tod war also kein blöder Zufall. Jesus hat seine Botschaft und sein Handeln bewusst auf die Spitze getrieben, weil er zeigen wollte, dass der Gott, dem er so bedingungslos vertraute, auch noch in der äußersten existenziellen Not an der Seite von uns Menschen ist. Weder Hass noch Tod noch Gewalten der Höhe oder Tiefe können uns von Gottes Liebe scheiden, wie es der Apostel Paulus später ausgedrückt hat (Röm 8,38). In der Tat hat Jesus, durch seine Bereitschaft, bis zur äußersten Konsequenz zu gehen, den Kräften des Todes die Macht genommen, weil er sie im Letzten als wirkungslos entlarvt hat.&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Jetzt verstehen wir vielleicht, warum die Evangelisten in ihren Erzählungen vom Weg Jesu nach Jerusalem die Episode auf dem Tabor vorgeschaltet haben. In dieser bildhaft geschilderten Gottesbegegnung wird deutlich, woher Jesus die Kraft für sein Handeln genommen hat: Weil er sich grundsätzlich, von Anfang an und auf seinem ganzen Weg mit den Menschen in dieses warme, bergende und tröstende Licht hineingestellt wusste. Jesus hat von Gott nicht nur geredet, er hat Gottes unbedingte Nähe von innen heraus, aus seinem eigenen Herzen, erfahren. »Du bist mein geliebter Sohn«, sagt die Stimme aus der Wolke auf dem Tabor, so wie sie das schon sagte, als Jesus sich im Jordan taufen ließ. Jesus nimmt die Jünger mit auf den Berg, damit sie das nicht nur hören, sondern auch selbst für sich spüren können. Gottes Zusage gilt jedem Menschen ganz persönlich: »Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.«  Verständlich, dass die Jünger nicht mehr weg wollen von dem Ort dieser Erfahrung. Aber Jesus weiß: Es gilt, sie hineinzutragen in den widerständigen und oft dunklen Alltag, damit wirklich das ganze Menschenleben hell wird von Gottes Zuneigung und Nähe. Mit Gott im Rücken haben Jesus und jene, die ihm folgen, die »Freiheit, aufzubrechen wohin« sie wollensupspan id=&#34;Verweis8&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​8/span/sup, weil sie vor nichts und niemandem mehr Angst haben müssen. Warum sie das können, zeigt die Erfahrung des Tabor, die sich ebenfalls mit einem Wort Hölderlins auf den Punkt bringen lässt:&#xA;&#xA;  Nah ist&#xA;Und schwer zu fassen der Gott.&#xA;Wo aber Gefahr ist, wächst&#xA;das Rettende auch.supspan id=&#34;Verweis9&#34; style=&#34;font-style: normal;&#34;​9/span/sup&#xA;&#xA;---&#xA;&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung1&#34;1/span/sup Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung, 1800).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung2&#34;2/span/sup Im Lesejahr A lesen wir von diesen Ereignissen bei Matthäus (Mt 17,1-9), in den Lesejahren B und C bei Markus (Mk 9,2-10) und Lukas (Lk 9,28-36).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung3&#34;3/span/sup Z. B. bei Anselm von Canterbury (Cur deus homo), dessen Gedankengang noch zugespitzt und vergröbert wurde.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung4&#34;4/span/sup Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 135 »Herkunft der Sünde«.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung5&#34;5/span/sup Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (Erstauflage).&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung6&#34;6/span/sup Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Freiburg: Herder, 2026 und: Ders.: Jesus ohne Opfer, CiG 8/2026, 3f.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung7&#34;7/span/sup Peter Strasser: Idioten des Absoluten: Über das Weltfremde in uns, Paderborn: Fink, 2017\.&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung8&#34;8/span/sup Vgl. Anm. 1&#xA;supspan id=&#34;Anmerkung9&#34;9/span/sup Friedrich Hölderlin, Patmos (1803).&#xA;&#xA;Bild: Tabor, PikiWiki Israel 19217 Geography of Israel.&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/70/58/f0c0db733d6c46fe881c3ade7d96.webp" alt="image"></p>

<h3 id="mt-17-1-9-https-www-bibleserver-com-eu-matth-c3-a4us17-2c1-9-2-fastensonntag-a"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us17%2C1-9">Mt 17,1–9</a>, 2. Fastensonntag A</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Fastenzeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fastenzeit</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<blockquote><p>Nie, sterblichen Meistern gleich
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Dass ich wüsste, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.</p>

<p>Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
dass er kräftig genährt, danken für alles lern
und verstehe die Freiheit,
aufzubrechen, wohin er will. <sup><span id="Verweis1" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung1">1</a></span></sup></p></blockquote>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Nicht des ebenen Pfads führen die Erzählungen der Evangelien Jesus und seine Jünger am Zweiten Fastensonntag<sup><span id="Verweis2" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung2">2</a></span></sup>, sondern zunächst auf einen geheimnisvollen Berg und von dort ins Ungewisse. Wo diese Begebenheit stattgefunden haben könnte, wissen wir nicht genau. Die spätere Überlieferung hat den Berg als den Tabor identifiziert, der schon lange vor Jesu Zeiten ein heiliger Ort war. Einsam und weithin sichtbar ragt der Tabor über den See Genezareth und das weite Land der Jesreʿel-Ebene auf. Ihn zu besteigen ist ein gemütlicher Spaziergang, und doch fühlt man sich auf dem Gipfel herausgehoben aus dem Alltag, abgeschirmt vom täglichen Trubel und beschützt.
</p>

<p>Der Erzähler des Matthäus-Evangeliums hat diese Szene bewusst komponiert, als Zwischenetappe auf dem Weg Jesu nach Jerusalem. In der Rückschau wusste man, dass ihn dort sein Prozess und die Hinrichtung erwarten würden. Das Evangelium spricht davon in Andeutungen, die die Jünger nicht verstehen. Kurz vorher schon haben sie geradezu wütend reagiert, als Jesus sein Schicksal angedeutet hat (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us16%2C22-23">Mt 16,22-23</a>).</p>

<p>Wir sind jetzt in den Wochen der Fastenzeit mit Jesus unterwegs. Wir gehen mit ihm auf den Karfreitag und auf Ostern zu. Vielleicht haben wir dieselben Fragen wie die Jünger damals: War es unausweichlich, dass Jesus auf den Tod zugeht? Hätte er nicht einfach auch Erfolg haben können mit seiner Botschaft eines bedingungslos liebenden und erbarmenden Gottes? So haben es sich seine Anhänger erträumt und in Jerusalem erwartet. Die bittere Enttäuschung darüber sollte noch Jahrzehnte nach Jesu Tod nachwirken, bis die ersten christlichen Gemeinden tastend zu Deutungen des Geschehens fanden.</p>

<p>Und Jesus selbst? Hat er diesen Tod gesucht? War er notwendig als Teil seiner Mission? Schon in den frühen Deutungsversuchen klingt das Motiv an: Jesus wäre gestorben <em>wegen</em> unserer Sünden oder <em>für</em> unsere Sünden. Später, in der mittelalterlichen Theologie<sup><span id="Verweis3" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung3">3</a></span></sup>, wurde diese Deutung zugespitzt. Jesus wäre gestorben, um die Ehre eines durch die menschlichen Sünden beleidigten Gottes wiederherzustellen, und hätte durch seinen Tod Satisfaktion geleistet. Eine Genugtuung, die – weil es ja Gott war, der beleidigt wurde – nur durch Gott selbst geleistet werden konnte. So wurde die gesamte Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazaret unter das Zeichen eines vorprogrammierten Todes gestellt.</p>

<p>Diese Vorstellung hat unendlich viel Unheil angerichtet und unzählige Menschen von Gott und dem christlichen Glauben entfremdet. Nietzsche hat von einem »ehrsüchtigen Orientalen im Himmel« gesprochen<sup><span id="Verweis4" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung4">4</a></span></sup>, der aus nichtigen Gründen ein grausames Opfer verlangt. Nimmt man zu diesem Bild von Gott ein Menschenbild hinzu, das den Menschen ausschließlich als unheilbaren Sünder sieht, dann ergibt sich daraus eine wahrhaft toxische Mischung. In den Händen der Mächtigen wurde sie zum Werkzeug, um Menschen moralisch unter Druck zu setzen: »Um <em>deiner</em> Sünden willen musste Jesus sterben, weil du so verdorben bist.  Darum hast du all deinen natürlichen Lebensregungen zu misstrauen: deiner Sehnsucht nach Glück, deiner Freude am Genuss, deinem Verlangen nach Zuneigung und Liebe. Das alles ist böse und wird erst dann wieder gut, wenn Jesus am Kreuz dafür Sühne geleistet hat.«</p>

<p>Nicht ohne Grund haben Religionskritiker wie Nietzsche und Freud diesen Glauben als krankmachend eingeschätzt. »Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war«, schrieb der 2024 verstorbene Psychoanalytiker Tilmann Moser<sup><span id="Verweis5" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung5">5</a></span></sup>. Ganz aktuell hat der Exeget Peter Trummer in einem Beitrag der Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« und weiter ausgearbeitet in einem Buch<sup><span id="Verweis6" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung6">6</a></span></sup> diese Form von Theologie attackiert und vorgeschlagen, wir sollten am besten gleich ganz auf den Gedanken eines Gottmenschen Jesus Christus verzichten, der für uns Menschen hätte leiden müssen. Jesus habe so etwas nie gewollt.</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Ist es also eine Erfindung, dass der Evangelist die herrliche, lichterfüllte Begebenheit am Tabor unter den Schatten des bevorstehenden Todes Jesu stellt? Denn genau das meint der geheimnisvolle Schlusssatz, erst nach der Auferstehung und damit auch dem Kreuz, dürfe von alldem berichtet werden.</p>

<p>Jesus hat das Leben ganz sicher leidenschaftlich geliebt. Das zeigt sich in seiner Zuwendung zu den Armen, Kranken, Notleidenden und Entrechteten. Das zeigt sich auch in Jesu Freude am gemeinsamen Essen und Feiern. Und an der Zärtlichkeit, mit der er die unscheinbarsten Dinge wertgeschätzt hat: die Lilien und die Spatzen auf den Feldern. Nirgendwo ist davon die Rede, dass der Gott, für den Jesus so unermüdlich Zeugnis abgelegt hat, für sein Erbarmen und seine Zuneigung eine Gegenleistung verlangen würde. Im Gegenteil: Der Gott Jesu Christi liebt bedingungslos und unterschiedslos.</p>

<p>Warum also geht der Abstieg vom Tabor in den Tod hinein? Es wäre ein allzu harmloses Bild von Jesus und seiner Botschaft, wenn wir ihn zu einem naiven Charismatiker machen würden, der das Schwere, das uns in unserem Leben begegnet, Schmerz und Krankheit, Hass und Gewalt, und vieles zweifellos Böse, was sich im Menschenherzen findet, einfach weglächeln würde. »Alles ist gut und Gott ist ganz ungeheuer nett.«  Die so von Gott sprechen, hat der Grazer Philosoph Peter Strasser zurecht »Seligkeitsidioten«<sup><span id="Verweis7" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung7">7</a></span></sup> genannt.</p>

<p>Jesus war gekommen, um von dem liebenden Gott zu sprechen, aber auch, um dem Bösen, für das er einen sehr realistischen Blick hatte, etwas entgegenzusetzen. Jesus reiht sich ein in die Machtkritik der Propheten des Ersten Testaments. Er weiß um den Willen zur Macht eines Herodes, der alles totmachen möchte, was sich seiner Herrschaft entgegenstellt, er weiß um den Fanatismus derer, die – am liebsten mit ihm als Anführer – als Gotteskrieger die Römer vertreiben wollen, er weiß um die sozialen Gegensätze, die von der Spitze der Gesellschaft bis in den Alltag der kleinen Leute hineinwirken, er weiß um die Kaltherzigkeit, mit der gerade jene, die eigentlich selbst auf Barmherzigkeit angewiesen sind, anderen das Leben neiden. Und er weiß um die Heuchelei der frommen Funktionäre, die damals wie heute mit vermeintlich göttlichen Geboten andere schikanieren.</p>

<p>Und ebensowenig, wie er sich davon abbringen lässt, von Gottes Güte zu sprechen, hält Jesus den Mund, wenn es darum geht, diese Missstände zu benennen. Jesus ist sich dessen klar bewusst, dass er damit sein Leben riskiert. Mit beidem, mit seiner Gottesrede und seiner Machtkritik, bringt er die Großen und die Frommen zur Raserei. Wenn nämlich gilt, was Jesus sagt, und wenn die Menschen ihm glauben, dann untergräbt das jede Herrschaft von Menschen über Menschen. Der Weg Jesu nach Jerusalem hin zu Verurteilung und Tod war also kein blöder Zufall. Jesus hat seine Botschaft und sein Handeln bewusst auf die Spitze getrieben, weil er zeigen wollte, dass der Gott, dem er so bedingungslos vertraute, auch noch in der äußersten existenziellen Not an der Seite von uns Menschen ist. Weder Hass noch Tod noch Gewalten der Höhe oder Tiefe können uns von Gottes Liebe scheiden, wie es der Apostel Paulus später ausgedrückt hat (<a href="https://www.bibleserver.com/EU.LUT/R%C3%B6mer8,38">Röm 8,38</a>). In der Tat hat Jesus, durch seine Bereitschaft, bis zur äußersten Konsequenz zu gehen, den Kräften des Todes die Macht genommen, weil er sie im Letzten als wirkungslos entlarvt hat.</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Jetzt verstehen wir vielleicht, warum die Evangelisten in ihren Erzählungen vom Weg Jesu nach Jerusalem die Episode auf dem Tabor vorgeschaltet haben. In dieser bildhaft geschilderten Gottesbegegnung wird deutlich, woher Jesus die Kraft für sein Handeln genommen hat: Weil er sich grundsätzlich, von Anfang an und auf seinem ganzen Weg mit den Menschen in dieses warme, bergende und tröstende Licht hineingestellt wusste. Jesus hat von Gott nicht nur geredet, er hat Gottes unbedingte Nähe von innen heraus, aus seinem eigenen Herzen, erfahren. »Du bist mein geliebter Sohn«, sagt die Stimme aus der Wolke auf dem Tabor, so wie sie das schon sagte, als Jesus sich im Jordan taufen ließ. Jesus nimmt die Jünger mit auf den Berg, damit sie das nicht nur hören, sondern auch selbst für sich spüren können. Gottes Zusage gilt jedem Menschen ganz persönlich: »Du bist meine geliebte Tochter, du bist mein geliebter Sohn.«  Verständlich, dass die Jünger nicht mehr weg wollen von dem Ort dieser Erfahrung. Aber Jesus weiß: Es gilt, sie hineinzutragen in den widerständigen und oft dunklen Alltag, damit wirklich das ganze Menschenleben hell wird von Gottes Zuneigung und Nähe. Mit Gott im Rücken haben Jesus und jene, die ihm folgen, die »Freiheit, aufzubrechen wohin« sie wollen<sup><span id="Verweis8" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung8">8</a></span></sup>, weil sie vor nichts und niemandem mehr Angst haben müssen. Warum sie das können, zeigt die Erfahrung des Tabor, die sich ebenfalls mit einem Wort Hölderlins auf den Punkt bringen lässt:</p>

<blockquote><p>Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
das Rettende auch.<sup><span id="Verweis9" style="font-style: normal;">​<a href="#Anmerkung9">9</a></span></sup></p></blockquote>

<hr>

<p><sup><span id="Anmerkung1"><a href="#Verweis1">1</a></span></sup> Friedrich Hölderlin, Lebenslauf (Zweite Fassung, 1800).
<sup><span id="Anmerkung2"><a href="#Verweis2">2</a></span></sup> Im Lesejahr A lesen wir von diesen Ereignissen bei Matthäus (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us17%2C1-9">Mt 17,1-9</a>), in den Lesejahren B und C bei Markus (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Markus9%2C2-10">Mk 9,2-10</a>) und Lukas (<a href="https://www.bibleserver.com/EU/Lukas9%2C28-36">Lk 9,28-36</a>).
<sup><span id="Anmerkung3"><a href="#Verweis3">3</a></span></sup> Z. B. bei Anselm von Canterbury (Cur deus homo), dessen Gedankengang noch zugespitzt und vergröbert wurde.
<sup><span id="Anmerkung4"><a href="#Verweis4">4</a></span></sup> Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 135 »Herkunft der Sünde«.
<sup><span id="Anmerkung5"><a href="#Verweis5">5</a></span></sup> Tilmann Moser: Gottesvergiftung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1980 (Erstauflage).
<sup><span id="Anmerkung6"><a href="#Verweis6">6</a></span></sup> Peter Trummer: Jesus ohne Opfer. Glaube, der befreit, Freiburg: Herder, 2026 und: Ders.: Jesus ohne Opfer, <a href="https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2026/8-2026/jesus-ohne-opfer/">CiG 8/2026, 3f</a>.
<sup><span id="Anmerkung7"><a href="#Verweis7">7</a></span></sup> Peter Strasser: Idioten des Absoluten: Über das Weltfremde in uns, Paderborn: Fink, 2017.
<sup><span id="Anmerkung8"><a href="#Verweis8">8</a></span></sup> Vgl. Anm. 1
<sup><span id="Anmerkung9"><a href="#Verweis9">9</a></span></sup> Friedrich Hölderlin, Patmos (1803).</p>

<p><em>Bild: Tabor, PikiWiki Israel 19217 Geography of Israel.</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <guid>https://linkskatholisch.de/aufbrechen-wohin-ich-will</guid>
      <pubDate>Sun, 01 Mar 2026 10:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Indiana Jones am Sinai</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/indiana-jones-am-sinai</link>
      <description>&lt;![CDATA[Indiana Jones&#xA;&#xA;Num 21, 4–9, Dienstag der fünften Woche der Fastenzeit&#xA;&#xA;#Predigt #Fastenzeit #Num&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Indiana Jones, der verrückte Archäologie-Professor ist ein typischer Held von Kinder- und Jugendträumen. Die Abenteuer, die er erlebt, stehen dafür, dass selbst in einer modernen, technisch geprägten Welt das Unmögliche und Fantastische wahr werden kann. Indiana Jones macht sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral und geheimnisvollen indischen Kultgegenständen; selbst die Bundeslade findet er und rettet sie – eine Wunderwaffe – vor dem Zugriff der Nazis.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;»Indy« lebt in einer Welt, die ziemlich der unseren entspricht, noch nicht ganz so supermodern, aber doch schon mit Autos, Flugzeugen und Sprengstoffen ausgestattet. Er ist ein findiges Kerlchen, und kennt nicht nur die Vergangenheit, sondern kann sich auch der modernen technischen Hilfsmittel bedienen und mit ihnen allerhand Tricks anstellen. Aber er öffnet auch die Tür zu einer anderen, verborgenen Dimension der Wirklichkeit, wo geheimnisvolle magische Gegenstände seit Jahrtausenden schlummern, wo Alltägliches sich plötzlich verwandelt und für den Sieg des Guten über das Böse genutzt werden kann.&#xA;&#xA;Vielleicht dürfen wir uns den Mose, der viele Jahrtausende vor Indiana Jones die Bundeslade mit eigener Hand berühren konnte, ganz ähnlich vorstellen. Auch Mose war ein Held, ein kühner Draufgänger, der vor den Pharao hintrat und ihn herausforderte. Einer, der sein Volk durch unvorstellbare Gefahren führte, vor fiesen Feinden rettete und das alles auch nur leisten konnte, weil er irgendwie zwischen den Welten stand – handfest dem Irdischen zugewandt und doch offen für das Geheimnis hinter der oberflächlich erkennbaren Wirklichkeit. Und wie »Indy« hatte auch Mose, wenn es darauf ankam, immer einen Trick auf Lager. Davon berichtet die Bibel im Buch Numeri: Als die Israeliten von Giftschlangen angegriffen wurden, verschaffte Mose ihnen Rettung durch einen magischen Gegenstand, eine Kupferschlange, gleichsam als Abwehrzauber, der es ermöglichte, sogar Gift unbeschadet zu überstehen.&#xA;&#xA;Anders als Indiana Jones aber ist Mose einer, der nicht nur Zugang zu einem undefinierbaren Geheimnis hat, sondern diesem Geheimnis auch einen Namen gibt: Gott, JHWH. Der, der für sein Volk da ist und es rettet. Mose vermittelt zur Sphäre des Heiligen. Durch Mose handelt Gott selbst. Eigentlich ist also Gott es, der sein Volk durch Mose vor den Schlangen rettet. Die Gefahr, in die er die Israeliten als Prüfung hineingeführt hat, beseitigt Gott, indem er den Mose als sein Werkzeug bestimmt.&#xA;&#xA;Man sollte meinen, dass diese Kupferschlange als Hinweis auf die Gegenwart und das Heilshandeln Gottes über alle Generationen hinweg von den Israeliten heilig gehalten werden sollte. Aber nein: Der fromme, vorbildliche König Hiskija, zerstört die Kupferschlange des Mose und wird dafür in der Bibel ausdrücklich gelobt. Nicht nur dafür, dass er die heidnischen Götzenbilder vernichtet und sich von der kulturellen Dominanz der Assyrer lossagt, erfährt er Anerkennung, sondern auch dafür, dass er zerschlägt, was Mose im Auftrag Gottes angefertigt hatte.&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Was sagt uns das? Zum einen, dass das biblische Gottesbild nicht von einem billigen Kulturchauvinismus geprägt ist, wie er heutzutage manchmal in unseren Kirchen herrscht: Unser Gott ist viel besser, größer, toller als eurer (der Gott der Muslime, der Hindus, oder der Gott der Juden). Als ob es überhaupt verschiedene Götter geben könnte! Genau dafür steht die Bibel nämlich zum Zweiten ein: Gott ist einzig, es gibt ihn nicht in verschiedener Ausfertigung, sondern nur einmal und für alle Menschen. Um diesen Gott, seine heilende Zuwendung, seine Sorge und Liebe zu spüren, braucht es keine Bilder, keine Kultgegenstände oder Rituale. Auch die Schlange des Mose ist daher eigentlich nur ein Surrogat. Ursprünglich trat sie als Hilfe für die mutlos gewordenen Israeliten an die Stelle der inneren Beziehung der Menschen zu Gott, an die Stelle eines ohne Zauber und Magie vertrauenden Glaubens. Menschen, die im Glauben erwachsen werden wollen, müssen sich von solchen Surrogaten lösen. Ob man einen Pfarrer, der Rosenkränze und Heiligenbildchen verbrennt, Opferkerzen auf den Müll wirft und Reliquienschreine zerschlägt, heutzutage wohl auch loben würde? Wohl kaum. Und doch würde er nur das Gleiche tun, wie einst der fromme König Hiskija: zeigen, dass es für die Nähe Gottes keiner Vermittlung durch Zeichen, Bilder oder andere Gegenstände bedarf.&#xA;&#xA;Interessant, dass bei Indiana Jones am Ende jeder Geschichte auch immer so etwas Ähnliches passiert: »Indy« rettet die Welt, indem er die Gegenstände, nach denen er so rastlos und unerschrocken auf der Suche war, zerstört oder sie zumindest jedem Zugriff entzieht. Und das gelingt ihm, indem er jedes Mal eine entscheidende Probe besteht, die zeigt, dass er – im Gegensatz zu den anderen Schatzjägern – keine unlauteren Absichten hat, nicht nach Macht verlangt, seine persönlichen Ziele und Wünsche hintan stellen kann. Auch wenn er ein Casanova, Trickser und manchmal ein kleiner Gauner ist, so ist er im Grunde seines Herzens doch lauter und voller Vertrauen auf das Gute in den Menschen.&#xA;&#xA;Für alle gilt das Gleiche: für Indiana Jones, für Mose, für mich. Es kommt nicht darauf an, sich den Zugang zu Gott durch viele Gebete, besondere Riten oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Auserwählten zu erschleichen. Alle Krücken, die vorgeben, sie würden mir helfen, mich langsam und mühevoll in die Nähe Gottes hinzuschleppen, sind überflüssig. Ich kann sie wegschmeißen, zerstören oder einfach kaputt gehen lassen. Es passiert nichts Schlimmes dabei, im Gegenteil: Ich werde frei, Gott mit dem Herzen zu suchen, und ich kann dabei erfahren, dass ich einfach so zu ihm hingehen kann, ohne Kupferschlange. Er beißt mich nicht, wenn ich mich ihm anvertraue und ihm mein Herz ausschütte. Er hilft mir, wenn ich seine Hilfe brauche. Er ist mir nahe, wenn ich mich allein fühle. Er ist da – jetzt. Für mich, für uns.&#xA;&#xA;Bild (c) Willrow Hood / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/35/04/b7de58f99859d291350c1802a9e6.webp" alt="Indiana Jones"></p>

<h2 id="num-21-4-9-https-www-bibleserver-com-eu-4-mose21-2c4-9-dienstag-der-fünften-woche-der-fastenzeit"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/4.Mose21%2C4-9">Num 21, 4–9</a>, Dienstag der fünften Woche der Fastenzeit</h2>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Fastenzeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fastenzeit</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Num" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Num</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Indiana Jones, der verrückte Archäologie-Professor ist ein typischer Held von Kinder- und Jugendträumen. Die Abenteuer, die er erlebt, stehen dafür, dass selbst in einer modernen, technisch geprägten Welt das Unmögliche und Fantastische wahr werden kann. Indiana Jones macht sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral und geheimnisvollen indischen Kultgegenständen; selbst die Bundeslade findet er und rettet sie – eine Wunderwaffe – vor dem Zugriff der Nazis.</p>



<p>»Indy« lebt in einer Welt, die ziemlich der unseren entspricht, noch nicht ganz so supermodern, aber doch schon mit Autos, Flugzeugen und Sprengstoffen ausgestattet. Er ist ein findiges Kerlchen, und kennt nicht nur die Vergangenheit, sondern kann sich auch der modernen technischen Hilfsmittel bedienen und mit ihnen allerhand Tricks anstellen. Aber er öffnet auch die Tür zu einer anderen, verborgenen Dimension der Wirklichkeit, wo geheimnisvolle magische Gegenstände seit Jahrtausenden schlummern, wo Alltägliches sich plötzlich verwandelt und für den Sieg des Guten über das Böse genutzt werden kann.</p>

<p>Vielleicht dürfen wir uns den Mose, der viele Jahrtausende vor Indiana Jones die Bundeslade mit eigener Hand berühren konnte, ganz ähnlich vorstellen. Auch Mose war ein Held, ein kühner Draufgänger, der vor den Pharao hintrat und ihn herausforderte. Einer, der sein Volk durch unvorstellbare Gefahren führte, vor fiesen Feinden rettete und das alles auch nur leisten konnte, weil er irgendwie zwischen den Welten stand – handfest dem Irdischen zugewandt und doch offen für das Geheimnis hinter der oberflächlich erkennbaren Wirklichkeit. Und wie »Indy« hatte auch Mose, wenn es darauf ankam, immer einen Trick auf Lager. Davon berichtet die Bibel im Buch Numeri: Als die Israeliten von Giftschlangen angegriffen wurden, verschaffte Mose ihnen Rettung durch einen magischen Gegenstand, eine Kupferschlange, gleichsam als Abwehrzauber, der es ermöglichte, sogar Gift unbeschadet zu überstehen.</p>

<p>Anders als Indiana Jones aber ist Mose einer, der nicht nur Zugang zu einem undefinierbaren Geheimnis hat, sondern diesem Geheimnis auch einen Namen gibt: Gott, JHWH. Der, der für sein Volk da ist und es rettet. Mose vermittelt zur Sphäre des Heiligen. Durch Mose handelt Gott selbst. Eigentlich ist also Gott es, der sein Volk durch Mose vor den Schlangen rettet. Die Gefahr, in die er die Israeliten als Prüfung hineingeführt hat, beseitigt Gott, indem er den Mose als sein Werkzeug bestimmt.</p>

<p>Man sollte meinen, dass diese Kupferschlange als Hinweis auf die Gegenwart und das Heilshandeln Gottes über alle Generationen hinweg von den Israeliten heilig gehalten werden sollte. Aber nein: Der fromme, vorbildliche König Hiskija, zerstört die Kupferschlange des Mose und wird dafür in der Bibel ausdrücklich gelobt. Nicht nur dafür, dass er die heidnischen Götzenbilder vernichtet und sich von der kulturellen Dominanz der Assyrer lossagt, erfährt er Anerkennung, sondern auch dafür, dass er zerschlägt, was Mose im Auftrag Gottes angefertigt hatte.</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Was sagt uns das? Zum einen, dass das biblische Gottesbild nicht von einem billigen Kulturchauvinismus geprägt ist, wie er heutzutage manchmal in unseren Kirchen herrscht: Unser Gott ist viel besser, größer, toller als eurer (der Gott der Muslime, der Hindus, oder der Gott der Juden). Als ob es überhaupt verschiedene Götter geben könnte! Genau dafür steht die Bibel nämlich zum Zweiten ein: Gott ist einzig, es gibt ihn nicht in verschiedener Ausfertigung, sondern nur einmal und für alle Menschen. Um diesen Gott, seine heilende Zuwendung, seine Sorge und Liebe zu spüren, braucht es keine Bilder, keine Kultgegenstände oder Rituale. Auch die Schlange des Mose ist daher eigentlich nur ein Surrogat. Ursprünglich trat sie als Hilfe für die mutlos gewordenen Israeliten an die Stelle der inneren Beziehung der Menschen zu Gott, an die Stelle eines ohne Zauber und Magie vertrauenden Glaubens. Menschen, die im Glauben erwachsen werden wollen, müssen sich von solchen Surrogaten lösen. Ob man einen Pfarrer, der Rosenkränze und Heiligenbildchen verbrennt, Opferkerzen auf den Müll wirft und Reliquienschreine zerschlägt, heutzutage wohl auch loben würde? Wohl kaum. Und doch würde er nur das Gleiche tun, wie einst der fromme König Hiskija: zeigen, dass es für die Nähe Gottes keiner Vermittlung durch Zeichen, Bilder oder andere Gegenstände bedarf.</p>

<p>Interessant, dass bei Indiana Jones am Ende jeder Geschichte auch immer so etwas Ähnliches passiert: »Indy« rettet die Welt, indem er die Gegenstände, nach denen er so rastlos und unerschrocken auf der Suche war, zerstört oder sie zumindest jedem Zugriff entzieht. Und das gelingt ihm, indem er jedes Mal eine entscheidende Probe besteht, die zeigt, dass er – im Gegensatz zu den anderen Schatzjägern – keine unlauteren Absichten hat, nicht nach Macht verlangt, seine persönlichen Ziele und Wünsche hintan stellen kann. Auch wenn er ein Casanova, Trickser und manchmal ein kleiner Gauner ist, so ist er im Grunde seines Herzens doch lauter und voller Vertrauen auf das Gute in den Menschen.</p>

<p>Für alle gilt das Gleiche: für Indiana Jones, für Mose, für mich. Es kommt nicht darauf an, sich den Zugang zu Gott durch viele Gebete, besondere Riten oder die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Auserwählten zu erschleichen. Alle Krücken, die vorgeben, sie würden mir helfen, mich langsam und mühevoll in die Nähe Gottes hinzuschleppen, sind überflüssig. Ich kann sie wegschmeißen, zerstören oder einfach kaputt gehen lassen. Es passiert nichts Schlimmes dabei, im Gegenteil: Ich werde frei, Gott mit dem Herzen zu suchen, und ich kann dabei erfahren, dass ich einfach so zu ihm hingehen kann, ohne Kupferschlange. Er beißt mich nicht, wenn ich mich ihm anvertraue und ihm mein Herz ausschütte. Er hilft mir, wenn ich seine Hilfe brauche. Er ist mir nahe, wenn ich mich allein fühle. Er ist da – jetzt. Für mich, für uns.</p>

<p><em>Bild © Willrow Hood / Adobe Stock</em></p>

<div class="about-box">
  <img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp" alt="linkskatholisch">
  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://linkskatholisch.de/indiana-jones-am-sinai</guid>
      <pubDate>Sat, 10 Mar 2018 17:00:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Steer your way: Zu einem Song von Leonhard Cohen</title>
      <link>https://linkskatholisch.de/steer-your-way</link>
      <description>&lt;![CDATA[Steuermann im Sturm&#xA;&#xA;Mt 4,1–11, Erster Sonntag der Fastenzeit (A)&#xA;&#xA;#Predigt #Fastenzeit #Mt&#xA;&#xA;I&#xA;&#xA;Ich stehe am Steuer meines Lebensschiffes. Die Gischt schäumt um den Bug, kühn schaue ich nach vorne, den Blick in die Ferne gewandt. Wie ein Held breche ich auf ins Unbekannte, um mir meine Zukunft zu holen, von der ich geträumt habe – ein Leben, das mir gehört und das ich nach meinem Willen gestalten kann, anders als Tradition und Herkunft es mir sagen. Alle kühnen Abenteurer sind auf diese Weise aufgebrochen, angefangen von den Sagengestalten der Antike bis zu den Eroberern der Neuen Welt und in fernen Jahrhunderten die Mannschaft der Enterprise.&#xA;!--more--&#xA;&#xA;»Steer your way«, »greif zum Steuer, bahn dir deinen Weg«, singt Leonard Cohen und beschwört damit für einen kurzen Moment das Bild des souveränen Steuermanns herauf. Selbst wenn ich nicht unbedingt ein Held sein will: Ich brauche dieses Bild auch für mein eigenes Leben. Wenn es nichts gibt, was mich antreibt, wie sollte ich dann im Leben vorankommen? Wenn ich nicht an eine Zukunft glaube, die für mich bestimmt ist, warum sollte ich dann überhaupt aufbrechen? Es mag unterschiedlich sein, was wir am fernen Horizont für uns erhoffen. Den einen motiviert die Suche nach Erkenntnis und Wissen. Ist es nicht großartig, was es da alles zu entdecken gibt, wenn ich mich in eine Bibliothek hinein versenke oder mich in ein Labor einschließe, alles um mich herum vergesse und staunend erfahre, wie viel an Schätzen die Menschheit schon angesammelt hat: Kunst und Literatur, Theorien und Formeln, die die Welt auf den Begriff bringen. Und es lockt das Versprechen, dass da noch mehr ist, vielleicht ein ganz kleiner Baustein, der bisher noch nicht gefunden wurde und mit dem ich persönlich dazu beitragen kann, dass das Verstehen wächst, die Welt noch offener und weiter und toleranter wird. Ein anderer mag es genießen, mit organisatorischem Können und wirtschaftlichem Geschick ein Unternehmen zu leiten, etwas aufzubauen, was zum allgemeinen Wohlstand beiträgt, etwas, von dem viele profitieren, etwas von bleibendem Wert. Und für wieder einen anderen ist es die Sorge um die ihm anvertrauten Menschen, die ihn nach vorne treibt. Für andere da zu sein, darauf zu achten, dass es ihnen gut geht – ist es nicht das, was uns im Tiefsten glücklich macht?&#xA;&#xA;II&#xA;&#xA;Ich vermute, in dem ein oder anderen Bild finden wir uns alle irgendwie wieder, und wir sind, von unseren unterschiedlichen Motiven bewegt, schon ein gewisses Stück vorangekommen auf unserer Lebensreise. Haben Wissen gesammelt, Qualifikationen erworben, uns in dem ein oder anderen praktischen Feld erprobt. Gewiss haben wir auch Rückschläge erlebt, aber wir haben wenigstens einige unserer Ziele erreicht. Und schauen uns am Steuer unseres Lebensschiffes zufrieden um; gleiten an Inseln mit malerischen Stränden vorbei, an dem ein oder anderen schroffen Gebirge, aber auch an besiedelten Buchten mit einladenden Häusern und freundlichen Menschen – unsere Lebenslandschaft.&#xA;&#xA;Was aber, wenn sich das alles bei näherem Hinsehen auf einmal als trügerisch entpuppt? Die Ansiedlungen verfallen und auf Müll gebaut, »they rise above the rot«; die Fenster der wohnlich geglaubten Häuser schauen mich mit leeren Augen an; an den einsamen Stränden stirbt die Natur und die Luft, die ich atme, ist mit einem Mal schneidend und kaum zu ertragen. Meine Lebenslandschaft: ein Trümmerfeld. So mag es dem melancholischen Poeten ergangen sein, der uns in der Rückschau auf ein langes Leben den Song »Steer your way« hinterlassen hat. Alles, worauf er sein Leben gebaut und woran er geglaubt hat, zerbröselt ihm zwischen den Fingern. Meine Wahrheiten sind von gestern und gelten heute nicht mehr. Meine Sicherheit, egal ob auf wirtschaftlichen oder weltanschaulichen Fundamenten gegründet, ist ins Wanken geraten. Selbst der Glaube hat mich verlassen: die alten Geschichten von der Erschaffung der Welt und die Gleichnisse von Liebe und Güte, Frieden und Versöhnung – nicht mehr als naive Märchen. Wie konnte es so weit kommen, dass ich mich habe täuschen lassen und auf Illusionen hereingefallen bin?&#xA;&#xA;III&#xA;&#xA;Könnte man diese Frage auch nicht dem stellen, der uns jeden Sonntag aufs Neue Hoffnungen macht, die sich am Ende womöglich auch nur als Illusionen erweisen? Ist es tatsächlich so, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen war – »never equal to the task« – und uns zu viel versprochen hat? Am Ende zerschellen seine Versprechen am Schmerz. Dem Schmerz über die Endlichkeit unseres Wissens, über die Grenzen unseres Könnens und unserer Fähigkeit, die Welt ein Stück besser zu machen; über die Grenzen sogar unseres Vermögens, zu lieben. Der Schmerz ist das einzig Reale. Der Stein von Golgota flüstert es mir zu, dass der Traum des Nazareners, die Menschen untereinander und mit Gott zu versöhnen, gescheitert ist. So bleibt uns am Ende nur, uns im Unvermeidlichen einzurichten und weiter unser altes Leben voller Gier und Konkurrenz zu leben: »As he died to make men holy, let us die to make things cheap.« Wäre es nicht besser gewesen, Jesus hätte die Möglichkeiten genutzt, die man ihm geboten hat? Warum hat er die Herrschaft über die Reiche dieser Welt abgelehnt? Er hätte sie doch zum Guten nutzen können. Warum hat er es abgelehnt, die Menschen mit den Gütern zu versorgen, die sie so notwendig brauchen? Es ist doch etwas Gutes, Wohlstand für alle zu schaffen. Warum hat er es abgelehnt, Gottes Macht durch ein eindeutiges Zeichen zu erweisen? Es ist doch gut, wenn die Menschen etwas haben, woran sie sich halten können. Und damit sind wir schon auf den Weg geraten, auf dem wir Luftschlösser und Illusionen bauen. Alle Theorien, alle Konzepte, alle Strategien sind nützlich, solange wir sie als etwas Vorläufiges betrachten. Verantwortungsvolle Wissenschaft kann uns vieles ermöglichen, was das Leben erleichtert. Kluge Politik und maßvolles Wirtschaften können für mehr Gerechtigkeit sorgen. Aber nichts von alledem ist absolut. Kein Wissen, kein Handeln, auch kein Glaube. Halten wir das Vorläufige für die Wahrheit und Wirklichkeit selbst, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Daher weist Jesus die Versuchungen, mit denen er konfrontiert wird, zurück. Er weiß, dass es nur Illusionen sind. Nur der Herr, dein Gott, alleine, so Jesus, ist keine Illusion. Aber selbst unser Bild von Gott ist nur vorläufig. Denn am Ende wird Jesus auch das genommen. Wir gehen in dieser Fastenzeit mit ihm den Weg ans Kreuz, wo er fragen wird: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?«&#xA;&#xA;IV&#xA;&#xA;Was bleibt mir dann, wenn ich auf gar nichts mehr bauen kann? – »Steer your way«, sagt das Lied, »past the ruins, past the truth«. Es gibt also noch etwas jenseits der verloren gegangenen Sicherheiten, jenseits der entlarvten Illusionen. »Steer your way«, bleib nicht stehen, geh weiter. Es ist unvermeidlich, dass du enttäuscht wirst. Es ist unvermeidlich, dass dein Wissen dir fragwürdig wird, gerade dann, wenn du dich leidenschaftlich um Wissen bemühst. Es ist unvermeidlich, dass du in die Irre gehst, gerade dann, wenn du aufrichtig nach Wahrheit strebst. Es ist unvermeidlich, dass deine Zuneigung ins Leere läuft, dass du Schmerzen erleidest, dass du selbst schuldig wirst. Aber das alles ist kein Grund, stehen zu bleiben und deine Suche aufzugeben. »Steer your way«, suche nach der Liebe, die keine Worte mehr hat, nach der Wahrheit, die nicht ausgesprochen werden kann, nach dem Gott, der jedes Bild sprengt. Immer wenn du glaubst, du hättest das Letztgültige gefunden, weißt du, dass es nicht das Letzte ist. Aber du weißt auch: Solange du unterwegs bist, wird der unbekannte nahe Gott dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt, er wird dir seine Engel senden und er ist sogar schon an deiner Seite: in Jesus, der gekommen ist, um dir und allen anderen Menschen zu dienen.&#xA;&#xA;---&#xA;Steer your way&#xA;&#xA;  Steer your way past the ruins of the altar and the mall&#xA;Steer your way through fables of creation and the fall&#xA;Steer your way past the palaces that rise above the rot&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;&#xA;  Steer your heart past the truth that you believed in yesterday&#xA;Such as fundamental goodness and the wisdom of the way&#xA;Steer your heart, precious heart, past the women whom you bought&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;Steer you way through the pain that is far more real than you&#xA;That’s smashed the cosmic model, that blinded every view&#xA;And please don’t make me go there, though there be a God or not&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;&#xA;  They whisper still, the injured stones&#xA;The blunted mountains weep&#xA;As he died to make men holy&#xA;Let us die to make things cheap&#xA;And the Mea Culpa, which you probably forgot&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;&#xA;  Steer your way, O my heart, though I have no right to ask&#xA;To the one who was never, never equal to the task&#xA;Who knows he’s been convicted, who knows he will be shot&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;&#xA;  They whisper still, the injured stones&#xA;The blunted mountains weep&#xA;As he died to make men holy&#xA;Let us die to make things cheap&#xA;And the Mea Culpa, which you gradually forgot&#xA;Year by year, month by month, day by day&#xA;Thought by thought&#xA;&#xA;  (c) Leonard Cohen 2016, aus: You want it darker&#xA;&#xA;Bild (c) Brilliant Eye / Adobe Stock&#xA;&#xA;div class=&#34;about-box&#34;&#xD;&#xA;  img src=&#34;https://snap-share.de/public/uploads/original/71/f9/78f2ae009a5b6e505d28f7080b61.webp&#34; alt=&#34;linkskatholisch&#34;&#xD;&#xA;  h4«linkskatholisch«/h4&#xD;&#xA;  pHier schreibt emHermann Josef Eckl/em, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge./p&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://snap-share.de/public/uploads/original/1e/aa/79e64298fc4c4f25f2ff2170de57.webp" alt="Steuermann im Sturm"></p>

<h3 id="mt-4-1-11-https-www-bibleserver-com-eu-matth-c3-a4us4-2c1-11-erster-sonntag-der-fastenzeit-a"><a href="https://www.bibleserver.com/EU/Matth%C3%A4us4%2C1-11">Mt 4,1–11</a>, Erster Sonntag der Fastenzeit (A)</h3>

<p><a href="https://linkskatholisch.de/tag:Predigt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Predigt</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Fastenzeit" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Fastenzeit</span></a> <a href="https://linkskatholisch.de/tag:Mt" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Mt</span></a></p>

<h4 id="i">I</h4>

<p>Ich stehe am Steuer meines Lebensschiffes. Die Gischt schäumt um den Bug, kühn schaue ich nach vorne, den Blick in die Ferne gewandt. Wie ein Held breche ich auf ins Unbekannte, um mir meine Zukunft zu holen, von der ich geträumt habe – ein Leben, das mir gehört und das ich nach meinem Willen gestalten kann, anders als Tradition und Herkunft es mir sagen. Alle kühnen Abenteurer sind auf diese Weise aufgebrochen, angefangen von den Sagengestalten der Antike bis zu den Eroberern der Neuen Welt und in fernen Jahrhunderten die Mannschaft der Enterprise.
</p>

<p>»Steer your way«, »greif zum Steuer, bahn dir deinen Weg«, singt Leonard Cohen und beschwört damit für einen kurzen Moment das Bild des souveränen Steuermanns herauf. Selbst wenn ich nicht unbedingt ein Held sein will: Ich brauche dieses Bild auch für mein eigenes Leben. Wenn es nichts gibt, was mich antreibt, wie sollte ich dann im Leben vorankommen? Wenn ich nicht an eine Zukunft glaube, die für mich bestimmt ist, warum sollte ich dann überhaupt aufbrechen? Es mag unterschiedlich sein, was wir am fernen Horizont für uns erhoffen. Den einen motiviert die Suche nach Erkenntnis und Wissen. Ist es nicht großartig, was es da alles zu entdecken gibt, wenn ich mich in eine Bibliothek hinein versenke oder mich in ein Labor einschließe, alles um mich herum vergesse und staunend erfahre, wie viel an Schätzen die Menschheit schon angesammelt hat: Kunst und Literatur, Theorien und Formeln, die die Welt auf den Begriff bringen. Und es lockt das Versprechen, dass da noch mehr ist, vielleicht ein ganz kleiner Baustein, der bisher noch nicht gefunden wurde und mit dem ich persönlich dazu beitragen kann, dass das Verstehen wächst, die Welt noch offener und weiter und toleranter wird. Ein anderer mag es genießen, mit organisatorischem Können und wirtschaftlichem Geschick ein Unternehmen zu leiten, etwas aufzubauen, was zum allgemeinen Wohlstand beiträgt, etwas, von dem viele profitieren, etwas von bleibendem Wert. Und für wieder einen anderen ist es die Sorge um die ihm anvertrauten Menschen, die ihn nach vorne treibt. Für andere da zu sein, darauf zu achten, dass es ihnen gut geht – ist es nicht das, was uns im Tiefsten glücklich macht?</p>

<h4 id="ii">II</h4>

<p>Ich vermute, in dem ein oder anderen Bild finden wir uns alle irgendwie wieder, und wir sind, von unseren unterschiedlichen Motiven bewegt, schon ein gewisses Stück vorangekommen auf unserer Lebensreise. Haben Wissen gesammelt, Qualifikationen erworben, uns in dem ein oder anderen praktischen Feld erprobt. Gewiss haben wir auch Rückschläge erlebt, aber wir haben wenigstens einige unserer Ziele erreicht. Und schauen uns am Steuer unseres Lebensschiffes zufrieden um; gleiten an Inseln mit malerischen Stränden vorbei, an dem ein oder anderen schroffen Gebirge, aber auch an besiedelten Buchten mit einladenden Häusern und freundlichen Menschen – unsere Lebenslandschaft.</p>

<p>Was aber, wenn sich das alles bei näherem Hinsehen auf einmal als trügerisch entpuppt? Die Ansiedlungen verfallen und auf Müll gebaut, »they rise above the rot«; die Fenster der wohnlich geglaubten Häuser schauen mich mit leeren Augen an; an den einsamen Stränden stirbt die Natur und die Luft, die ich atme, ist mit einem Mal schneidend und kaum zu ertragen. Meine Lebenslandschaft: ein Trümmerfeld. So mag es dem melancholischen Poeten ergangen sein, der uns in der Rückschau auf ein langes Leben den Song »Steer your way« hinterlassen hat. Alles, worauf er sein Leben gebaut und woran er geglaubt hat, zerbröselt ihm zwischen den Fingern. Meine Wahrheiten sind von gestern und gelten heute nicht mehr. Meine Sicherheit, egal ob auf wirtschaftlichen oder weltanschaulichen Fundamenten gegründet, ist ins Wanken geraten. Selbst der Glaube hat mich verlassen: die alten Geschichten von der Erschaffung der Welt und die Gleichnisse von Liebe und Güte, Frieden und Versöhnung – nicht mehr als naive Märchen. Wie konnte es so weit kommen, dass ich mich habe täuschen lassen und auf Illusionen hereingefallen bin?</p>

<h4 id="iii">III</h4>

<p>Könnte man diese Frage auch nicht dem stellen, der uns jeden Sonntag aufs Neue Hoffnungen macht, die sich am Ende womöglich auch nur als Illusionen erweisen? Ist es tatsächlich so, dass er seiner Aufgabe nicht gewachsen war – »never equal to the task« – und uns zu viel versprochen hat? Am Ende zerschellen seine Versprechen am Schmerz. Dem Schmerz über die Endlichkeit unseres Wissens, über die Grenzen unseres Könnens und unserer Fähigkeit, die Welt ein Stück besser zu machen; über die Grenzen sogar unseres Vermögens, zu lieben. Der Schmerz ist das einzig Reale. Der Stein von Golgota flüstert es mir zu, dass der Traum des Nazareners, die Menschen untereinander und mit Gott zu versöhnen, gescheitert ist. So bleibt uns am Ende nur, uns im Unvermeidlichen einzurichten und weiter unser altes Leben voller Gier und Konkurrenz zu leben: »As he died to make men holy, let us die to make things cheap.« Wäre es nicht besser gewesen, Jesus hätte die Möglichkeiten genutzt, die man ihm geboten hat? Warum hat er die Herrschaft über die Reiche dieser Welt abgelehnt? Er hätte sie doch zum Guten nutzen können. Warum hat er es abgelehnt, die Menschen mit den Gütern zu versorgen, die sie so notwendig brauchen? Es ist doch etwas Gutes, Wohlstand für alle zu schaffen. Warum hat er es abgelehnt, Gottes Macht durch ein eindeutiges Zeichen zu erweisen? Es ist doch gut, wenn die Menschen etwas haben, woran sie sich halten können. Und damit sind wir schon auf den Weg geraten, auf dem wir Luftschlösser und Illusionen bauen. Alle Theorien, alle Konzepte, alle Strategien sind nützlich, solange wir sie als etwas Vorläufiges betrachten. Verantwortungsvolle Wissenschaft kann uns vieles ermöglichen, was das Leben erleichtert. Kluge Politik und maßvolles Wirtschaften können für mehr Gerechtigkeit sorgen. Aber nichts von alledem ist absolut. Kein Wissen, kein Handeln, auch kein Glaube. Halten wir das Vorläufige für die Wahrheit und Wirklichkeit selbst, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Daher weist Jesus die Versuchungen, mit denen er konfrontiert wird, zurück. Er weiß, dass es nur Illusionen sind. Nur der Herr, dein Gott, alleine, so Jesus, ist keine Illusion. Aber selbst unser Bild von Gott ist nur vorläufig. Denn am Ende wird Jesus auch das genommen. Wir gehen in dieser Fastenzeit mit ihm den Weg ans Kreuz, wo er fragen wird: »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?«</p>

<h4 id="iv">IV</h4>

<p>Was bleibt mir dann, wenn ich auf gar nichts mehr bauen kann? – »Steer your way«, sagt das Lied, »past the ruins, past the truth«. Es gibt also noch etwas jenseits der verloren gegangenen Sicherheiten, jenseits der entlarvten Illusionen. »Steer your way«, bleib nicht stehen, geh weiter. Es ist unvermeidlich, dass du enttäuscht wirst. Es ist unvermeidlich, dass dein Wissen dir fragwürdig wird, gerade dann, wenn du dich leidenschaftlich um Wissen bemühst. Es ist unvermeidlich, dass du in die Irre gehst, gerade dann, wenn du aufrichtig nach Wahrheit strebst. Es ist unvermeidlich, dass deine Zuneigung ins Leere läuft, dass du Schmerzen erleidest, dass du selbst schuldig wirst. Aber das alles ist kein Grund, stehen zu bleiben und deine Suche aufzugeben. »Steer your way«, suche nach der Liebe, die keine Worte mehr hat, nach der Wahrheit, die nicht ausgesprochen werden kann, nach dem Gott, der jedes Bild sprengt. Immer wenn du glaubst, du hättest das Letztgültige gefunden, weißt du, dass es nicht das Letzte ist. Aber du weißt auch: Solange du unterwegs bist, wird der unbekannte nahe Gott dich tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt, er wird dir seine Engel senden und er ist sogar schon an deiner Seite: in Jesus, der gekommen ist, um dir und allen anderen Menschen zu dienen.</p>

<hr>

<h3 id="steer-your-way">Steer your way</h3>

<blockquote><p>Steer your way past the ruins of the altar and the mall
Steer your way through fables of creation and the fall
Steer your way past the palaces that rise above the rot
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought</p>

<p>Steer your heart past the truth that you believed in yesterday
Such as fundamental goodness and the wisdom of the way
Steer your heart, precious heart, past the women whom you bought
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought
Steer you way through the pain that is far more real than you
That’s smashed the cosmic model, that blinded every view
And please don’t make me go there, though there be a God or not
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought</p>

<p>They whisper still, the injured stones
The blunted mountains weep
As he died to make men holy
Let us die to make things cheap
And the Mea Culpa, which you probably forgot
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought</p>

<p>Steer your way, O my heart, though I have no right to ask
To the one who was never, never equal to the task
Who knows he’s been convicted, who knows he will be shot
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought</p>

<p>They whisper still, the injured stones
The blunted mountains weep
As he died to make men holy
Let us die to make things cheap
And the Mea Culpa, which you gradually forgot
Year by year, month by month, day by day
Thought by thought</p>

<p>© Leonard Cohen 2016, aus: You want it darker</p></blockquote>

<p><em>Bild © Brilliant Eye / Adobe Stock</em></p>

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  <h4>«linkskatholisch«</h4>
  <p>Hier schreibt <em>Hermann Josef Eckl</em>, Seelsorger im Bezirksklinikum Mainkofen und Lehrbeauftragter am Department für Katholische Theologie der Universität Passau, über Spiritualität, Theologie und Seelsorge.</p>
</div>
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      <pubDate>Sun, 05 Mar 2017 17:00:00 +0000</pubDate>
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